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Glaubwürdigkeit von Okkultisten allgemein

Kosmogonie @, Samstag, 04. Juli 2020, 22:46 (vor 112 Tagen) @ Uwe Todt

Ich bin zu einer Fortsetzung des Gesprächs bereit, möchte dieses aber gerne als ein Gespräch zwischen uns als Personen fortsetzen, wie ich es oben bereits durchgeführt habe, denn ich kann mich ja nur mit Personen unterhalten, nicht mit der Kosmogonie und auch nicht mit Pseudonymen. Ein Gespräch lohnt sich doch nur mit jemandem, der mit seinem Ich hinter seinen Aussagen steht.

Sie haben meinen Klarnamen in Ihrer letzten Mitteilung dreimal ausgeschrieben, was ich vorerst korrigiert habe. Im Nachhinein willige ich ein, daß Sie mich mit Klarnamen anreden, zumal ich Ihre Gründe verstehe. Allerdings kann ich als Administrator meinen Autorennamen ("Kosmogonie") in diesem Forum nicht mehr ändern. Ich kann höchstens noch meine Texte mit meinem Klarnamen "unterschreiben".

Ich habe alle Bücher, die Sie im Novalis-Verlag veröffentlicht haben, gelesen und ich habe auch die Inhalte größtenteils wohl parat. Daher brauchen Sie nicht auf Textstellen verweisen. Außer natürlich, wenn ich Sie aus dem Gedächtnis falsch zitiere.

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Grundsätzliches zur Glaubwürdigkeit okkultistischer Schriftsteller

Ich unterstelle, daß es keinen Menschen gibt, dem man alles glauben darf. Für Steiner gilt ungefähr, was er (fälschlich) dem Papst unterstellt hat:

Das Fatale ist, daß der Papst es nie sagt, ob er ex cathedra spricht oder ob er privat spricht.

(Zitiert nach Kriele, Anthroposophie und Kirche, S. 197) Entsprechend weiß man bei Steiner meist ebenfalls nicht, ob er aus Inspiration spricht, oder ob er Gehörtes oder Angelesenes wiedergibt (darunter sogar falsche Zeitungsnachrichten), oder ob er sich etwas ausgedacht hat. Und Manches, was er vor Mitgliedern sagte, war nicht nur dumm, sondern geradezu peinlich. Beispiele habe ich ja in diesem Forum reichlich angeführt, und auch auf der Hauptseite in der Einleitung.

Für Martinus dürfte Gleiches gelten. Darum teile ich Ihr Vertrauen in die unbedingte Glaubwürdigkeit von Martinus definitiv nicht. Zu diesem Glaubwürdigkeitsproblem hat Tomberg in seinen "Arcana des Tarot", zwanzigster Brief (Das Gericht - Arcanaum er Auferstehung) etwas geschrieben, was mich sehr überzeugt (Hervorhebungen in Golddruck durch mich):

So beschränken sich also die Erfahrungen der "Akasha-Chronik", wie sie von Okkultisten, Esoterikern, Mystikern und Hermetikern gemacht worden sind, immer auf Teile von ihr. Als allgemeine Regel gilt, daß ihr ertragbares Maß im Falle der intuiven Erfahrung am größten ist; es verringert sich bei der inspirativen Erfahrung, und es ist am eingeschränktesten bei der visionären Erfahrung.

So hatte sich zum Beispiel Fabre d'Olivet auf eine Anzahl von Visionen oder Szenen der zweiten "Akasha-Chronik" gestützt. Es handelte sich dabei um Auszüge - um einige Seiten aus einem umfangreichen Buch -, und seine intellektuelle Spekulation setzte die Bindestriche zwischen die isolierten Szenen seiner Visionen und schloß die Lücken zwischen dem, was er geschaut und dem, was er nicht geschaut hatte. Darum nannte er mit Recht sein Werk "Philosophische Geschichte des Menschengeschlechtes", denn der Hauptteil seiner Schrift geht auf seine Philosophie zurück, d.h. auf Interpretation und verstandesmäßige Spekulation.

Es wäre also ein schwerwiegender Irrtum, das Buch von Fabre d'Olivet einzig und allein als Offenbarung oder Darstellung dessen anzusehen, was er in der "Akasha-Chronik" gelesen hat. Es finden sich dort nicht nur Stellen, wo die Vorliebe des Verfassers eine Rolle spielt, sondern auch sehr bestimmte Vorurteile (z.B. gegen das Christentum) - was im übrigen sein Verdienst nicht schmälert, der "Engel der Tradition" zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein und einige wichtige Aspekte der hermetischen Tradition wachgerufen, vielleicht sogar gerettet zu haben. Denn er hat als erster die Geschichte auf das Niveau der Hermetik erhoben, der vor Fabre d'Olivet eine deutlich aufgezeichnete Schau und Sicht der Weltgeschichte fehlte. Der mystische Aspekt - das alchemistische große Werk des neuen Menschen und der geheiligten Magie - spielte in der Hermetik während langer Zeit die Hauptrolle.

Fabre d'Olivet ist es zu verdanken, daß eine Strömung der esoterischen Geschichte aufkam, deren Repräsentanten Saint-Yves d'Alveydre, Blavatsky und Rudolf Steiner sind, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Aber obwohl seit der Zeit von Fabre d'Olivet der esoterische Historismus eine unerhörte Entwicklung erfahren hat und grandiose Werke erschienen sind - zum Beispiel "Aus der Akasha-Chronik" (1904/1908) und die Kapitel über die kosmische Geschichte in der "Geheimwissenschaft im Umriß" (1910) von Rudolf Steiner - bezieht sich das, was wir soeben vom Werk Fabre d'Olivets gesagt haben, gleicherweise auch auf seine Nachfolger im Bereich des auf der "Akasha-Chronik" fußenden esoterischen Historismus.

Denn welches auch das Ausmaß ihrer Erfahrung der "Akasha-Chronik" sein mag, wie eindrucksvoll die Ergebnisse ihres Strebens nach Auswertung ihrer Erfahrungen auch sein mögen, diese bleiben nichtsdestoweniger fragmentarisch; und der mehr oder weniger von Erfolg gekrönten intellektuellen Anstrengung der Verfassung verdanken wir die logische oder künstlerische Verknüpfung ihrer vermeintlichen Beschreibung der "Akasha-Chronik". Jeder dieser Verfasser der esoterischen Geschichte hat Lücken in der Erfahrung seiner Quelle - der "Akasha-Chronik" - und hat sie geschlossen, indem er beim Verstand und bei der Gelehrsamkeit, über die er verfügte, Zuflucht nahm.

So ist also die Lage des esoterischen Historismus gegenwärtig die, daß man nicht auf irgendein besonderes Werk schwören kann; auch dort bedarf es gemeinsamer Arbeit, die von Generation zu Generation fortgesetzt wird - d.h., es bedarf der lebendigen Tradition, wo jeder die Arbeit seiner Vorgänger fortsetzt, ihre Wahrheiten bestätigt, ihre Lücken schließt, und ihre Irrtümer in der Interpretation oder der Schau korrigiert. Niemand sollte heute mehr eigenmächtig im Bereich der esoterischen Geschichte "ganz von neuem beginnen", auch wenn er der größte Seher und der tiefste Denker wäre. Künftig wird es nicht um vereinzelte Geistesblitze handeln, sondern um eine gemeinsame Fortsetzung der Tradition, d.h. an der langsamen, aber stetigen Vermehrung des Lichtes, dessen Morgenröte das Lebenswerk von Fabre d'Olivet war.

Resümee:

Ich halte Martinus' kosmologisches System insgesamt für eine philosophische Konstruktion von sehr beschränktem Wert. Daß er auch echte Eingebungen hatte, bestreite ich nicht. Die sehe ich aber eher in gewissen Details, nicht in seiner Kosmologie. Diese Details sollten wir bereden.

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Zur Boddhisattva-Frage:

Den zitierten Anthrowiki-Artikel habe ich gelesen. Ich entnehme ihm, daß der Boddhisattva keineswegs, wie Sie behauptet haben, vor seiner Erleuchtung völlig unbekannt gewesen muß. Denn vorbildlich ist ja die Inkarnation Christi in Jesus. Und Jesus war zuvor durchaus schon als Gottesmensch hervorgetreten, sogar schon mit der Geburt gemäß dem Matthäus-Evangelium. Denn die drei Priesterkönige aus dem Morgenland kamen ja zu ihm, weil sie in ihm etwas Besonderes erkannt hatten. Als 12-Jähriger erregte Jesus dann großes Aufsehen bei der Diskussion mit Theologen. Und sogar als Zimmermanngeselle (siehe Steiners 5. Evangelium) hinterließ er überall, wo er hinkam, starke Eindrücke.

Insofern gilt Ihr Einwand selbstverständlich nicht, daß Tomberg allein schon deswegen nicht der Boddhisattva gewesen sein könne, weil er, anders als Martinus, hoch gebildet und nicht mehr ganz unbekannt war.

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Zur Wiederverkörperung:

Ich stimme Ihren Ausführungen zu, außer in einem Punkt: Unsere Entelechie ist nicht der Schutzengel. Der ist ein Wesen für sich und begleitet uns für eine gewisse Zeit, d.h. wohl noch einige Inkarnationen.

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Zu Leibniz:

Auch wenn Sie bisher nichts von ihm gelesen haben, so empfehle ich Ihnen nachdrücklich, meinen diesbezüglichen Artikel zu lesen. Er handelt natürlich nicht von Martinus, aber ist das ein Grund, ihn nicht zu lesen? Vorkenntnisse sind wirklich nicht nötig.

Beachten Sie bitte auch meine anderen Beiträge zum Martinus-Thema (in diesem Thread), zu denen ich auch gerne Ihre Antwort lesen würde.

Mit freundlichen Grüßen!
Thomas Lentze


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