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Wesenlose Weltbilder (1): Der dänische Kosmosoph Martinus (1890-1981) in der Darstellung von Uwe Todt

Kosmogonie @, Montag, 08. Juni 2020, 14:34 (vor 141 Tagen)

Hinweis: Da auf diesen Beitrag noch keine Antwort erfolgt ist, habe ich dem ursprünglichen Titel eine Art Übertitel vorangestellt: Wesenlose Weltbilder. Übertitel, weil ich noch mindestens einen weiteren Beitrag plane, der sich mit spirituellen Weltbildern befaßt, in denen nichtmenschliche Wesen keine oder so gut wie keine Rolle spielen. Im nächsten Beitrag unter diesem Übertitel werde ich meine allgemeine Einschätzung solcher Weltbilder darlegen.

Uwe Todt, ein anthroposophisch gebildeter Autor, hat in den letzten Jahren mehre Bücher über die Person und das Werk von Martinus (bürgerlich: Martinus Thomsen) veröffentlicht. Dieser war mir bis dahin unbekannt. Auch besagter Autor gibt an, daß er auf Martinus erst sehr spät gestoßen ist. Dabei könnte es gut sein, daß es sich bei Martnus um den von Steiner vorhergesagten Boddhisattva gehandelt hat. Jedenfalls treffen die von Steiner genannten Kriterien auf Martinus vollständig zu (wie übrigens auch auf Valentin Tomberg).

Selbstverständlich fragt man sich als anthroposophisch gebildeter/vorbelasteter Leser in einem solchen Fall, inwiefern das Weltbild des fraglichen Autors, hier Martinus, mit dem von Steiner übereinstimmt. Auch Uwe Todt geht dieser Frage nach, und dies sogar sehr ausführlich; ja er hat ihr ein eigenes Buch gewidmet: "Anthroposophie und Martinus' Geisteswissenschaft. Aspekte eines zukünftigen Christentums" (2016).

Für Todt ist die Sache weitgehend klar: Offensichtliche Nichtübereinstimmungen, ja Widersprüche, lassen sich durch logische Überlegungen meistens auflösen oder verlieren an Bedeutung, und ansonsten waren dem Steiner manche Dinge eben einfach "noch nicht bekannt". Anders gesagt: Steiners kosmologisches Wissen oder kosmisches Bewußtsein hinkte - Todt zufolge - dem von Martinus etwas hinterher, was ja wegen des zeitlichen Abstandes plausibel erscheint. Ersatzweise habe Steiner dann auf Traditionen zurückgegriffen, wie etwa auf die Hierarchienlehre des Dionysios Areopagita.

Aber gerade an letzterem Punkt ist mir die vermeintliche Vereinbarkeit der Systeme erstmals fragwürdig geworden. Hierarchische Wesen, also Engel in weiterem Sinne, spielen bei Martinus nämlich keine Rolle; auch in den Sachregistern der Bücher von Todt kommen sie nicht vor. Dasselbe gilt auch für Elementarwesen, welche, zeitlich parallel mit dem ätherischen Erscheinen des Christus, heute so viele Forscher beschäftigen. Stattdessen ist bei Martinus ständig die Rede von den sechs Grundenergien, welche die kosmische Evolution in Gang halten.

Martinus hat sein Weltbild mit sehr vielen - ästhetisch m.E. sehr ansprechenden - Grafiken illustriert. Aber sie alle bzw. die durch sie bezeichneten Sachverhalte machen auf mich den Eindruck des Mechanischen und Automatenhaften. Ich komme nicht umhin, angesichts dieser Grafiken immerzu an gläserne Modelle von sechszylindrigen Hubkolbenmotoren zu denken, an deren Kurbelwellen man drehen kann, um die Stellungen der Kolben zu verfolgen, welche in Martinus' Weltbild die Stufen der kosmischen Evolution darstellen.

Für eine gewisse Grafik wäre das ein sechszylindriger Sternmotor; für andere Grafiken kommt ein sechszylindriger Reihenmotor in Frage. (Letzterer Vergleich ist allerdings mit dem Mangel behaftet, daß in einem wirklichen Reihenmotor immer zwei Kolben im oberen Totpunkt stehen und zwei im unteren; wohingegen im Martinus-Modell in jeder Evolutionsphase eine einzige Grundenergie kulminiert, eine andere "ganz unten" steht und vier andere gerade auf- bzw. absteigen.)

Uwe Todt macht nun den Versuch, die sechs Grundenergien, die bei Martinus eine so große Rolle spielen, mit der Hierarchienlehre in Einklang zu bringen, und er scheint sich seines Ergebnisses sicher zu sein. Doch gerade hier kann ich ihm keineswegs folgen. Es scheint mir, daß er die Steinersche Kosmologie einfach nicht gründlich genug kennt.

Todt zufolge sind nur sechs der neun Hierarchie-Ebenen mit der kosmischen Evolution beschäftigt, und zwar die sechs obersten, nämlich: Seraphim, Cherubim, Throne, Kyriotetes, Dynamis und Exusiai (Elohim); die drei unteren fallen aus. Das paßt aber nicht zu Steiners Darlegungen, denn bei ihm sind immer alle Ebenen eingebunden, mit Ausnahme der beiden obersten, also der Seraphim und Cherubim, die sich nur hilfsweise einschalten.

Die Gleichsetzung oder Parallisierung, die Uwe Todt inbezug auf die Grundenergien vornimmt, erscheint insofern grob willkürlich, genauer besehen sogar eindeutig unmöglich. Allerdings ist die Steinersche Kosmologie auch sehr kompliziert und schwer zu durchdringen, was einem vielleicht erst klar wird, wenn man außer dem diesbezüglichen großen Abschnitt in der "Geheimwissenschaft", auf die Todt sich stützt, noch die zahlreichen anderen Erläuterungen aus Steiners Gesamtwerk zu Rate zieht. Ich habe das versucht; das Ergebnis sehen Sie auf der Hauptseite "kosmogonie.info", wovon dieses Forum eine Unterseite bildet.

Hieraus möchte ich jetzt nur wiedergeben, daß die Steinersche Kosmologie nicht nur die sieben Stufen Saturn-Sonne-Mond-Erde-Jupiter-Venus-Vulkan behandelt, auch nicht lediglich noch die sieben Hauptstufen mit u.A. der Lemuris, der Atlantis und Nach-Atlantis, sondern 7 hoch 5 = 16.807 Schritte unterscheidet (siehe dort). Es kommt aber noch eine Eigentümlichkeit hinzu, die ich dort nicht wiedergeben habe und die sich so darstellen läßt:

[image]

oder so:

[image]

Darin ist die Verschachtelung der jeweils drei ersten 7er-Perioden, als der Bewußtseins-, Lebens- und Formstufen dargestellt. (In die kleinsten Kreise oder Kugeln muß man sich dann noch die sieben Hauptstufen und die sieben Kulturepochen hineindenken.)

Ich will mit obiger Darstellung auf eine Besonderheit hinweisen: daß nämlich jede Siebener-Folge nicht nur als Kreis, sondern auch als Linie dargestellt werden kann, die aber dann zwingend eine "Senkung" aufweist, wobei die tiefst gelegene Stufe eine Art Spiegelachse darstellt.

So besehen, gibt es eigentlich nur vier Stufen, einmal nach unten, und einmal nach oben. Die letzte Stufe der absteigenden Reihe ist ident mit der ersten Stufe der aufsteigenden Reihe, woraus sich dann die Siebenzahl ergibt.

Es entsprechen sich also die Stufen


Das läßt sich so verstehen: Erst taucht ein Impuls von oben her stufenweise ins Niedere, um es durchzugestalten. Nach einem festgelegten Tiefpunkt (Stufe 4) steigt das impulsierende Wesen die gleichen Stufen wieder auf, aber jetzt um das bereichert, was es auf seinem Weg gelernt hat.

Beispiele: Wir leben in der fünften Kulturepoche und wiederholen oder spiegeln dabei den Materialismus, der sich in der dritten Kulturepoche, im alten Ägypten, ingestalt der Mumifizierung vorbereitet hat. - Auf oberster Ebene spiegelt sich ebenso der Neue Jupiter am Alten Mond, die Neue Venus an der Alten Sonne, und der Vulkan am Alten Saturn.

Dieses Spiegel-Element scheint in Martinus' Kosmologie zu fehlen. Dort gibt es immer nur 6er-Folgen (6 Daseins-Ebenen, 6 Daseins-Stufen, 6 Spiralen, 6 Grundenergien...), denen also das Element fehlt, welches als Spiegel- oder Umkehrstufe fungiert. Stattdessen evoluiert alles immer nur "nach oben", niemals auch nur vorübergehend nach unten. Von der Stoff-Ebene (Atome) geht es demnach aufwärts zur Zell-Ebene, zur Organ-Ebene, zur Organismus-Ebene, zur planetarischen, zur Sonnen- und zur galaktischen Ebene, wenn auch - was aber nicht allzu klar wird - mit weiteren Einschachtelungen.

Ob die Evolution aus einer Vergangenheit noch tieferer Stufen (subatomar) herkommt, und ob sie in eine Zukunft noch höherer Stufen (supragalaktisch) hinausläuft, hat Martinus nicht geklärt; Uwe Todt unterstellt jedoch diesem Modell aufgrund gewisser Aussagen von Martinus eine innere Logik, wonach die Welt ein geschlossenes, also ein in sich zurücklaufendes System bildet.

Resümierend zu diesem Teilaspekt möchte ich festhalten, daß die Weltbilder von Martinus und Steiner, soweit ich das gegenwärtig sehe, nicht miteinander zu harmonisieren sind, ohne zumindest dem Steinerschen Weltbild Gewalt anzutun.

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Weiterhin fällt bei der Lektüre auf, daß Christus dort keinesfalls als ein Aspekt der Gottheit vorkommt, sondern lediglich als ein Mensch, der früher als die meisten (!) anderen Menschen das "kosmische Bewußtsein" erlangt habe. Für eine Erlösungstat gibt es, Martinus zufolge, gar keinen Anlaß, da es auch keinen Fall gegeben habe, denn alles im Kosmos verläuft, Martinus zufolge, immer nach Plan. Nichts hätte "schief gehen" können, nicht die Versuchung in der Wüste, nicht die Höllenfahrt, nicht die Gewinnung eines Auferstehungsleibes. Die Bereitschaft Christi zur Kreuzigung hat demnach nur den Aussagewert der alles verzeihenden Liebe. Diese Fähigkeit sollen aber innerhalb der nächsten dreitausend Jahre nahezu alle Menschen automatisch erhalten. War Christus, so besehen, "nötig"?

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Ich komme zur Frage der Erkenntnisfähigkeit von Martinus. Vor etwa zwei Jahren habe ich einigemale an einer örtlichen Martinus-Arbeitsgruppe teilgenommen und den Vergleich Martinus/Steiner zur Sprache gebracht. Wie nicht anders zu erwarten, wurde dem Martinus die höhere Erkenntnisfähigkeit zugesprochen. Das erscheint mir inzwischen immer zweifelhafter.

Woran ich nicht zweifle, ist, daß dem Martinus eine außerordentliche Fähigkeit zur Intuition (als Erkenntnisfähigkeit im Steinerschen Sinne) zueigen war. Dafür sprechen sein Erweckungserlebnis, aber auch seine hoch interessanten Ausführungen zum kosmischen Ich; und gerade darin (aber ebenso in seinen Erläuterungen zur Entwicklung der Sexualität in Gegenwart und naher Zukunft) sehe ich seine bemerkenswerteste Leistung.

Was aber im Martinus-Werk gänzlich zu fehlen scheint, sind Erkenntnise, die aus Imagination und Inspiration hervorgehen. Im ersteren Fall hätten wir es, grob gesprochen, mit Anschauungen der Ätherwelt und mit Wahrnehmungen von Elementarwesen zu tun; im zweiten Falle handelte es sich um die Kommunikation mit Engelwesen. Doch weder über das Eine noch über das Andere ist bei Martinus irgendetwas zu erfahren. (Soweit ich mich an Uwe Todt orientiere. Todt selbst bemerkt irgendwo in seinem neuestem Buch - "In der Spur des Ich-Bin" -, daß ihm am ehesten die Intuition gegeben ist.)

Ist aber Intuition die "höchste" oder "beste" Erkenntnisweise? Aufgrund von Steiners frühen Beschreibungen könnte man das vermuten, weil der von ihm beschriebene Übungsweg mit der Imagination beginnt und erst zuletzt in die Intuition einmündet. Meines Erachtens stimmt das aber so nicht.

So könnte es zum Beispiel sein, daß jemand - analog zu Martinus' Christus-Erlebnis - dem höchsten Chef einer großen Fertigungsstätte begegnet und es zu einer sehr intimen geistigen Begegnung kommt, verbunden mit der absoluten Gewißheit gegenseitiger Übereinstimmung. Aber weiß der Betreffende daraufhin mehr von dem Unternehmen, als wenn er sich von einem Abteilungsleiter bestimmte Vorgänge detailliert hätte beschreiben lassen? Oder gar, wenn er die einfachen Arbeiter bei ihren Tätigkeiten beobachtet hätte? Ganz sicher nicht! Und selbst der Chef weiß meist eher wenig von den Details; manchmal sogar viel weniger als dem Unternehmen gut tut. Nur hat er den Vorteil, daß er sich das Wissen, wenn er es braucht und haben will, durch seine Autorität sofort beschaffen kann. Aber das ist fakultativ und nicht von Vornherein gegeben.

So scheint es mir auch im Falle von Martinus zu sein. Gewiß hatte er Intuitionen über Zusammenhänge kosmischen Ausmaßes; aber das garantiert nicht selbstverständlich ein Detailwissen. Das hätte er abfragen müssen, und hat das wohl auch getan, wo es ihm nötig schien. Zudem liegt der Fall vor, daß Martinus über keine Hochschul-, ja nicht einmal über eine ordentliche Grundschulbildung verfügte. Insofern war schon seine Allgemeinbildung wenig geeignet, um ein Werk zu schaffen, daß von seinen gebildeteren Zeitgenossen hätte aufgenommen und weitergeführt werden können.

Soweit in Kürze. Ich werde versuchen, tiefer in das Martinus-Werk einzudringen.


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