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Jetzt nähern wir uns dem Kern der Sache!

Kosmogonie @, Dienstag, 07. Juli 2020, 22:32 (vor 109 Tagen) @ Uwe Todt

Ich besitze die beiden Bände DIE GROSSEN ARCANA DES TAROT und habe zweimal versucht, sie zu lesen, habe aber beidemal die Versuche wieder abgebrochen. Es ist nicht meine Welt.

empfinde ich bei der Lektüre der Arcana des Tarot ein Unbehagen. Der Weg, den er [Valentin Tomberg] beschreitet, ich meine den Weg der Deutung der Erscheinungen, ist nicht der meine.

Ich will nicht sagen, bei mir sei es genau umgekehrt. Ein zunehmendes Unbehagen habe ich vielmehr empfunden bei der Lektüre der Bücher von Hasselmann und Schmolke, denen ich in diesem Forum ein eigenes Thema gewidmet habe. Was die Lektüre von Martinus betrifft, genauer: die Lektüre Ihrer Darstellung von Martinus, so war sie mir angenehm und ist mir überwiegend leichtgefallen, weil es sich - jedenfalls bei seinem kosmologischen System - um eine philosophische Kopfgeburt handelt, die auch vor einigen Jahrhunderten hätte geschrieben werden können. Ein übersinnliches Schauvermögen, wie es Steiner m.E. hatte, braucht man dazu nicht. Martinus' System ist einerseits originell, anderseits in mehrfacher Hinsicht inkonsistent, denn es offenbart innere Widersprüche, die Sie ja selbst in Ihren Darstellungen auch festgestellt und durch eigene Erklärungsversuche - ebenfalls Kopfgeburten - aufzulösen versucht haben.

In philosophischer Hinsicht erreicht dieses System aber nicht einmal den Rang früherer welterklärender Systeme, erstens, weil sein Autor völlig ungebildet war (was Sie allerdings positiv werten) und entsprechend formuliert ("Talentkerne"); und zweitens, weil Martinus mit ihm den Anspruch einer göttlichen Offenbarung erhebt ("Drittes Testament").

Was Martinus Aussagen über die Entwicklung des Menschen in naher Zukunft schreibt, hätte in früherer Zeit allerdings nicht veröffentlicht werden können, und zwar schon wegen der Macht der Kirche. Aber auch hier meine ich, daß es höherer Erkenntnisse nicht oder nicht in besonderem Maße bedurft hat. Steiner hat ja an verschiedenen wenig bekannten Stellen Ähnliches auch schon angedeutet. Man kann zu entsprechenden Einsichten zumindest vermutungsweise auch kommen, wenn man die gegenwärtige Entwicklung sehr aufmerksam beobachtet. Allerdings gestehe ich zu, daß Martinus' Beschreibungen wegen ihrer Klarheit und Detailliertheit sehr anregend auf mich gewirkt haben.

Bleibt noch das Thema mit X1, X2, X3. Das ist etwas, das ich sehr ernstnehme, weil ich zu spüren meine, daß es über mein jetziges Fassungsvermögen hinausreicht und ich mich erst dahin zu entwickeln habe. Allerdings bin ich mir nicht sicher, daß man diese Einsichten nur bei Martinus findet. Es scheint, daß in letzter Zeit viele Menschen derartige Erlebnisse haben, wenn ich das recht verstehe.

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Ich fühle mich von der Liebe des Geistes der Welt berührt und möchte mich immer mehr mit ihm verbinden. Dann wird sich die Deutung der Erscheinungen von alleine ergeben.

Auch Martinus hielt Übungen zur Entwicklung höherer Erkenntnisse für unnötig. In Widerspruch dazu strebte er aber sehr wohl zu höheren Erkenntnisse, denn sonst hätte er sein welterklärendes System nicht geschaffen (und ihm obendrein noch den Wert einer Offenbarung beigemessen). Es stellt sich mir die folgende Frage: Wenn Martinus das X1-Bewußtsein hatte, also allwissend war, warum findet sich dann bei ihm so wenig, was nur durch ein höheres Erkenntnisvermögen gefunden werden kann? Seine Behauptung, er habe viel mehr gewußt, als er sagen durfte, überzeugt mich aus den schon genannten Gründen keineswegs. Seine Begegnungs-Panne mit Krishnamurti spricht auch nicht dafür.

Nun kann man wohl darüber streiten, was höhere Erkenntnisse sind und was darin zum Vorschein kommen soll. Ich meine: Sinnlich nicht wahrnehmbare Wesen gehören zwingend dazu. Dabei genügt es nicht, festzustellen, daß es derartige Wesen gebe. Das hat Leibniz ja auch getan; gemäß seiner Monadologie besteht die Welt aus unendlich vielen perspektivisch perzipierenden und dynamischen Wesen, hierarchisch strukturiert und prästabiliert in Gott. Soweit ist das "nur" ein philosophischer Gedanke, wenn auch ein äußerst geistreicher.

Worauf es vielmehr ankommt, das ist die Erkenntnis und Beschreibung von Gegebenheiten, auf die man durch Ahnung und/oder bloßes kombinierendes Denken nicht kommen kann. Das ist die unendlich vielfältige Welt der Naturwesen, sowie der übermenschlichen Wesen in ihrer je individuellen Eigenart. Allein von Gott zu reden, das ist zu abstrakt; von der Trinität im Sinne von X1, X2 und X3 zu reden, noch mehr. Und die (auf mich beinahe dümmlich wirkende, pardon!) Rede von den "Talentkernen" ist ein schlechter Ersatz für die Beschreibung der sehr komplizierten Vorgänge der Entwicklung, an der schon beim einzelnen Menschen viele unterschiedliche Wesen beteiligt sind.

Ich vermisse auch Erkenntnisse zur Unterscheidung der verschiedenen Wahrnehmungsarten; zum Weg der Seele zwischen Tod und neuer Geburt, zu individuellen karmischen Entwicklungen: alles Themen, zu denen sich etwa in den Flensburger Heften über die Naturwesen außerordentlich viel Neues, d.h. über Steiner Hinausgehendes findet. - Sie schreiben, daß Martinus sich weniger mit den Details als mit dem großen Ganzen zu befassen gehabt habe. Aber greift Martinus wirklich weiter aus als Steiner? Seine Daseinsebenen lassen sich, mit der üblichen fantastischen Gewaltsamkeit natürlich, auch dazwischen irgendwo unterbringen, etwa unter den Lebens- und Formstufen.

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Ich erinnere mich an die Worte von Sai Baba, die in etwa lauten: „Grabt nicht immer neue Löcher. Vertieft das, was Ihr Euch bereits erarbeitet habt.“ Was ist bereits mein Eigenes, das ich mir erarbeitet habe und weiter vertiefen möchte?

Bei mir ist das bereits Erarbeitete die Steinersche Kosmologie (siehe die Hauptseite Kosmogonie.info), die ohne die Hierarchienlehre undenkbar ist. In Bezug auf Martinus habe ich ein neues Loch gegraben. Es war nicht ganz vergeblich, hat aber weniger gebracht als erhofft.

Zum französischen Okkultismus, den Tomberg in seinen "Arcana des Tarot" aufgreift, habe ich allerdings auch kaum Beziehung. Aber hier muß ich dem Tomberg zugutehalten, daß er durch die Anthroposophen äußerst scharfe Zurückweisungen, Verachtung und Schmähung erfahren hat und sich notgedrungen ein anderes Publikum suchen mußte. Übrigens hat Steiner sich das Publikum, das ihm Erfolg verschaffte, also das theosophische, auch nicht ausgesucht. Sein ursprüngliches Ziel war eine akademische Laufbahn mit Anbindung an die deutsche philosophische Tradition.

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Mein Verhältnis zu Martinus ist von grundsätzlichem Vertrauen getragen, wie auch mein Verhältnis zu Rudolf Steiner. Trotz dieses Grundvertrauens denke ich prüfend. Wenn etwas meiner Prüfung nicht standhalten kann, ist es mir nicht möglich es anzunehmen.

Ich halte die Weltbilder von Steiner und Martinus für schlechthin unvereinbar, gerade in Hinblick auf die hierarchischen Wesen. Wenn Sie diese auf bloße Imaginationen von Kräften reduzieren, dann, so behaupte ich, leugnen Sie einen unabdingabren Teil von Steiners Werk. Meines Erachtens kann man nicht beide Weltbilder zugleich für wahr halten. Man muß sich entscheiden.

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Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, hörte ich meinem Vater und seiner Schwester bei einer Unterhaltung über religiöse Fragen zu. Mit einmal hörte ich mich sagen: „Ich glaube an die Auferstehung Christi.“ Beide schauten mich verdutzt an. Da wurde mir bewusst, was ich wirklich dachte. Ich meinte die reale leibliche Auferstehung wie Paulus sie sah, und ich blieb dabei.

Ich habe mich gefragt, wie Menschen völlig unterschiedlicher geistiger Richtungen zur Anerkennung des Christus gelangen können. Aber eigentlich ist die Sache ja klar: Christus ist für alle Menschen da, und darum "paßt" er auch zu jedem Weltbild.

Meine Entscheidung zum Glauben an Christus ist gefallen, als ich 33 Jahre alt war. Ich habe mir diesen Glauben im Laufe einer echten Lebenskrise erst erarbeiten müssen. Wegweisend war die Lektüre von Max Heindl, und anschließened erst Steiner. Möglicherweise ist das, was man sich spät erarbeitet, wertvoller als das, was man bereits mitbringt - das ist aber nur eine Spekulation.

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Ich glaube, dass das Christentum eine Entwicklung von der Transzendenz zur Immanenz durchmacht. Damit nachvollzieht es das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi. Der Umschlagspunkt war die Kreuzigung. Im Nachvollzug befinden wir uns derzeit bei der Kreuzigung. Mit „wir“ meine ich die westliche Kulturmenschheit. Wahrscheinlich sind wir bereits bei dem Abstieg zu den Toten. Was uns in der Zukunft erwartet, ist die leibliche Auferstehung des Göttlichen. In dem Sichtbaren werden wir es finden. Nicht mehr transzendent sondern immanent.

Das finde ich interessant, aber ich verstehe es noch nicht wirklich. Ebenso finde ich in Ihrem letzten Buch ("Auf der Spur des Ich-Bin") vieles Interessante, was mich, wenn ich es verstehen würde, vielleicht auch weiterbringen würde.

Meine oben gemachten Bemerkungen zu Martinus gelten natürlich ebenfalls unter dem Vorbehalt, daß ich nichts Wesentliches unbeachtet gelassen habe. Wenn Sie aber meinen, daß das doch der Fall sei, dann scheuen Sie sich nicht, es mir zu sagen.

Thomas Lentze


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