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Steiners Verhältnis zu Husserl - ein Lehrbeispiel skandalöser Befangenheit

Kosmogonie @, Donnerstag, 23. Juni 2016, 19:45 (vor 878 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Montag, 27. Juni 2016, 18:17

Edmund Husserl (1859-1938), ein Zeitgenosse Steiners, ist unbestritten einer der einflußreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Das wird auch in dem Husserl-Artikel der Anthrowiki ausdrücklich erwähnt. Husserl war Begründer der phänomenologischen Schule. Darin geht es um die genaue Beobachtung des Denkens und der Bewußtseinsvorgänge überhaupt.

Umso befremdlicher ist die ablehnende Haltung Steiners zu Husserl, die so weit ging, daß er diesen in seiner philosophiegeschichtlichen Darstellung mit dem Titel "Die Rätsel der Philosophie" mit keinem Wort erwähnt. Diese Ignoranz ist wirklich erstaunlich, enthält doch dieses Buch, das umfangreichste von Steiner überhaupt, etwa 360 philosophische Autoren in seinem Namen-Register; darunter völlig unbedeutende, die heute kaum einer mehr kennt.

Man muß sich also fragen: Was ging in Steiner vor sich - er, der doch einmal in eine philosophisch-akademische Karriere so große Hoffnungen gesetzt hatte?

Aus der Monografie von Hartmut Traub über "Philosophie und Anthroposophie" wissen wir bereits, wie Steiner mit Philosophen umging: ausbeuterisch und zugleich - wenn der Ausdruck nicht zu stark ist - verleumderisch, und zwar durch willkürliche Ignoranz und entstellende Zitierung. Er hat sie der Reihe nach "abgefertigt", um sich selbst zu profilieren. Bei seinen Fachkollegen ist er damit nicht gut angekommen; umso mehr freilich bei der Mehrzahl seiner Anhänger, sehr zum Schaden der Anthroposophie als geistiger Bewegung.

Umso bemerkenswerter der Hinweis im o.g. Artikel der Anthrowiki auf einen Steiner-Text, in welchem sich Steiner doch noch über Husserl äußert. Es handelt sich um GA 73a, "Fachwissenschaften und Anthroposophie". Ich zitiere aus einem "Schlußwort nach dem Vortrag von Paula Matthes über die Frage «Was kann Philosophie dem Menschen heute noch geben?» (Dornach, 11. Mai 1920)", Seite 501f.:

Dann, nicht wahr, gibt es die Richtung von Husserl, aber die kommt nicht sehr stark in Betracht. Meiner Empfindung [!] nach ist er ein Schüler von Franz Brentano.

Anmerkung: Husserl hat bei Franz Brentano studiert. Steiners "Empfindung" ist anscheinend also der Nachklang einer gehörten oder gelesenen Auskunft.

Bei Franz Brentano liegt überall die Tatsache vor, daß er ein scharf geschulter Aristoteliker ist und ein scharf geschulter Thomist, ein guter, gründlicher Kenner der Thomistik, so daß also auf Husserl manches übergegangen ist sowohl vom Aristotelismus wie vom Thomismus. Selbstverständlich kann das ein moderner Philosoph, wie Husserl es ist, nicht ohne weiteres zugeben [!?], aber man kann es in seiner Psychologie und in alle dem, was in ihm so zutage tritt, verfolgen.

Anmerkung: Daß Husserl seine Einflüsse aus der philosophischen Tradition verleugnet hätte, ist mir neu.

Nun weiß ich nicht, wie Fräulein Matthes darüber denkt - ich muß gestehen, als ich meine «Rätsel der Philosophie» in der neuen Auflage abfaßte und versuchte, ein wenig diese neueren Richtungen zu verarbeiten, da stand ich immer wieder vor der Frage: Was soll man nun mit dem Husserl eigentlich machen? - Es ist tatsächlich so, wenn man sich noch so sehr bemüht, etwas heranzuholen, um ihm irgendwie beizukommen, ihn zu fassen, man kriegt es nicht fertig; es kommt nichts Besonderes dabei heraus. Es ist mir so stark aufgefallen, wie Husserl im Grunde genommen in Worten kramt, wie er auch bei aller seiner Wesensschau und so weiter ganz abhängig ist von dem sekundären Wortinhalt und wie er nicht zu einem wirklichen Schauen auch nur der einfachsten Bewußtseinstatbestände kommen kann.

Es ist zum Beispiel für Husserl, wie es scheint, eine Unmöglichkeit, darauf zu kommen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Bilde vom Kölner Dom, das ich nur in der Erinnerung, aber bis in die Einzelheiten, vermerkt habe im Bewußtsein, und dem Bilde, das ich vor mir habe, wenn ich dann vor dem Kölner Dom stehe und ihn wirklich anschaue. Also ich wüßte nicht, wo aus der ganzen Struktur der Husserlschen Philosophie ein Unterschied zwischen diesen zwei Bildern als wesentlich wirklich aufzufinden wäre. Und wenn ich nicht irre, hat sogar Husserl selbst dieses Bild vom Kölner Dom in diesen zwei Beziehungen einmal gebraucht, ich glaube zur Illustration. Man kommt eigentlich aus seinem Gewirre durch alle möglichen Auseinandersetzungen nicht zu irgend etwas Greifbarem.

Diese Ignoranz ist wirklich verblüffend. Man muß sich fragen: Was hat Steiner von Husserl eigentlich gelesen, genauer: welcher Text von Husserl hat ihm vorgelegen, aus dem er dann das Obige herausgelesen hat? Das würde ich gerne wissen!

Nun hat Husserl zu Lebzeiten nicht viel veröffentlicht. Aber seine "Logischen Untersuchungen" sind 1900/1901 erschienen; 1913 waren es dann die "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie". Möglicherweise hat Steiner in überhaupt keines der von Husserl geschriebenen Bücher hineingeschaut, sondern in irgendein Lexikon, und sich seinen eigenen Reim darauf gemacht.

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Mir liegt gegenwärtig kein Buch von Husserl vor, aber ein schmales Buch von Wilhelm Szilasi, Titel: "Einführung in die Philosophie Edmund Husserls" (1959). Mit Bezug auf das obige Steiner-Zitat (angebliche Unfähigkeit Husserls, zwischen Vorstellung und leibhaftem Wahrnehmen des Kölner Doms zu unterscheiden) zitiere ich aus dem ersten Abschnitt, "Deskriptive Phänomenologie" (Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

§ 9. Leibhaft Wahrnehmen; Vorstellen; Leermeinen. Leibhaft ist mehr als "es selbst". Denken wir jetzt an das Freiburger Münster, dann haben wir es uns zwar vorgestellt, aber wir haben es nicht leibhaftig vor uns. Leibhaftigkeit ist ein ausgezeichneter Modus der Selbstgebung der Dinge. Ich kann mich aber auf das Münster so beziehen, daß ich es nicht einmal als es selbst, nicht in der Selbstgegebenheit vorstelle. Zum Beispiel, wenn wir jetzt in ein Gespräch kommen würden über die Baugeschichte des Münsters. Dabei wird uns das Münster nicht anschaulich gegenwärtig; ich stelle es mir nicht vor. Ich spreche über das Münster. Ich meine es, aber im Sinne des Leermeinens. In dieser Art der Rede bewegt sich der größte Teil unserer natürlichen Kommunikation. Im Leermeinen ist das Gemeinte schlicht direkt, schlicht gemeint, aber ohne anschauliche Erfahrung.

Leermeinung, bloße Vorstellung, leibhafte Wahrnehmung sind Strukturunterschiede, die nicht zu den Dingen, nicht zu den Sachen, sondern zu der aktuellen, situationsgebundenen Intention gehören. Der Gegenstand (Münster) ist immer derselbe. Aber das dem Vernehmen Gegenständliche ist verschieden, und zwar entsprechend der Modifikation der Intention. Es liegt in der Fähigkeit der Intention, daß sie die Möglichkeit hat, das Worauf des Gesichteten zu variieren; mal hat sie das Worauf des leiblichen Vor-sich-habens, mal des Vorstellens, um nur die wichtigsten Variationen zu nennen.

Resümieren wir: Steiner behauptet, Husserl könne zwischen (Erinnerungs-)Vorstellen und leibhafter Anschauung des Kölner Domes - oder des Freiburger Münsters, um das von Szilasi gebrauchte Beispiel zu nehmen - nicht unterscheiden. Aber Husserl unterscheidet die Aktivitäten des Bewußtseins sehr genau, genauer als jeder Philosoph es vor ihm getan hat. Dabei ist das, was ich aus dem Einführungsbuch von Szilasi zitiert habe, selbstverständlich nur ein winziger Teil von Husserls Beschreibungen der Bewußtseins-Akte. Sehr bedeutend erscheint mir seine Transzendentalphilosophie, seine Unterscheidung der Ich-Schichten (das empirische, das transzendentale, das reine Ich), und zuletzt die Entdeckung der Lebenswelt.

Jetzt können, ja müssen wir uns fragen: Was hat Steiner bewogen, Husserl dermaßen auffällig zu ignorieren? Ich vermute dahinter die Tatsache, daß Husserl in äußerster Breite und Tiefe aus- und zuendegeführt hat, was Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" versucht hat, auszuführen, nur eben stümperhaft (vgl. die detaillierte Kritik von H.Traub). Dieselbe Einstellung dürfte es auch sein, die ihn bewogen hat, die Psychologie von Carl Gustav Jung und seiner Schule mit wenigen verächtlichen Bemerkungen abzutun.

Steiner wollte sich abheben und mit seiner Anthroposophie sich profilieren. Er wollte das Kulturleben dominieren, so wie vergleichsweise Marx und Freud es mit ihren Schulen zu dominieren suchten. Auch diese scharten Jünger - nicht nur Schüler! - um sich.

Gerade bei Steiner ist das umso schwerer erträglich, als er damit seinen eigenen Ansprüchen (Unbefangenheit, Vorurteilslosigkeit, inneres Schweigen...) zuwiderläuft. Zuletzt tritt zwangsläufig die Frage immer mehr in den Vordergrund: Kann ein so vorurteilsbeladener Mensch überhaupt "höhere" Erkenntnisse gewinnen? Und falls ja, wie zuverlässig sind die diesbezüglichen "Mitteilungen"?

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Nachtrag:

Die merkwürdige Parallele der Anschauungsbeispiele - einmal der Kölner Dom, andermal das Freiburger Münster - dürfte auf einer Gedächtnistäuschung seitens Steiner beruhen. Denn Husserl hat nie in Köln gelehrt, also sicher auch keinen Grund gehabt, sich auf den Kölner Dom zu beziehen. Er lehrte jedoch ab 1916 in Freiburg, kannte also mit Sicherheit auch das dortige Münster. Entweder also, so vermute ich, hat Steiner einmal einer Vorlesung von Husserl in Freiburg beigewohnt und nicht richtig zugehört, oder, wahrscheinlicher, hat er sich von einem Studenten Bericht geben lassen, und auch nicht richtig zugehört, oder der letztere, oder beide zusammen haben nicht zugehört oder nicht verstanden.


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