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Kölner Dom

Kosmogonie @, Sonntag, 10. Juli 2016, 00:02 (vor 858 Tagen) @ Rembert
bearbeitet von Kosmogonie, Sonntag, 10. Juli 2016, 00:15

Bezuglich ihren Nachtrag:

Ja der Kölner Dom gibt es doch!

Logische Untersuchungen

V. Ueber intentionale Erlebnisse und ihre „Inhalte".

§ 11. Abwehrung terminologisch nahegelegter Mißdeutungen:
a) Das „mentale" oder „immanente" Object.

Ich bringe das Zitat jetzt etwas vollständiger (Hervorhebung in Fett- und Farbdruck durch mich):

Weitere Einwände treffen die Ausdrücke, welche BRENTANO parallel mit dem Terminus psychisches Phänomen oder die er in umschreibender Weise verwendet, und die auch sonst gebräuchlich sind. Es ist jedenfalls sehr bedenklich und oft genug irreführend, davon zu sprechen, daß die wahrgenommenen, phantasierten, beurteilten, gewünschten Gegenstände usw. (beziehungsweise in wahrnehmender, vorstellender Weise usf.) „ins Bewußtsein treten", oder umgekehrt, daß „das Bewußtsein" (oder "das Ich") zu ihnen in dieser oder jener Weise „in Beziehung trete", daß sie in dieser oder jener Weise „ins Bewußtsein aufgenommen werden" usw.; ebenso aber auch davon zu sprechen, daß die intentionalen Erlebnisse „etwas als Objekt in sich enthalten" u. dgl.' Derartige Ausdrücke legen zwei Mißdeutungen nahe; erstens, [...]; zweitens, daß es sich um ein Verhältnis zwischen zwei gleicherweise im Bewußtsein reell zu findenden Sachen, Akt und intentionales Objekt, handle, um so etwas wie eine Ineinanderschachtelung eines psychischen Inhalts in den anderen. Wird sich die Rede von einer Beziehung hier nicht vermeiden lassen, so müssen doch die Ausdrücke vermieden werden, welche zur Mißdeutung des Verhältnisses, als eines psychologisch-realen, bzw. dem reellen Inhalt des Erlebnisses zugehörigen, förmlich einladen.

Erwägen wir des näheren zunächst die zweite genannte Mißdeutung. Ganz besonders empfohlen wird sie auch durch den Ausdruck immanente Gegenständlichkeit zur Bezeichnung der wesentlichen Eigentümlichkeit der intentionalen Erlebnisse, und ebenso durch die gleichbedeutenden scholastischen Ausdrücke intentionale oder mentale Inexistenz eines Gegenstandes. Die intentionalen Erlebnisse haben das Eigentümliche, sich auf vorgestellte Gegenstände in verschiedener Weise zu beziehen. Das tun sie eben im Sinne der Intention. Ein Gegenstand ist in ihnen „gemeint", auf ihn ist „abgezielt", und zwar in der Weise der Vorstellung oder zugleich der Beurteilung usw. Darin liegt aber nichts anderes, als daß eben gewisse Erlebnisse präsent sind, welche einen Charakter der Intention haben und speziell der vorstellenden, urteilenden, begehrenden Intention usw. Es sind (von gewissen Ausnahmefällen sehen wir hier ab) nicht zwei Sachen erlebnismäßig präsent, es ist nicht der Gegenstand erlebt und daneben das intentionale Erlebnis, das sich auf ihn richtet; es sind auch nicht zwei Sachen in dem Sinne, wie Teil und umfassenderes Ganzes, sondern nur Eines ist präsent, das intentionale Erlebnis, dessen wesentlicher deskriptiver Charakter eben die bezügliche Intention ist. Je nach ihrer spezifischen Besonderung macht sie das diesen Gegenstand Vorstellen oder das ihn Beurteilen usw. voll und allein aus. Ist dieses Erlebnis präsent, so ist eo ipso, das liegt, betone ich, an seinem eigenen Wesen, die intentionale „Beziehung auf einen Gegenstand" vollzogen, eo ipso ist ein Gegenstand „intentional gegenwärtig"; denn das eine und andere besagt genau dasselbe. Und natürlich kann solch ein Erlebnis im Bewußtsein vorhanden sein mit dieser seiner Intention, ohne daß der Gegenstand überhaupt existiert und vielleicht gar existieren kann; der Gegenstand ist gemeint, d. h. das ihn Meinen ist Erlebnis; aber er ist dann bloß vermeint und in Wahrheit nichts.

Stelle ich den Gott Jupiter vor, so ist dieser Gott vorgestellter Gegenstand, er ist in meinem Akte "immanent gegenwärtig", hat in ihm „mentale Inexistenz", und wie die in eigentlicher Interpretation verkehrten Redeweisen sonst lauten mögen. Ich stelle den Gott Jupiter vor, das heißt, ich habe ein gewisses Vorstellungserlebnis, in meinem Bewußtsein vollzieht sich das den-Gott-Jupiter-Vorstellen. Man mag dieses intentionale Erlebnis in deskriptiver Analyse zergliedern, wie man will, so etwas wie der Gott Jupiter kann man darin natürlich nicht finden; der "immanente", „mentale" Gegenstand gehört also nicht zum deskriptiven (reellen) Bestands des Erlebnisses, er ist also in Wahrheit gar nicht immanent oder mental. Er ist freilich auch nicht extra mentem, er ist überhaupt nicht. Aber das hindert nicht, daß jenes den-Gott-Jupiter-Vorstellen wirklich ist, ein so geartetes Erlebnis, eine so bestimmte Weise des Zumuteseins, daß, wer es in sich erfährt, mit Recht sagen kann, er stelle sich jenen mythischen Götterkönig vor, von dem dies und jenes gefabelt werde. Existiert andererseits der intendierte Gegenstand, so braucht in phänomenologischer Hinsicht nichts geändert zu sein. Für das Bewußtsein ist das Gegebene ein wesentlich Gleiches, ob der vorgestellte Gegenstand existiert, oder ob er fingiert und vielleicht gar widersinnig ist.
Jupiter stelle ich nicht anders vor als Bismarck,
den Babylonischen Turm nicht anders als den Kölner Dom,
ein regelmäßiges Tausendeck nicht anders als einen regelmäßigen Tausendflächner.

Sind die sogenannten immanenten Inhalte vielmehr bloß intentionale (intendierte), so sind andererseits die wahrhaft immanenten Inhalte, die zum reellen Bestande der intentionalen Erlebnisse gehörigen, nicht intentional: sie bauen den Akt auf, ermöglichen als die notwendigen Anhaltspunkte die Intention, aber sie sind nicht selbst intendiert, sie sind nicht die Gegenstände, die im Akt vorgestellt sind. Ich sehe nicht Farbenempfindungen, sondern gefärbte Dinge, ich höre nicht Tonempfindungen, sondern das Lied der Sängerin usw.

Quelle: Husserl Digital, Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen : Zweiter Band, 1. Teil, Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. Halle : Niemeyer, 1913. - 2., umgearb. Aufl., Seite 372ff.

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Hat Steiner sich - unbewußt - auf diese Stelle bezogen? Das bezweifle ich, denn sein Vorwurf lautete ja so:

Es ist zum Beispiel für Husserl, wie es scheint, eine Unmöglichkeit, darauf zu kommen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Bilde vom Kölner Dom, das ich nur in der Erinnerung, aber bis in die Einzelheiten, vermerkt habe im Bewußtsein, und dem Bilde, das ich vor mir habe, wenn ich dann vor dem Kölner Dom stehe und ihn wirklich anschaue.

In diesem Text geht es aber gar nicht um den Unterschied oder Nicht-Unterschied zwischen dem vorgestellten (oder erinnerten) und dem in leibhaftiger Wahrnehmung erlebten Kölner Dom. Vielmehr vergleicht Husserl den (vorgestellten) Kölner Dom mit dem (ebenfalls vorgestellten) Babylonischen Turm. Beide Bauwerke unterscheiden sich nur darin, daß es das eine nicht (mehr) gibt, das andere aber aber (noch) existiert; von einem Davor-stehen ist aber keine Rede. Sie dienen übrigens auch nur als Beispiele, um zu zeigen, daß ein von Brentano behaupteter "immanenter Gegenstand" in keinem Falle zusätzlich zum intentionalen Gegenstand angenommen werden darf.

Sollte Steiner sich aber doch auf diese Stelle bezogen haben, so würde das nur zeigen, daß er oberflächlich gelesen und, kraft seines Vorurteils, etwas in den Text hineingelegt hat, was nicht drinsteht. Wundern würde mich das nicht, denn das tut er bei anderen Autoren ja auch.

Gruß
Thomas


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