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Husserl, Steiner, Frege

Kosmogonie @, Freitag, 08. Juli 2016, 14:41 (vor 863 Tagen) @ Rembert Amons
bearbeitet von Kosmogonie, Freitag, 08. Juli 2016, 14:54

Vielen Dank für deinen Hinweis auf den Aufsatz von Frege. Ich habe ihn soeben als Onlineausgabe im Internet gefunden: Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus 2 1918-1919, S. 58—77

Es gibt sogar Leute, die in Husserl einen Philosophen sehen der im Geiste Steiners gedacht hat, jedenfalls „Phänomenologisch“ gedacht hat.

Zu diesen Leuten gehöre ich. Allerdings hätte ich diese Aussage zu präzisieren. Husserl steht in der Tradition der Transzendentalphilosophie, die mit Descartes begann, oder in ihm zumindest einen Vorläufer hat. A. Diemer zitiert in einer Fußnote seines Buches "Edmund Husserl - Versuch einer systematischen Darstellung seiner Philosophie" (1965²) aus einer Nachlaßnotiz von Husserl:

Der erste Philosoph, der eine phänomenologische Reduktion vollzogen hat, freilich, um sie bald wieder preiszugeben, war Descartes.

Der Autor (Diemer) schreibt selbst dazu (S.310f.):

Zwar gelang Descartes selbst noch nicht die radikale Wendung; er blieb noch dem Objektivismus verhaftet und konnte sich demgemäß nicht völlig von der Welt lösen: Seine Subjektivität enthält immer noch 'ein Endchen der Welt': Sie konstituiert sich nicht transzental, sondern als eine psychische Realität.

Dieses "Endchen der Welt", es erinnert es mich an den Satz in Steiners "Philosophie der Freiheit" (III. Kapitel), der lautet:

Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustandekommen soll.

Der Autor fährt fort:

Die weitere Entwicklung der neuzeitlichen Philosophie kann nur verstanden werden von ihrer immanenten 'Teleologie', d.h. von ihrer 'Endstiftung' her, auf die sie, wenn auch den einzelnen Philosophen völlig unbewußt, doch mit Notwendigkeit hintendiert. Dieses Telos ist die Ausbildung der Transzendentalphilosophie; an den Vorarbeiten zu ihrer Ausgestaltung arbeiten alle großen Philosophen der Neuzeit mit, sei es in negativer Hinsicht, indem der Objektivismus mehr und mehr zum Scheitern gebracht wird - es ist dies vor allem die Leistung des englischen Empirismus, besonders Humes, wo die objektive Erkenntnis endgültig zum 'Bankrott' verurteilt wird - sei es aber auch in positiver Hinsicht - hier ist wieder Hume zu nennen, bei dem zum ersten Mal die Erkenntnis aufleuchtet, "daß Bewußtseinsleben leistendes Leben ist, ob recht oder schlecht, Seinssinn leistendes" (Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften, S.92).

Aber sowohl Hume als auch seine Zeitgenossen blieben nach wie vor grundsätzlich dem Objektivismus insofern verhaftet, als ihr bestimmendes Bewußtsein weiter nichts als eine psychische Realität ist; alle diese Philosophien blieben bei ihren negativen und positiven Arbeiten für die Gestaltung der wahren Philosophie immer noch Psychologismen.

Erst durch Kant wird ein neuer Ansatz geschaffen: Die 'Kantische Wende' vollzieht in der Weiterbildung der 'Cartesianischen Wende' zum ersten Mal den Schritt zum Transzendentalen, wenn auch noch nicht den Schritt zum Transzendentalen, das nicht mehr mundan ist. Sie ist die letzte Stufe - im Zusammenhang mit den sich in zeitlicher Folge ihr anschließenden Philosophien, dem Idealismus, wo vor allem Fichte zu nennen ist, dann weiterhin Philosophien wie denen Bolzanos, Brentanos, dem Neukantianismus - vor der 'letzten Wende', die dann endgültig zur Ausbildung der wahren Transzendentalphilosophie führt, wie sie die Phänomenologie darstellt.

Ist sie so 'gleichsam die geheime Sehnsucht der ganzen neuzeitlichen Philosophie' (Husserl, Ideen I, S.148)), so ist sie als deren Erfüllung zugleich Erfüllung bzw. Weg zur Erfüllung des Telos der gesamten Menschheitsgeschichte: kann sich doch im Rückgang auf das 'transcendentale Leben' erst Sinn und Sein alles Seienden erhellen. Damit ist Phänomenologie nicht nur umfassende Ontologie, sondern sie ist zugleich der radikale Schritt zur Konstitution einer neuen Menschheit.

Ich habe das Wort "Fichte" im obigen Zitat hervorgehoben, weil Fichte für Husserl anscheinend eine bedeutende Rolle spielte, so wie Hartmut Traub Entsprechendes für Steiner nachgewiesen hat. Diemer vermerkt hierzu (S.312, Fußnote):

Von allen Idealisten hat Husserl zu Fichte nähere Beziehungen, hat auch Vorlesungen über ihn gehalten, ja hat oft sogar Fichte seinen eigentlichen geistigen Vater genannt. Man vergleiche z.B. folgende Wendung: "Die phänomenologische Selbstbesinnung ist Selbstauslegung des transcendentalen Ich nach dem, was es selbst für sich ist, und nach dem, was es in sich selbst als 'Nicht-Ich' setzt." Drei Vorlesungen über Fichtes Menschheitsideal vom November 1914 gehören, vor allem auch stilistisch, zum Ansprechendsten des Husserlschen Nachlasses.

Sehr zu denken geben mir die immer neuen phänomenologischen Reduktionen zur Reinigung des transzendentalen Bewußtseins, welche damit auch immer tiefere "Ich-Schichten" freilegen. Zuletzt gelangte Husserl zu einem absoluten Ur-Ich, das selbst noch vor der Zeit ist.

Für mich liegt es nun nahe, hierbei an Steiners Schilderungen der Entwicklung des Menschen nach dem Tod zu denken. Auch dort findet eine immer weitergehende Reinigung oder Läuterung (Katharsis), und damit eine gestufte "Reduktion" auf das wahre Ich statt. Zur Mitternachtsstunde des Daseins würde dann die letztmögliche Reduktion stattgefunden haben. Handelt es sich um das Ur-Ich, das Husserl glaubte, herausgearbeitet zu haben? Steiner schrieb ja, mit der Selbstbeobachtung des Denkens (also nach einer Epoché) befinde man sich bereits in der geistigen Welt (wie nach dem Tod), ohne freilich schon geistige Wahrnehmungen zu haben.

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Falls Hussel diesen Unterschied anders gesehen hat, kann ich mir vorstellen, dass er einfach mal schroff gesagt hat das er (Husserl) die Sachen nicht auseinander halten konnte. De Kritik ist dann weniger das Husserl sich nicht um diese Sachen bemüht hat, sondern das er sich eben nicht in der richtigen Weise (so Steiner) damit bemüht hat.

Ich glaube nicht, daß Husserl von Steiner Kenntnis genommen hat. Die "Philosophie der Freiheit" ist ja als Habilitationsschrift nicht angenommen worden und ist in den Bibliotheken der philosophischen Seminare bis heute nicht verfügbar.

Als Nächstes will ich den Aufsatz von Frege lesen. Es wäre mir angenehm, wenn wir das Thema dann weiter verfolgen könnten!


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