Steiners Verhältnis zu Husserl - ein Lehrbeispiel skandalöser Befangenheit

Bernhard, Freitag, 24. Juni 2016, 22:00 (vor 877 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Bernhard, Freitag, 24. Juni 2016, 22:06

Hallo, Thomas!


Deine großteils vollberechtige kritische Haltung Steiners Philosophie-Verständnis gegenüber in allen Ehren: Aber jetzt, fürchte, ich, geht mit Dir allmählich Dein intellektueller Ahriman durch!

Wir sind uns doch auch als eingefleischte Anthroposophen einig, dass Steiner trotz seiner unbezweifelbaren übersinnlichen Begabung nach wie vor und zu aller Lebzeit ein Mensch war, der sich zuweilen geirrt und getäuscht hat.

Zu Steiners Ehrenrettung als irrenden und täuschungsanfälligen Menschen möchte ich hier spontan folgendes anbringen: Du stellst richtig fest, dass er in seinen philosophischen Werken Husserl quasi völlig außen vor lässt. Gleichzeitig empörst Du Dich über das Wenige, das er an sekundären anderen Stellen zu und über Husserl sagte bzw. sagen konnte oder wollte.

Dass sich nun dies so verhält, ist für Steiners Integrität sicherlich bezeichnend: Denn wäre es ihm tatsächlich um eine bewusste und von sich selbst aus gewollte Auseinandersetzung mit Husserl gegangen, hätte er nach eingehendem Studium diesen in seinen philosophischen Arbeiten auch mehr oder weniger ausführlich erwähnt. Dennoch aber - oder besser: deshalb hat er sich entsprechender Kommentare zu Husserl enthalten, weil er sich dessen Grundideen gegenüber nicht hinreichend genähert hatte, nähern konnte oder wollte - wie auch immer. Was er öffentlich zu Husserls Philosophie äußerte - ob er etwa darum gebeten oder dazu genötigt wurde oder dies freiwillig tat, sei dahingestellt -, ist seine persönliche Ansicht über dasjenige, was er davon verstanden zu haben glaubt - weshalb denn auch in der Tat gerügt werden muss, dass er hierbei sein Urteil nicht auf sich persönlich beschränkt, sondern es verallgemeinernd als objektiv gültig in den Raum stellt. - Dies hinsichtlich auch auf die Möglichkeit hin, dass sich eines Tages auf wissenschaftlich objektivem Wege ergeben sollte, dass Steiner mit seinem Urteil recht hat... -

In der Astrosophie sprechen wir von der sogenannten "Adler-Perspektive". Diese bezeichnet die charakteristische Sicht- und Anschauungsweise des Skorpion-Adler-Typus, der - als geistig-spiritueller scharfer Beobachter und Beurteiler - die Welt und die Dinge von weit "oben" herab wahrnimmt, dabei alle Konturen der Gesamtgebiete mit höchster Schärfe ausmacht und sie voneinander klar zu unterscheiden versteht - dabei aber völlig unfähig ist, Einzelheiten und feine Differenzen zu erkennen, die zuletzt das individuelle eines Wesens ausmachen. Deshalb erscheint der typisch skorpionisch-adlerische Denker grundsätzlich hochmütig, "abgehoben", weltfremd und narzistisch. Aber mag sein Urteil über das Unten "von oben herab" ungenügend und mithin un-gültig sein: Dasjenige, was er aus unmittelbarer Nähe zum Oben über das Obere mitteilt, ist desto wahrer und authentischer. - Somit handelt es sich um einen reinen Fehlschluss, dem "Adler" zu unterstellen, über das Obere ebenso wenig glaubwürdig sprechen zu können wie über dasjenige, was er nur aus der Ferne erkennt. (Die Achse Skorpion-Stier weist auf die Notwendigkeit hin, dass die geistigen "Höhenflüge" des Hellsehers (Adler) regelmäßig durch seine "bodenständige" Teilhabe am praktischen Alltagsleben (Stier) kompensiert werden müssen, um an Leib, Seele und Geist gesund zu bleiben.)

Nochmal: Es darf und soll uns nicht darum gehen, Steiners sämtliche Worte auf die Goldwaage zu legen. Steiner war kein unfehlbarer Wahrheits-Verkünder, und er gab auch niemals vor, die absolute Wahrheit zu predigen! Wir dürfen nicht Ahrimans Verführungskünsten, mittels derer er uns vom schnurgeraden goldenen Mittelweg auf die niederen Pfade der intellektuellen Zerstückelung hinleiten will, verführen lassen! Folgen wir dem einzig weisen Rat des Apostels: "Prüfet aber alles - und das Beste behaltet!". Und um jenes Beste zu finden, bedarf es eines kühlen Kopfes und eines offenen warmen Herzens, wodurch wir denn auch fähig werden, die Spreu vom Weizen zu trennen.


Lieben Gruß!

Bernhard


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