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Beispiel: Das Konzil von Konstantinopel 869 habe den Geist abgeschafft - falsch gelesen

Kosmogonie @, Donnerstag, 14. Juli 2016, 14:04 (vor 854 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Donnerstag, 01. Dezember 2016, 16:35

Die im Titel genannte Steinersche Behauptung wird bis heute von Anthroposophen so genommen, als sei sie eine unbestreitbare Tatsache. Dazu schreibt Martin Kriele in seiner geistigen Autobiographie "Anthroposophie und Kirche" (1996) (Hervorhebungen durch mich):

Ich erläuterte in "Erde und Kosmos", angeregt durch Robert Spaemann, wie es sich damit verhielt: Diese Vorstellung Steiners beruhte auf einer zufälligen und oberflächlich aufgenommenen Lesefrucht. Sie bezieht sich auf einen Satz des Konzils, in dem von "vernünftiger Seele und menschlichem Fleisch" die Rede ist. Die "vernünftige Seele" war jedoch ein zusammenfassender Begriff für die höheren Wesensglieder des Menschen.

Der Begriff "Seele" war in der gesamten, an Platon, Plotin und Augustinus, aber auch an die Evangelien anknüpfenden Überlieferungen ein Oberbegriff, der das zusammenfaßte, was die Anthroposophie als Geist und Seele unterscheidet. Als "Seele" bezeichnete man alles, was den Tod überdauert. Sie umfaßte sowohl den erkennenden Geist (die "geistige Seele") als auch das empfindende, fühlende, liebende, leidende Gemüt (die "sinnliche Seele"). Übrigens gebraucht auch Steiner häufig den Ausdruck "Seele", wenn er von den menschlichen Individualitäten spricht. [Kriele nennt Beispiele.]

Worum es im fraglichen Konzil genau ging, bitte ich a.a.O. nachzulesen. Es ging unter Anderem um die Apollinarier und den Mono-Physitismus.

Weiter Kriele:

Will man Rudolf Steiners Mißverständnis des Konzils von 869 wohlwollend interpretieren, so kann man sagen: Richtig daran ist, daß in jenem Jahrtausend das Mysterienwissen verloren ging und das Christentum mit der "Verstandes- und Gemütsseele" aufgefaßt wurde, und daß diese Zeitströmung im Hintergrund fast sämtlicher Äußerungen jener Jahrhunderte stand, also auch des Konzils von 869. [...]

Allerdings hat Steiner diese Prägung des Geisteslebens als eine notwendige Stufe in der Bewußtseinsentwicklung der Menschheit dargestellt. [...] Wenn das alte Mysterienwissen verlorenging, so nicht, weil die Kirche das kraft ihrer Autorität verfügte, sondern weil das Zeitalter - nach Steiners eigener Darlegung - von der "Verstandes- und Gemütsseele" geprägt war. Das Mysterienwissen ließ sich hiernach nicht anders weitertragen und vor Verfälschungen bewahren als eben in Gestalt der christlichen Lehre und sakramentalen Praxis.

Das ist es nun, was die Anthroposophie in den Augen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit so sehr diskreditiert: daß ihre Anhänger Steiners Vorurteile, die er selbst lebenslang nicht abschütteln konnte, über seinen Tod hinaus verewigen. Da werden heute noch in den Zweigen Referate gehalten (ich war einmal anwesend bei einer solchen Veranstaltung), wo die "Abschaffung des Geistes" akribisch "belegt" wurde, scheinbar wissenschaftlich, und letztlich doch nur selektiv, um Steiner zu bestätigen.

Vielleicht sollte ich hierzu aus Steiners Schlußworten aus GA 115 zitieren:

Und es wird ja wahrhaftig [...] in dieser unserer Gemeinschaft auf Seelen gerechnet, welche den Willen und den Impuls der Selbständigkeit in sich tragen, [...] dasjenige, was andeutungsweise gegeben wird, selbständig weiterzuverarbeiten. Da wird auch vieles in dieser selbständigen Arbeit auftauchen aus jenen Regionen, auf die nicht einmal hingedeutet werden konnte, und jeder wird auf seine Art Anknüpfungspunkte zur Arbeit finden können.

Wo sind diese Seelen (hier: Individualitäten; Geister, die 869 "abgeschafft" wurden)?

Es kommt darauf an, die Frage, die Immanuel Kant schon gestellt hatte, nämlich: "Was können wir wissen?", auf die sogenannte "Geisteswissenschaft" zu übertragen. Es bedarf einer "Kritik der reinen Anthroposophie".

Denn was nützt es, das "Ding an sich", von dem wir nichts wissen können, außer daß es existiere, ausgerechnet bei Kant zu suchen und zu bekämpfen? Steiner hat in Kants Philosophie durch falsche Interpretation ein Problem hineingesehen, daß er selbst geschaffen hat. Das vermeintlich unerkennbare "Ding an sich" ist bei Kant nur ein Hilfsbegriff; Steiner bekämpfte darin sein eigenes Hirngespinst.

Das eigentliche "Ding an sich", das ist Steiners Geisteswelt: Die erkennen wir nicht, aber dennoch wird sie kritiklos als gegeben postuliert. Hier muß eine Kritik ansetzen.


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