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Steiner als Ratgeber in Lebensfragen - inwieweit kann man ihn überhaupt noch ernstnehmen?

Kosmogonie @, Dienstag, 12. Juli 2016, 11:54 (vor 859 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Dienstag, 12. Juli 2016, 12:02

In GA 327-8 (Landwirtschaftlicher Kurs) lesen wir:

man sollte einem Menschen, der an einem Karzinom leidet, sofort den Tomatengenuß verbieten.

Sollten anthroposophische Ärzte das heute noch beherzigen (was ich ihnen nicht unterstellen möchte), dann würden sie sich in Widerspruch setzen zu allgemein bestätigten Erkenntnissen. Demnach hemmt der Genuß von Tomaten einen schon bestehenden Prostatakrebs, und wirkt ansonsten vorbeugend gegen Tumore allgemein.

Ein anderes Beispiel. Mich persönlich hat längere Zeit die Frage beschäftigt: Mache ich mich zum Philister, weil ich viel Schokolade esse? Diese Steinersche Behauptung ist natürlich kaum zu widerlegen. Doch immerhin enthält Schokolade Antioxydantien. Nachdem ich mich somit weitergebildet habe, nehme ich die Steinerschen "Hinweise" nicht mehr unbedingt ernst.

Manche Ratschläge Steiners lassen den unbefangenen (Nebenübung!) Leser schon intuitiv erkennen, daß sie irgendwie blödsinnig sind, so wie dieser hier (aus GA 348-10, bereits zitiert und besprochen in meiner Kosmogonie, Einleitung):

Wenn zum Beispiel die Mutter noch nie einen Menschen mit einer auffallend schiefen Nase gesehen hat und sie begegnet einem solchen gerade in den ersten Monaten der Schwangerschaft, so wird in den meisten Fällen, wenn nicht eine Regulierung eintritt, das Kind eine schiefe Nase bekommen. Und Sie werden sogar sehen können, daß in den meisten Fällen, wenn die Mutter überrascht wird durch einen, der die Nase schief nach rechts hat, so wird das Kind mit der Nase schief nach links geboren.

Prekär ist daran, daß Steiner das offenbar ernst gemeint hat. Oder nehmen wir diese "Erkenntnis" aus demselben Vortrag:

Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt zu werden, daß Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben werden, die mulattenähnlich aussehen werden!

In diesem Zusammenhang will ich mich nicht unbedingt auf eine Rassismus-Diskussion einlassen, denn der heutige sogenannte "Antirassismus" ist seinerseits kritikwürdig und macht notwendig, daß man ihn hinterfrage.

Mich bewegt allein die Frage: Welche Behauptungen von Steiner kann ich überhaupt noch ernstnehmen? Ein deutsches Sprichwort lautet: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er zehnmal die Wahrheit spricht." Nun, Steiner "lügt" nicht, aber er ist auch nicht gerade selbstkritisch.

Besonders interessant finde ich natürlich die Behauptungen, welche die Kosmologie und die Menschheits-Entwicklung betreffen. Etwa, daß der Mond sich der Erde wieder annähere - was nach gegenwärtigen Erkenntnissen nicht zutrifft, im Gegenteil -, und daß er sich in fünf bis sechs Jahrtausenden wieder mit der Erde vereinigt haben werde. Denn das würde - nach Steiner - bedeuten, daß die Menschen sich nicht mehr sexuell fortpflanzen können. Nun sind wir zwar noch nicht soweit, aber da Entwicklungen, die eintreten werden, eventuell ihre Schatten vorauswerfen, sind sie dennoch von Bedeutung, um gegenwärtige Tendenzen zu interpretieren.

In derartigen Fällen wird die notwendig aufkommende Skepsis zu einem Problem von Dringlichkeit.

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Ich vermute, daß selbst die konsequentesten Steiner-Apologeten den Steiner nicht 100%ig ernst nehmen. Sie geben es nur nicht zu, vielleicht nicht einmal vor sich selbst. Sie verhalten sich insofern wie Priester, die vielleicht noch an Gott, aber nicht mehr an die Auferstehung glauben, über ihre Skepsis aber kein Wort verlieren (dürfen). Sie praktizieren das Tabu.

Ich möchte hiermit anregen, über die - mehr oder minder heimlichen - Zweifel bezüglich Steiners "Hinweisen" einmal zu reden. Leitfrage könnte sein: Was gehört zum unantastbaren, was zum diskussionswürdigen, und was zum belastenden Bestand?


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