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Das fällt mir auf: Ausführliche Beschreibung der Urvölker (Ursprünge, Wanderungen); Ignorierung der Geschlechter-Dynamik.

Kosmogonie @, Sonntag, 18. September 2016, 21:18 (vor 787 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Sonntag, 18. September 2016, 21:31

Ich will hiermit keine Kritik üben im Sinne einer Bemängelung, denn Forschung ist auch subjektiv. Es hat eben jeder Forscher seine Schwerpunkte, und damit besteht auch die Chance einer Ergänzung.

Die beiden gröbsten Unterscheidungen, die wir an Menschen vornehmen können, sind die in Völker (und/oder Rassen) einerseits, und die in Geschlechter anderseits. Letztere Differenzierung ist die spätere, aber auch fundamentalere: Während die Völker sich bereits vielfältig vermischt haben und schon jetzt oftmals nicht mehr zu unterscheiden sind, können wir, der genderistischen Doktrin zum Trotz, die beiden Geschlechter immer noch unterscheiden, und das meist auf den ersten Blick. Die Zweigeschlechtigkeit ist es auch, welche die Vermischung der Völker ermöglicht. Ohne sie hätten sich alle Völker- bzw. Rassen-Eigentümlichkeiten vermutlich erhalten.

Delor thematisiert in allen bisherigen Bänden seiner Atlantis-Reihe sehr stark die sogenannten Urvölker. Er beziffert sie auf zwölf, weist ihnen jeweils die Ursprünge zu - angefangen im Silur (Paläozoikum), lange vor der Geschlechter-Trennung, bis hin zum Tertiär -, und beschreibt detailliert ihre Wanderungen sowie ihre teils menschlichen, teils göttlichen Führer, einschließlich deren Inkarnations-Reihen. Das ist - so scheint mir - "sein" eigentliches Thema.

Natürlich erwähnt er auch das Auftreten des Geschlechter-Dimorphismus. Daß dieser aber eine sehr beachtliche, teils kriegerische, teils individuell-tragische Dynamik entfaltet hat und immer noch entfaltet, insofern also eine ausführliche Betrachtung wert ist, scheint ihm entgangen zu sein. Immerhin hat ein Forscher wie Erich Neumann diese ur- und frühgeschichtliche, ja noch gegenwärtige Dynamik der Geschlechter zum Gegenstand einer viel beachteten "Ursprungsgeschichte des Bewußtseins" gemacht, die ihren Ausgangspunkt in der frühen Lemuris zu haben scheint. (Siehe meinen hier veröffentlichten Beitrag.)

Bekanntlich hat auch Steiner sich zum Ursprung - und zum Wesen! - der Geschlechter geäußert. Delor zitiert auch Vieles davon, aber, wie mir scheint, nicht ganz vollständig, und insofern mißverständlich. Dies will ich nun erläutern. Ich beziehe mich auf den Band 5, zweite Auflage, 16. Kapitel, Abschnitt "Meditation der Menschengestalt" (Seite 627 f.).

Inbezug auf das Viergetier (Rind, Löwe, Adler, Mensch) heißt es dort:

In diese vier Typen waren die Menschen wie gesagt nur noch ganz, ganz am Anfang der Atlantis aufgespalten, später konzentrierten sich die Individuen mehr und mehr auf den Wassermann- oder Menschen-Typus (wodurch, wird gerade in diesem Steiner-Text besprochen). Allerdings dürfte es noch SEHR lange innerhalb des Wassermann-Typus ANDEUTUNGEN der anderen Typen gegeben haben, anders macht diese Passage keinen Sinn. -

In diesem Zusammenhang zitiert Delor aus GA 106-3 (Ägyptische Mythen und Mysterien). Im achten Vortrag, aus dem er hier nicht zitiert, finde ich folgende Passage (Hervorhebungen durch mich):

Bei den Menschen zum Beispiel, bei denen die physische Natur besonders stark wurde [...] kam die Gestalt heraus, die wir festgehalten sehen in dem apokalyptischen Bilde des Stieres [...]. [...]

Die Menschengruppe, bei welcher der physische Leib nicht so stark ausgeprägt war, sondern der Ätherleib [...] ist im Löwen erhalten. [...]

Diejenigen Menschen, bei denen physischer Leib, Astralleib und Ich die Oberhand hatten [Stier-Typ], das sind die physischen Vorfahren der heutigen Männer, und diejenigen Menschen, bei denen der Ätherleib, der Astralleib und das Ich die Oberhand hatten [Löwe-Typ], das sind die physischen Vorfahren der heutigen Frauen. Die anderen Typen [also Adler und Wassermann] verschwanden immer mehr und mehr, nur diese beiden blieben und bildeten sich aus zu den männlichen und weiblichen Formen.

Da wir nun alle, was den Ätherleib betrifft, in "Stiere" und "Löwen" aufgeteilt worden sind, wie sollen menschliche Individuen sich "mehr und mehr" auf den Wassermann konzentriert haben? Steiner weist doch begründet darauf hin, daß dieser (ebenso wie der Adler) mehr und mehr verschwand!

Doch wann fand dieses Verschwinden statt? In GA 104-9 lesen wir dazu:

Erinnern wir uns, daß wir gesprochen haben von den sieben Zeiträumen der atlantischen Entwickelung. Diese sieben Zeiträume umfassen vier erste und drei letzte [...] und jeder der vier ersten atlantischen Rassen entspricht eine der typischen Tiergestalten, Löwe, Adler, Kalb oder Stier, und Mensch [auch eine Tiergestalt!]. Das geht in den Menschen [- keine Tiergestalt! -] über im fünften Zeitraum, da verlieren sich diese typischen Gestalten.

Zu beachten: Der Mensch- oder Wassermann-Typ ist einer der Tier-Typen; er ist noch kein Mensch in unserem Sinne. Eine Seite später wird das so verdeutlicht:

Der Mensch geht durch drei letzte [atlantische] Perioden durch, und zwar so, daß er die Anlagen zum Ich-Menschen hat.

Und in GA 104-11 heißt es, daß der Mensch

durch die vier ersten Zeiträume der atlantischen Zeit mit den Gruppenseelen ausgestattet war, die [...] dargestellt werden durch den Stierkopf, Löwenkopf, Adlerkopf und den Menschenkopf, wobei wir uns diesen letzteren als Tiermenschenkopf vorzustellen haben.

Es scheint mir daher, daß Delor hier zwei oftmals gleichlautende, aber doch unterschiedliche Dinge zusammengeworfen hat. Daraus dürfte sich auch dieser Satz von Delor erklären:

Allerdings dürfte es noch SEHR lange innerhalb des Wassermann-Typus ANDEUTUNGEN der anderen Typen gegeben haben, anders macht diese Passage keinen Sinn.

Es ist der Ich-Mensch, nicht der Wassermann-Typ, der noch lange Andeutungen der anderen Typen (aller vier!) enthalten hat und enthalten wird, denn, siehe GA 104-9:

Wenn der Mensch sich nicht in seiner Gewalt hat, wenn seine Seele schweigt, entweder dadurch, daß er schläft oder sonst in einem mehr oder weniger bewußtlosen Zustand ist, dann sieht man heute noch, wie der entsprechende Tiertypus herauskommt.

Darunter eben der Wassermann-Kopf, der eigentlich ein gemischter Tier-Kopf ist. Und gemäß GA 104-10:

Denn jedesmal, wenn der Mensch stirbt, ist in seinem astralischen Leibe sehr wohl zu sehen die Siebenköpfigkeit und Zehnhörnigkeit.

Es sind zehn Hörner, weil die drei Köpfe des Ich-Menschen jeweils in männlicher und weiblicher Version erscheinen. Die vier vorherigen Tierköpfe sind noch nicht geschlechtlich differenziert; vielmehr bilden sie - reduziert auf Stier und Löwe - die Grundlage dieser Differenzierung.

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Damit habe ich ein Detail aus dem über 700-seitigen Band herausgegriffen, und ich habe diesen Band gewählt, weil er in seiner Zweitauflage wohl dem neuesten Stand des Autors entspricht. Die Bedeutung des gesamten Werkes, das ich mir noch lange nicht voll erschlossen habe, wird damit selbstverständlich nicht geschmälert!

Höchstens eine Bemerkung noch. Ebenfalls im 17. Kapitel, doch Abschnitt "Entwicklung der Sprache / Die Rolle der Frauen", Seite 678 ff., zitiert Delor aus Steiners "Akasha-Chronik" die enthusiastische, ja in meinen Ohren schwülstige Passage über die Rolle der Frauen, die Steiner in folgende Worte ausklingen läßt:

Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man die Berichte der Akasha-Chronik so auslegt, daß man behauptet: "Die Kulturnationen haben eine Leibesbildung und einen Leibesausdruck, sowie gewisse Grundlagen des leiblich-seelischen Lebens, die ihnen von der Frau aufgeprägt worden sind."

In Anbetracht, daß die vorangehenden - aus früher Schaffenszeit stammenden - Schilderungen überhaupt nicht zur lemurischen Zeit passen, bringt auch Delor seine Verwunderung zum Ausdruck, ohne jedoch die Möglichkeit zu erwägen, daß Steiner hier schlicht fantasiert haben könnte. Und mit der Logik nimmt er es ja selbst in seinen philosophischen Büchern nicht so genau. Etwa, wenn er in seiner Philosophie der Freiheit sich gegen das Verständnis der Frau als Gattungswesen verwahrt und gleichzeitig immer von "der Frau", also dem Gattungswesen, spricht. So wie oben auch.

Ich jedenfalls neige immer mehr dazu, Steiners Äußerungen mit einem kleinen Schuß Skepsis zu nehmen.


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