Einige grundsätzliche methoden-kritische Erwägungen

Bernhard, Freitag, 08. Juli 2016, 14:34 (vor 860 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Bernhard, Freitag, 08. Juli 2016, 14:37

Hallo, Thomas!

Ich fände es einigermaßen langweilig und in gewisser Hinsicht auch bedenklich, wenn meine Anschauungen vor Dir keinen Widerspruch (mehr) provozierten. Kritik jeder Art und akribisches detailliertes Nachfragen sind für mich die beste Schule, um dasjenige, was ich wirklich zu verstehen glaube, auch auf felsenfestem Boden logisch, vernünftig und sinnvoll darzulegen und zu begründen fähig zu werden. Diese erlernbare Kunst gipfelt in der wahren Meisterschaft, gleichermaßen die Dinge bildhaft-symbolisch und metaphorisch, mit spiritueller Seelenfülle sowie mit exakt wissenschaftlichem Duktus zum Ausdruck bringen zu können. Anders gesagt: Man wird ein Meister der dreifachen Disziplin des Erzählens, indem man kosmische Weisheit imaginativ schauend der kindlichen Seele durch Bilder, Märchen und Mythen, inspirativ erlebend dem religiösen Gemüt durch herz be-wegende moralische Unterweisung, und intuitiv erkennend dem strebenden Geist durch hell- und klarsichtige wissenschaftlich konsequente Theoretik nahezubringen vermag.

Rudolf Steiner hat wiederholt betont, wie desto schwieriger es wird, die rechten Worte zur Beschreibung übersinnlicher Wahrnehmungen zu finden, je höher man in die geistige Welt hinaufsteigt. Von daher ist es für mich nicht verwunderlich, dass - meines Wissens nach - innerhalb der gesamten okkultistischen/esoterischen Literatur so gut wie gar keine konkreten, dem "Anschein" entsprechenden Charakterisierungen z.B. von übersinnlichen Wesenheiten existieren. Selbst etwa da, wo Steiner sagt: "Sie müssen sich diese Wesen so oder so vorstellen...", erhält man nichts weiter als vergleichbare bzw. vergleichende Bilder, die aus der konkreten, end-gültig ge-wordenen irdischen Ebene genommen sind - mithin also möglicherweise kaum hinreichend dasjenige vorstellen, was er wirklich gesehen hat; und schließlich kulminiert für den Steiner-Kritiker das Problem auf dem Zenit der Authentizitätsfrage, wo für ihn offen bleibt, ob Steiner seine "Schauungen" denn überhaupt objektiv und "wirklichkeitsgetreu" genug wiedergegeben hat, oder ober er Täuschungen, die als solche zu enttarnen er nicht fähig gewesen, unterlegen war. -

Bleibt also uns geistigen Embryonen und Kindern vor dem Mitgeteilten zuletzt nichts anderes als die skeptische Diskretion - oder es demütig hinzunehmen und zu glauben.

Die "Seligkeit" dessen, der "nicht sieht", aber "dennoch glaubt" bezieht sich nicht auf den denkfaulen trieb- und genuss-orientierten Leicht-Gläubigen, sondern auf denjenigen, dessen gesundes Herzensorgan entwicklungs- bzw. karmisch bedingt über seiner geistigen Kapazität steht und mittels derer er die übersinnlichen Tatsachen - zumal als solche - eigenständig konstatieren und verstehen könnte, der also nicht klar bewusst deren Wesenskern erkennt, ihn aber desto sicherer traumartig erfühlt und erspürt. Somit lässt das Gesetz, wonach das Untere das Obere trägt und es bei seinem Aufstieg mit sich führt, den Schluss zu, dass die reine jungfräuliche Seele, indem sie ehrfürchtig glaubend das geistig für sie verhüllte Mysterium in sich bewahrt und pflegt, hierdurch auch den noch schlafenden Geist emporzuheben und ihn zu seiner Entfaltung zu helfen vermag. -


Dies soll beiweitem keine Schmähung Deiner kritischen Gedanken sein, sondern meine verzweifelte Antwort auf all Deine subtilen Fragen, die selber einigermaßen befriedigend beantwortet zu bekommen ich ebenso danach lechze wie Du! Freilich, die ungeheure Forderung unseres Zeitalters, die höheren und höchsten Geist-Erkenntnisse
mit unseren Verstandeskräften zu erringen und zu durchdringen, ist von denjenigen, die dessen fähig sind, wohl leicht gepredigt; und dass hierzu der sogenannte "Gute Wille" wenigstens anfänglich schon hinreichen und den "ersten Schritt" in die gesetzte Richtung führen soll, wage selbst ich bisweilen zu bezweifeln - trotz der möglichen Aussicht, in folgenden Inkarnationen damit weiterzukommen. - Bleibt zu hoffen, dass unsere Willens-Tugenden der Beharrlichkeit und des Langmuts auf Dauer nicht in borniertem Automatismus erstarren und zuletzt unseren Erkenntnis-Fortschritt zum Stillstand zwingen. -


Selbstverständlich möchte ich auf Deinen Beitrag noch konkret eingehen. Dies ist mir zeitbedingt jetzt nicht mehr möglich, aber ich werde versuchen, noch heute Abend fortzusetzen, spätestens am Sonntag.


Lieben Gruß!

Bernhard


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