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Einige grundsätzliche methoden-kritische Erwägungen

Kosmogonie @, Mittwoch, 06. Juli 2016, 15:55 (vor 862 Tagen) @ Bernhard
bearbeitet von Kosmogonie, Mittwoch, 06. Juli 2016, 16:09

Hallo Bernhard!

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Du hast deine Sicht umfassend und gut verständlich dargestellt. Aber ich muß dir darauf antworten - und du wirst es mir hoffentlich verzeihen -, daß diese Darstellung meinen Widerspruch umso mehr herausfordert. Etwa durch folgenden Satz:

Hiermit allerdings fordert er [Julius] insbesondere den kritischeren Leser zu dem für ihn enormen Wagnis heraus, sich intellektuell sozusagen völlig "haltlos" vor das Phänomen zu stellen und dieses ganz auf sein Wesen wirken zu lassen.

Soviel ich sehe, tut er das gerade nicht! Er unterstellt - und mutet dem Leser zu, diese Unterstellung mitzumachen -, daß die Bäume, die er beschreibt, bestimmten Planeten zuzuordnen sind. Das ist zunächst ein Vorurteil, und dieses Vorurteil kommt nicht einmal von ihm selbst, sondern das hat er von Steiner unkritisch übernommen. Man kann hier statt Vorurteil auch nicht von einer Hypothese sprechen, denn Hypothesen werden als solche gekennzeichnet und, so weit möglich, begründet. Die Begründung hätte etwa so aussehen können: "Steiner hat es behauptet. Steiner, so behaupte ich, war ein Hellseher. Als muß er es gewußt haben." Das wäre zwar eine schwache Begründung, aber immerhin.

Leider bist du nicht eingegangen auf meine Kritik an Julius' Zuordnung des Kirschbaumes zum Mond. Mir ist diese Zuordnung nicht ganz klar geworden, und ich streite ab, daß dies meinerseits an einer mangelnden Beherrschung der goetheanistischen (oder phänomenologischen) Methode liege. Wenn jemand alternativ behauptete, der Kirschbaum entspräche der Venus, wie könnte man ihm widersprechen?

Und wenn jemand behauptete, die Birke entspräche dem Saturn? Er könnte sich auf folgende Bemerkung von Julius berufen:

Die Natur scheint sich mitunter einer feinen Koketterie zu bedienen, denn sie zeigt uns das anmutigste und strahlendste unter allen unseren Baumwesen am liebsten auf einem Hintergrund von tiefer Melancholie: die Birken müssen wir in Gegenden suchen, die einen schwermütig-düsteren Eindruck machen.

Er könnte sich ferner auf Steiners Behauptung berufen, daß die Schmetterlinge, die reinsten und anmutigsten Farbwesen unter den Tieren, auf dem Alten Saturn (und nicht auf der lichten Sonne) veranlagt worden seien. Und den Hinweis auf die "feine Koketterie", der sich - nach Julius - die Natur zu bedienen "scheint", könnte er zwanglos als eine rein subjektive Interpretation zur Rettung von Julius' These abtun.

Zur Unklarheit trägt hier offenbar auch die fehlende Charakteristik der Planeten bei. Was den Mond betrifft, so scheint seine Charaktersitik besonders schwierig zu sein. Man kann ihn - wie den Mars und die Venus - mit der Sexualität in Verbindung bringen, ja mit Romantik, aber ebenso mit dem kalt abspiegelnden, unproduktiven Denken. Das alles hätte in diesem Buch erörtert werden müssen. Ich glaube nicht, daß eine solche Erörterung unvertretbar viel Raum hätte einnehmen müssen.

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Im Übrigen habe ich Zweifel, ob die Vorgehensweise von Julius in diesem Falle überhaupt die Bezeichnung "goetheanistisch" verdient - sofern man darunter etwa Goethes Ableitung der Urpflanze versteht. Diese ist ja immerhin einsichtig. Davon abgesehen bezweifle ich, daß Goethes Vorgehensweise so einzigartig sei, wie das seitens der Anthroposophen oftmals suggeriert wird.

Was Kranichs Vorgehensweise in vorliegendem Fall betrifft, so hat sie m.E. wissenschaftlichen Charakter. Inwieweit, das ist aber auch hier die Frage. Kranich beschreibt offensichtliche Zusammenhänge zwischen astronomischen und vegetativen Prozessen. Offenbar versteht er diese Zusammenhänge als kausal. Das wäre aber zu klären. Kausalität läuft im physikalischen bzw. astronomischen Bereich anders ab als im Bereich des Lebendigen. Liegt hier eine Kausalität zwischen unterschiedlichen Bereichen vor, oder handelt es sich um Teleologie, oder um Synchronizität? Gerade der Anthroposoph möchte doch nicht nur Beschreibungen hören, sondern wissen, "was die Dinge im Innersten zusammenhält."

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Ich habe mir, reichlich spät freilich, angewöhnt, die Lektüre anthroposophischer Literatur mit der Frage zu verbinden: "Stimmt das überhaupt, was der Autor uns erzählt?"

Dabei denke ich oft an einen Artikel zurück, der vor vielen Jahren in einer anthroposophischen Zeitschrift erschienen ist. Er behandelte den okkulten Hintergrund der damals viel diskutierten AIDS-Epidemie. Sein Autor war Arzt. Der erörterte zunächst, anscheinend fachkundig, einige medizinische Aspekte, etwa über die Viren und Retroviren. Wenn ich mich recht entsinne, brachte er die in Zusammenhang mit den Wesensgliedern des Menschen. Weiter erwähnte er den "Hinweis" von Steiner, daß die Pest-Epidemie des Mittelalters durch astrale Verwesungsstoffe verursacht worden sei, und letztere durch die Ängste, welche in den Europäern angesichts der mongolischen Horden ausgelöst worden seien.

Und nun brachte er seine eigene These an: Die AIDS-Epidemie sei, ungefähr analog zur früheren Pest-Epidemie, ausgelöst worden durch den Holocaust. Wenn ich mich recht entsinne (leider weiß ich den Namen des Autors nicht mehr), begründete er das nicht eigentlich, sondern behauptete es in dem gleichen Stil, wie Steiner es tat, wenn er Derartiges behauptete.

Die These ist ja an sich ganz interessant und bedenkenswert. Aber wie kommt ein wissenschaftlich gebildeter Mensch dazu, sie einfach hinzustellen und nicht als Hypothese zu kennzeichnen? Soweit ich weiß, hat niemand nachgefragt. (Es war damals üblich, Leserbriefe zu schreiben, die auch veröffentlicht wurden.) Man hätte - auch ich hätte - den Autor fragen müssen: "Sind Sie hellsichtig?" Aber es gilt unter Anthroposophen offenbar als unanständig, die Frage nach höheren Fähigkeiten zu stellen und zu beantworten. Das ist auch irgendwie verständlich, denn es könnte ja als Versuch der Bloßstellung ausgelegt werden.

Dabei wäre die Nachfrage in jedem Falle angebracht. Auch den Steiner hätte man öfters mal fragen müssen, wie er zu gewissen Behauptungen gekommen sei. Denn nicht selten hat er sich widersprochen, und bisweilen hat er geradezu absurde, ja unverantwortliche Dinge geäußert. Wobei ich mich jetzt auf Äußerungen beschränke, die nur aufgrund von höheren Erkenntnissen möglich sind. Soweit es um natürliche Dinge geht, etwa um philosophische Positionen, so ist es ja ziemlich leicht, dem Steiner zweifelsfrei zahlreiche und gravierende Fehler nachzuweisen - siehe das Buch von Traub.

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Schließlich möchte ich, anschließend an unsere Diskussion über das Buch von Julius und Kranich, noch ein allgemeineres Anliegen vortragen. Im Grunde dürftest du es schon kennen. Ich meine die Forderung nach einem Überschreiten der bloßen Anschauung oder Beschreibung.

Es geht mir um Kosmologie. Diese hat mit Entwicklung zu tun, und auch mit Wesen, welche die Entwicklung verursachen und gestalten.

Betrachten wir hierzu zwei bei uns vorkommende Wasserschnecken, nämlich

Erstere ist lebendgebärend. Die zweite ist es nicht; dafür hat sie, anders als die erste, rotes Blut. In beiden Fällen liegen also progressive Elemente der Entwicklung vor, aber nicht von der gleichen Art. Hier wäre nun zu fragen: Welche Evolutionslinien liegen ihnen zugrunde? Wo sind die Vorläufer dieser beiden Schnecken auf früheren planetarischen Verkörperungen zu suchen?

Das wäre die erste, die genetische Frage, deren Beantwortung ein inspiratives Erkenntnisvermögen voraussetzt. Ich stelle dann aber noch eine zweite Frage: Wer waren die "Erfinder" dieser Schnecken? Was ist in den Erfindern vorgegangen, wie haben sie zusammengewirkt, wie haben sie - möglicherweise - miteinander gestritten? Solche Fragen sind nur mit einem intuitiven Erkenntnisvermögen zu beantworten.

Nach Steiner ist die physische Welt außerhalb des Menschen durch die Exusiai (Formgeister) sowie durch die ranghöheren Dynamis erschaffen worden. Das waren also die "Ingenieure". So vermessen es klingt: Mich interessieren diese Ingenieure. Mich haben auch die Lebensgeschichten der irdischen Ingenieure - etwa der Motoren und der Elektrotechnik - immer interessiert.

Nun soll ja, nach Steiner, die Fähigkeit zur Intuition die am allerschwierigsten zu erringende sein. Aber das sollte man einmal selbstständig bedenken. Intuition heißt hineingehen in ein Willens-Zentrum, also in ein "Ich", noch anders gesagt: in ein Wesen. Indem wir "Ich" sagen, haben wir bereits eine Intuition. Ferner haben wir einen Ich-Sinn zur Erkenntnis anderer Menschen. Die Ich-Wesenheiten der Tiergattungen liegen nur eine Ebene über der unseren; sie sind Gegenstände oder "Ansprechpartner" der Schamanen der Jagd betreibenden Naturvölker.

Dies alles bedenkend, kommt man aber zwangsläufig zu Fragen, welche die Methoden höherer Erkenntnis betreffen, und welche m.E. viel zu selten (oder gar nicht?) gestellt werden. Ich habe ja auf der Hauptseite (Kosmogonie) diesem Thema eine eine Unterseite gewidmet. Es herrscht hierüber viel weniger Klarheit, als die weitaus meisten Anthroposophen vermuten (soweit sie sich überhaupt darüber Gedanken machen). Nicht nur, was die Übungen im Einzelnen betrifft, sondern vor Allem, welche Erkenntnisse mit welchen Methoden gewonnen werden können.

Dabei scheint schon die Einteilung Imagination-Inspiration-Intuition zu ungenau zu sein, um etwa die Frage zu beantworten, was ich tun muß, um die Formstufen von den Lebenstufen allein auf der Erde, oder z.B. auf der Alten Sonne unterscheiden zu können, oder um herauszufinden, welche Tiere und Pflanzen durch welche Wesen auf welcher dieser Stufen aus welchen Gründen entwickelt worden sind. Das sind anscheinend unlösbare Fragen, doch gerade diese sind es, die mich herausfordern.

Um diesem Ziel sich anzunähern, dürfte eine methodisch saubere Vorgehensweise unerläßlich sein. Die akademische Philosophie ist darin vorbildlich. Steiners spätere Einschätzung der akademischen Philosophie ist alles Andere als vorbildlich; er hat sie nämlich erst gewonnen, nachdem er an ihr gescheitert ist. Also, die Aufgabe bleibt!

Beste Grüße
Thomas


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