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Dreigliederungsfragen.

Kosmogonie @, Samstag, 30. April 2016, 16:48 (vor 929 Tagen) @ Bernhard

Hallo Bernhard,

du trägst wiederum einen originellen Standpunkt vor, der mich - meine Chance! - zum Nachdenken zwingt.

Abweichend vom üblichen Standpunkt ordnest du das Gliedmaßensystem nicht eindeutig dem Stoffwechselsystem zu, sondern verteilst es auf alle drei Systeme. Diese Zuteilung leuchtet mir ein, aber es stellt sich mir dann auch die Frage, warum in der anthroposophischen Literatur ständig vom "Stoffwechsel-Gliedmaßen-System" die Rede ist und niemals vom Rhythmus-Gliedmaßen- oder vom Nerven-Gliedmaßen-System.

Da, wo Steiner erstmalig die Dreigliederung des menschlichen Organismus erwähnt, nämlich in GA 21 (Von Seelenrätseln, 1917), gebraucht er die Verbindung Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, wenn ich richtig gelesen habe, nicht, sondern spricht nur vom Stoffwechsel. Irgendwann muß also besagte Verbindung ins Gespräch gekommen sein und sich dann verfestigt haben.

Nach Steiner soll es sich um eine funktionelle, keine (primär) morphologische Zuordnung handeln. Dann ist es natürlich auch nicht einfach, drei morphologische Typen darzustellen. Gleichwohl sind sie dargestellt worden: ingestalt des Cholerikers, des Sanguinikers, des Melancholikers und des Phlegmatikers. Das sind zwar Ausprägungen des Ätherleibes, aber sie erzeugen auch physische Ausprägungen. Und da fällt auf, daß der Choleriker, also der willens- und stoffwechselbetonte Mensch, eher kurze Gliedmaßen haben soll. Der Grund ist, daß der Ätherleib den Willensanteil an sich selber ausprägt, also für sich behält, und weniger in den physischen Leib hineinschickt.

Nun kann man einwenden: Auch kurze Gliedmaßen können stark sein. Aber sind starke Menschen immer Choleriker? Es gibt doch bärenstarke Menschen mit durchaus phlegmatischem, melancholischem oder sanguinischem Temperament.

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Du trennst also die Verbindung Stoffwechsel-Gliedmaßen-System mit einem gewissen Recht. Anderseits verteidigst du sie mit dem Hinweis darauf, daß Löwen gar nicht so stark seien, wie es den Anschein habe, da sie nur kurzzeitig Kraftleistungen vollbrächten; daß vielmehr die Stiere und Elefanten (ich möchte hinzufügen: auch die Pferde der Bauern) die eigentlichen Kraftleister seien, und zwar wegen ihrer Ausdauer.

Das ist ein interessanter Gedanke, der freilich noch zu diskutieren wäre: Wenn schon ein Löwe nach einer kurzen Hetzjagd einen bedauernswerten Anblick bietet, wie sähe nach gleicher Kraftleistung ein Stier aus? Davon abgesehen gibt es ja ausgesprochene Hetzjäger unter den Raubtieren, sowohl unter den Katzenartigen, Beispiele: Gepard und Tüpfelhyäne, wie auch unter den Hundeartigen, Beispiele: Wolf und Windhund.

Und anderseits, worauf beruht denn die tatsächlich erbrachte "Ausdauer", d.h. wohl eher Gesamt-Lebensleistung der Rinder, Elefanten und Bauernpferde? Auf Domestikation! Der Löwe, obwohl Rudeltier, ist anscheinend zu stolz, um sich domestizieren zu lassen, vielleicht auch zu gefährlich für menschliche Tierhalter. Geparden lassen sich allerdings sehr wohl als Jagdhelfer abrichten, ebenso Hunde. Ihre Verwendbarkeit als Arbeitstiere ist lediglich eingeschränkt dadurch, daß ihr Jagd- oder Raubtrieb befriedigt werden muß. Allerdings gibt es auch da eine Ausnahme: Schlittenhunde.

Was mir nicht einleuchtet, ist, warum du die Vögel außer Betracht lassen willst. Es gibt enorm starke Raubvögel, die grundsätzlich, anders als Insektenschnäpper, immer wieder auf den Boden kommen müssen. Verwirrend ist nun, daß gerade sie nicht durch starke Kopfgliedmaßen (Schnäbel) hervorstechen, sondern ihre Kraft vielmehr in den Beinen und Füßen entfalten. Zum Vergleich: Hyänen sind besonders stark in ihrem Gebiß, also der Kopfgliedmaße. Sie können damit selbst Knochen zerbeißen.

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Ich versuche, die Verbindung "Stoffwechsel-Gliedmaßen-System" von einem anderen Gesichtspunkt aus zu verstehen.

Der werdende Mensch beginnt sozusagen mit dem Kopf. Die Gliedmaßen, alle vier, erfüllen zunächst keine Funktion (von der fünften bei den Jungen ganz zu schweigen). Erst mit der Erdenreife werden sie richtig lang, und mit etwa 28 entfalten sie ihre größte Kraft. (Die Weiber sind in jeder Hinsicht schon früher fertig, bringen es dafür aber auch nicht so weit.)

Zuletzt wiederum, mit dem Sterben, aber auch im Verletzungsfalle, erweisen sich die Gliedmaßen als die entbehrlichsten Körperteile. Notfalls geht es auch ohne sie. Dagegen muß ein Verlust innerer Organe meist kompensiert werden, sei es durch Organtransplatation, sei es durch maschinelle Hilfsmittel. Keinesfalls ersetzbar ist jedoch das Gehirn. Darum entscheidet der Hirntod über den Tod als solchen.

Als Grundlage dieser Betrachtung kann man die Polarität Kugeliges-Strahliges sehen. Der Kopf hat Kugelform, wie der Kosmos. Die Gliedmaßen sind das Strahligste. Die kann man kürzen, zur Not sogar noch Teile vom Rumpf, wenn man Ersatzlösungen stellen kann. Aber beim Kopf hört dies definitiv auf.

Der Kopf ist das Kosmischste und Früheste am Menschen (karmisch kommt der Kopf aus dem vorherigen Leben der damaligen Gliedmaßen); die Gliedmaßen sind das Irdischste und das Zukünftigste.

Es leuchtet mir ein, daß der Brustbereich zwischen dem kugeligen und dem strahligen Gestaltelement steht. Der Brustkorb ist oben eher abschließend, unten eher öffnend, bildet tendenziell also selber die Polarität ab. Aber wie steht es mit dem Bauch, der die eigentlichen Stoffwechselorgane beherbergt? Bei vielen Menschen gleicht er in seiner Gestalt eher dem Kopf. Warum also soll er den strahligen Gliedmaßen näherliegen als die Brust? Nur weil die ihm angewachsenen Gliedmaßen die größten sind, und weil er, bei aufrechter Körperhaltung, der Erde nähersteht?

Mit diesen Fragen sind wir vom Thema Primaten-Dreigliederung ein wenig abgekommen. Aber wir haben uns dabei in die Tiefendimension begeben.

Beste Grüße!
Thomas


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