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Zu Kapitel 1: Persönliche Aufzeichnungen, Erlebnisse und Rückblicke (1)

Kosmogonie @, Sonntag, 12. Juli 2020, 17:07 (vor 104 Tagen) @ Kosmogonie

Das Erwachen des Ich-Bin-Ich

Da das für Sie ein beglückendes Erlebnis war bzw. ist, kann ich Sie dazu nur beglückwünschen. Kennen Sie Menschen, für die das eine eher unangenehme Erfahrung war? Vielleicht läßt sich entfernt das Erlebnis dazu rechnen, das Tennessee Williams in seinen Memoiren beschreibt, obwohl es da nicht unmittelbar um das Ich-Erleben ging:

Wir nähern uns nun dem Ausbruch der schrecklichsten, um ein Haar zum Irrsinn führenden Krise meines jungen Lebens. Ich fürchte, das folgende wird nur schwer zu verstehen sein.

Es begann, als ich allein einen Boulevard in Paris entlangging. Ich will versuchen, dieses Erlebnis ein wenig näher zu beschreiben, da es für meine psychische Entwicklung von gravierender Bedeutung war. Ganz plötzlich ging mir auf, daß der Denkprozeß ein furchterregend komplexes Mysterium des menschlichen Lebens ist. Ich ging schneller und und immer schneller, als wolle ich diesem Gedanken entfliehen. Schon war er auf dem besten Wege, sich zur Phobie zu steigern. Während ich meinen Schritt immer mehr beschleunigte, brach mir der Schweiß aus, und mein Herz schlug immer heftiger, und als ich das Hotel ›Rochambeau‹, in dem unsere Gesellschaft abgestiegen war, erreichte, war ich nur noch das zitternde, schweißgebadete Wrack eines sehr jungen Mannes.

Diese Phobie beherrschte mich während des Aufenthalts in Europa mindestens einen Monat lang; es wurde schlimmer und schlimmer, bis ich wohl wirklich nahe daran war, darüber den Verstand zu verlieren.

Wir unternahmen eine herrliche Dampferfahrt den gewundenen Lauf des Rheins hinunter, bis nach Köln.
Tiefgrün bewaldete Hügel und Berge begleiteten den Fluß zu beiden Seiten, und viele von ihnen waren von mittelalterlichen, turmbewehrten Burgen gekrönt.
Obwohl ich auf dem besten Wege war, verrückt zu werden, nahm ich doch alles um mich herum wahr.
Die größte Touristenattraktion von Köln war der alte Dom, die schönste Kirche, die ich in meinem Leben gesehen habe, im gotischen Stil errichtet und dafür, daß der Bau unter preußischer Herrschaft vollendet wurde, bemerkenswert grazil und luftig konstruiert.

Meine Phobie hatte mittlerweile ihren Höhepunkt erreicht.
Wir betraten den Dom, dessen Inneres von wundersam farbigem Licht durchflutet war, das durch die großen Buntglasfenster einfiel.
Atemlos vor Panik kniete ich nieder, um zu beten.
Ich lag noch auf den Knien und betete, als unsere Gesellschaft bereits fortgegangen war.

Und dann geschah etwas Außerordentliches.
Lassen Sie mich vorausschicken, daß ich weder zu Wunder- noch zu Aberglaube neige. Doch das, was geschah, war ein Wunder, und zwar ein Wunder religiöser Natur - ich versichere Sie, daß ich mich hier nicht als Heiliger aufspielen will, wenn ich Ihnen davon erzähle. Mir war, als lege sich, leicht wie ein Hauch, eine Hand auf meinen Scheitel, und im Augenblick dieser Berührung schwand meine Phobie - als schmelze eine Schneeflocke -, obwohl sie doch wie ein zentnerschwerer Eisenblock auf mir gelastet hatte.
Mit siebzehn Jahren zweifelte ich keinen Augenblick daran, daß die Hand des Herrn Jesus mich voll Erbarmen berührt und die Phobie von mir genommen habe, die mich in den Irrsinn zu treiben drohte.

Damit aber noch nicht genug:

Da ich gedacht hatte, ich sei durch das ›Wunder‹ im Kölner Dom für immer von ihr [der Phobie] befreit, war ich durch den neuen, wenn auch vergleichsweise milderen Anfall aufs äußerste beunruhigt.
An diesem Abend ging ich allein durch die Straßen von Amsterdam, und ein zweites ›Wunder‹ geschah und befreite mich von meiner Qual, und zwar durch ein kleines Gedicht, das in mir entstand. Es war kein gutes Gedicht, abgesehen vielleicht von den beiden letzten Zeilen, doch erlauben Sie mir, es hinzuschreiben, da ich es mühelos rekonstruieren kann:

Fremde ziehn an mir vorbei,
Ströme, die kein Ende nehmen.
Ihrer Schritte Einerlei
nimmt die Furcht mir, stillt mein Sehnen.
Seh in abertausend Augen,
die der Fremden, die da strömen,
ihre Seufzer, ihr Gelächter
kühlt mein tiefes, heißes Weh
wie den Funken löscht der Schnee.

Diese wenigen Strophen bergen die Erkentnnis, daß ich einer unter vielen von meinesgleichen bin - eine höchst bedeutsame Erkenntnis, vielleicht die bedeutsamste von allen, zumindest soweit es das Trachten nach seelischem Gleichgewicht angeht. Das Wissen darum, daß man ein Glied einer Vielzahl - der Menschheit - ist, mit ihren unendlich vielen Nöten und Bedürfnissen, Problemen und Emotionen, daß man kein Einzelwesen ist, sondern ein Geschöpf, nur eines, in der unendlich großen Menge seiner Mitgeschöpfe...ja, ich glaube wirklich, daß das die zur Zeit bedeutsamste Erkenntnis ist, die wir alle anstreben sollten [...] Und ich frage mich, ob besagte Erkenntnis nicht eine Folge, ja eine Art Steigerung jenes Erlebnisses war: erst die Berührung jener mystischen Hand, die sich auf ein gebeugtes, bekümmertes Haupt legte, und dann die liebevolle Belehrung der Veranschaulichung, daß dieses Haupt, ungeachtet der ihm innewohnenden, ihrer Klimax zustrebenden Krise immer noch zu einem Einzelwesengehörte, wenn auch einem Einzelwesen unter unendlich vielen anderen.

Was Sie als ihr Ich-Erwachen beschrieben haben, Herr Todt, scheint mir in gewisser Weise das Gegenteil eines Gemeinschaftserlebnisses zu sein. Was Tennessee Williams erlebte, war ein Christus-, also ein Gemeinschaftserlebnis. Kann ich daraus folgern, daß das, was Sie erlebt haben, ein luziferisches Erlebnis war? Luziferisches Erleben ist begleitet von Hochgefühl, christliches Erleben führt von Leiden zur Erlösung.

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Können sich die Erscheinungen aussprechen?

Seit einigen Tagen habe ich die Fähigkeit, eine innere Stille wahrzunehmen - ganz unabhängig vom äußeren Geräuschpegel. Es kann also z.B. laut sein, und ich kann trotzdem die innere Stille wahrnehmen. [...]

Ich entsinne mich schwach der weit zurückliegenden Lektüre eines Buches von Paul Brunton, in dem er immer wieder auf die innere Stille zu sprechen kommt, deren dauerhafte Erfahrung er wohl als höchstes Ziel angesehen hat. Er beschreibt in diesem Buch (oder in einem seiner anderen?) die Begegnung mit indischen Meistern. - Nach Steiner ist die innere Stille Voraussetzung der Inspirations-Erkenntnis, also des Dialogs mit astralen/geistigen Wesenheiten, und zu diesem Zweck wird sie auch herbeigeführt. Eine Stille um ihrer selbst willen scheint eine Besonderheit orientalischer Kulturen zu sein. - In Ihrem Falle: Folgen aus der von Ihnen erlebten Stille neuartige Erkenntnisse?

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Wenn man sich des eigenen geistigen Feldes bewusst ist, kann man geistig wahrnehmen.

Ich denke, dass in den westlichen Ländern etwa 15 % der Bevölkerung inzwischen geistig wahrnimmt. [...] Sie wissen aber nicht, dass sie geistig wahrnehmen [...]

Was nehmen sie denn konkret wahr? Kann man überhaupt wahrnehmen, ohne davon zu wissen? Oder handelt es sich gar nicht um Wahrnehmung, sondern um eine Verschiebung des Wertfühlens?

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Übersinnliche Wahrnehmungen entstehen aus den Erinnerungen

Es gibt Menschen, die können einen Gegenstand betrachten und dann Aussagen zu dem Gegenstand machen, zum Beispiel: Dieser Gegenstand hat vorher dem und dem gehört. Oder: In diesem Raum hat sich das und das abgespielt.

Wahrnehmungen werden vor dem Hintergrund von Erinnerungen gesehen. [...] Wir bilden unsere Wahrnehmungen aus einem kosmischen Feld, in dem alles mit allem verknüpft ist. Wahrnehmungen können uns darum auch zu Erinnerungen führen, die garnicht zu uns gehören, denn alles, was einmal mit dem Wahrgenommenen verbunden war, bleibt geistig mit ihm verbunden. [...]

Ich glaube nicht, daß es einen objektiven Äther (als Grundlage des Ätherleibes) gibt oder eine objektive Astralwelt, so wie Steiner sie beschreibt. Es sind m.E. persönliche Schöpfungen [...]

Die Ableitung von Wahrnehmungen aus Erinnerungen ist mir als Gedanke neu, und sie leuchtet mir auch nicht ein, bis jetzt jedenfalls. - Mit Ihrer Leugnung der Lebens- und der Astralwelt, "so wie Steiner sie beschreibt", leugnen Sie einen fundamentalen Bestandteil seines Weltbildes. Vielleicht haben Sie ja recht. Aber ich habe keine Erfahrungen, die mir das nahebringen könnten.

Hiermit will ich vorerst schließen. Weitere Fragen später.

Gruß, Thomas Lentze

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Nachtrag 13-7-2020:

Zur Frage der Eigenexistenz einer ätherischen und astralischen Welt muß ich meinen Standpunkt revidieren. Und zwar erstens wegen einer Äußerung von V.Tomberg zum "Kollektiven Unbewußten" im Sinne von C.G.Jung. Tomberg meint, dieses sogenannte Kollektive Unbewußte existiere ingestalt von Inkarnations-Erinnerungen; daher sei die Annahme dieses Unbewußten als ein selbständig Seiendes unnötig. - Zweitens, indiekt, wegen der durch Leibniz erneuerten Raum-Auffassung. Leibniz behauptete entgegen Newton - der den Raum als einen Behälter sah, welche auch ohne Inhalt existieren könne -, daß Raum nur im Nebeneinander von Dingen existieren würde und es ohne sie auch keinen Raum geben würde. Dies ist zur heute herrschenden Anschauung geworden.

Insofern kann man natürlich sagen, daß es keine Äther- und keine Astralwelt geben würde, wenn es keine Wesen gäbe, welche sie im Bewußtsein hätten. Ebenso, daß es keine Akasha-Chronik geben würde, wenn es keine Wesen mit Erinnerung gäbe. - So ganz sicher bin ich mir aber trotzdem nicht. Es werden doch zuweilen Dinge entdeckt, von denen kein Mensch bis dahin etwas gewußt hatte. Sind die im Moment ihrer Wahrnehmung durch Menschen (oder andere angenommene Wesen) erst geschaffen worden, samt aller Merkmale, die von ihrer Gewordenheit Zeugnis ablegen?


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