Kosmogonie

Nahe Zukunft. (Aktualisiert am 17-2-2016)

1. Weibliche Vergangenheit - männliche Zukunft.

1.1. Aus biblischer Sicht: Der Alte und der Neue Adam.

Fragen wir uns: Wenn der auferstandene Christus einen himmlischen Vater hat (was aus den biblischen Aussagen eindeutig hervorgeht), wer ist dann seine Mutter?

Die Antwort kann nur lauten: Er hatte und hat keine Mutter. Auferstehung ist nicht gleichzusetzen mit Auferweckung, wie sie dem Lazarus geschah, dessen Tod damit nur hinausgeschoben wurde. Es gibt kein Weib, das den Jesus nach dessen Kreuzigung erneut geboren hätte. Vielmehr handelt es sich um Urbild und Ursprung eines - mutterlosen - Neuen Menschen, des von Paulus so genannten "Neuen Adam".

Fragen wir uns wiederum: Wenn der Alte Adam, also der gefallene, noch nicht erlöste Mensch, eine Mutter hatte, wer ist dann sein Vater?

Nun, die Genesis erwähnt keine Mutter des Adam, denn sie sieht ihn urbildlich. Wir können nur vermuten, daß er, was seine leibliche Erscheinung betrifft, aus einem vormenschlichen Wesen geboren wurde. Aber die Genesis erwähnt auch keinen Vater, sondern nur einen Erschaffer, d.h. einen plastischen Künstler, nämlich Gott selbst. Von Zeugung ist keine Rede, anders als beim Neuen Adam, wo es heißt: "Dies ist mein geliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt" (Apg. 13,33; Hebr. 5,5). Und anders als der von Gott bloß geschaffene Mensch hat der von ihm gezeugte das wahre, also das ewige Leben (zoe) und nicht nur ein sterbliches (bios).

Da die Genesis den ersten Menschen als männlich und weiblich zugleich bezeichnet, das heißt als zwittrig, darf man annehmen, daß er grundsätzlich gebärfähig, also in seiner Erscheinung eher weiblich war und sich zunächst durch Parthenogenese fortgepflanzt hat. Dafür spricht auch das Wort "Adam", das von Adamah herkommt, was wiederum Erdenstoff - und nicht etwa "Mann" - bedeutet. Eines biologischen Vaters bedarf es für die Parthenogenese jedenfalls nicht. Hingegen darf man eine Urmutter annehmen, in der erstmals die rein vegetative Fortpflanzung von einer solchen der Selbstbefruchtung (Parthenogenese), ausgelöst durch äußere Reize, abgelöst wurde.

Irritierend mag sein, daß in einem späteren Abschnitt der Genesis, welcher vom Sündenfall handelt, ein weiblicher Mensch (Eva) erwähnt wird, geschaffen aus einer Rippe des Adam, und somit diesem zeitlich nachgeordnet wird. Meines Erachtens wird hiermit ein viel späterer Abschnitt der Evolution verbildlicht, nachdem nämlich der Mann als zeugendes Wesen aufgetreten ist und somit den geschlechtlichen Dimorphismus begründet hat.

Zeitlich gesehen, ist der Mann insofern sekundär. Aber in seinem Wesen ist er der erste wirkliche Mensch und somit primordial. Durch ihn wurde der anfängliche Zwitter heraufgehoben und teilweise zum reinen Weib (Eva) ausgestaltet, so wie dieses dann den ursprünglich reinen, sterngeborenen Mann zu Fall brachte. Damit war die Grundlage der Erbsünde geschaffen (Näheres siehe das Kapitel "Sündenfall").

Dies einmal angenommen, fasse ich zusammen:

So wie der Neue Adam mutterlos ist, so ist der Alte Adam vaterlos.

Daraus folgt freilich nicht, daß wir künftig alle mutterlos sein werden, also der neue Evolutionsstrang den alten vollständig ablösen wird. Vielmehr wird der Alte Adam weiterbestehen, aber als ein nicht mehr evolutionsfähiges Wesen. Den biblischen Aussagen nach wird sogar nur ein geringer Teil von uns Menschen "in den Himmel gelangen", d.h. sich einen offenen Horizont bewahren. Und dieses "nach oben offene" neue Menschenwesen ist mutterlos.


1.2. Aus anthroposophischer Sicht: Ein Evolutions-Modell.

Es gibt gegenwärtig eine "untere" Fortzeugung - die sexuelle des Leibes -, und eine "obere" Fortzeugung, die Inkarnation des Geistes. In anderen Worten: es gibt eine generative und zugleich eine re-inkarnative Fortzeugung.

So war es nicht immer, und so wird es nicht immer sein.

Die Wiedervereinigung des Mondes mit der Erde datiert Steiner in etwa fünftausend Jahren, d.h. während der amerikanischen Kultur-Epoche, tendenziell auch schon während der russischen; siehe dazu GA 177, 5. Vortrag,, wo es heißt:

daß in gar nicht so ferner Zeit, vielleicht schon im 7. Jahrtausend, sämtliche Erdenfrauen unfruchtbar werden. [...] Es werden noch nicht alle Erdenperioden abgelaufen sein, wenn die Menschenfrauen keine Kinder mehr bekommen können. [...] Die letzten Epochen der Erdenentwickelung werden den Menschen in die Notwendigkeit versetzen, überhaupt auf eine physische Leiblichkeit zu verzichten und dennoch auf der Erde anwesend zu sein.

Einzelheiten dazu auch im 6. Vortrag. - Siehe ebenso GA 204, 14. Vortrag:

Nun wissen Sie ja, daß der Mond einstmals sich wiederum mit der Erde vereinigen wird. Dieser Zeitpunkt, wo der Mond sich wiederum mit der Erde vereinigen wird, der wird von den in der Abstraktion lebenden Astronomen und Geologen ja Jahrtausende weit hinausgeschoben; das ist aber nur ein Wahn. In Wirklichkeit stehen wir dem Zeitpunkt gar nicht so fern. [...]

Dann wird eine Zeit kommen im 7. Jahrtausend, da werden die Menschen nur bis zum vierzehnten Jahr noch entwickelungsfähig sein durch ihre Leiblichkeit. Die Frauen werden dann aufhören, fruchtbar zu sein; es wird eine ganz andere Art und Weise des Erdenlebens eintreten. Es wird die Zeit sein, in der der Mond sich der Erde wiederum nähert, sich der Erde wiederum eingliedert.

Die folgende Grafik soll die Zeitverhältnisse verdeutlichen.

UntereFortpflanzung

Fortpflanzung im üblichen Sinne gibt es überhaupt nur während der Zeit, da - aus geozentrischer Sicht - eine Sonne die Erde umkreist und somit das Leben periodisch strukturiert. Dadurch entstehen

Während der hyperboräischen Zeit nach der Erde-Sonne-Trennung fielen zunächst beide Rhythmen beim Menschen-Vorfahren zusammen: Das Einschlafen war zugleich eine Art Sterben; der Menschenvorfahr ließ nur, wie Steiner schrieb, eine Art "unansehnlichen Keim" auf der Erde zurück, den er nach der Rückkehr neu befruchtete und wiederbelebte. Erst später gewann der nachts zurückbleibende Teil ein Eigenleben, so wie es auch heute der Fall ist. (Siehe "Geheimwissenschaft", kosmologischer Abschnitt.)

Die Befruchtung des früheren Weib-Menschen geschah periodisch ingestalt eines fruchtbaren Nahrungs-Regens aus dem Umkreis. Nachdem der Mond sich aus der Erde herausgezogen hatte, standen die peripheren Zeugungskräfte den Weib-Menschen nicht mehr zur Verfügung. Zugleich mit der Teilung der Erde in zwei Weltkörper setzte aber die Teilung des Menschen in zwei geschlechtlich aufeinander bezogener Wesen ein, sodaß die Fortzeugung jetzt durch die zeitweilige Vereinigung zweier "Spezialisten" - der eine befruchtend, der andere gebärend - möglich wurde.

In Zukunft wird eine Richtungs-Umkehr stattfinden: Fortpflanzung geschieht dann zentrifugal, so wie sie vor der Erde-Mond-Trennung zentripetal verlaufen ist. Es wird dann der Mann-Mensch (weibliche Verkörperungen kann es nicht mehr geben) den neuen Menschen aus dem Umkreis hereinrufen. Zeugendes Organ ist der männliche Kehlkopf, der jetzt schon, ingestalt des männlichen Stimmbruchs zur Pubertät, seine innere Beziehung zu den Fortpflanzungsorganen erkennen läßt.

In Max Heindls Hauptwerk ("Kosmo-Konzeption", Link siehe Einleitung) findet sich die folgende Darstellung, welche die Innen-Außen-Umkehrung des Menschen verbildlichen soll:

Heindel-9

Was im Besonderen die an der Fortpflanzung beteiligten Organe betrifft, so äußert sich Steiner u.A. im Abschnitt "Der viergliedrige Erdenmensch" innerhalb der Aufsatzsammlung "Aus der Akasha-Chronik" (1904-1908) wie folgt.

Es gibt am Menschenkörper solche Organe, welche in ihrer gegenwärtigen Gestalt in einer absteigenden, andere, welche in einer aufsteigenden Entwicklung sind. Die ersteren werden in der Zukunft ihre Bedeutung für den Menschen immer mehr verlieren. Sie haben die Blütezeit ihrer Aufgaben hinter sich, werden verkümmern und zuletzt vom Menschenleibe sich verlieren. [...]

[Zu ihnen] gehören unter anderem diejenigen, welche der Fortpflanzung, der Hervorbringung des Gleichen dienen. Sie werden ihre Aufgabe in der Zukunft an andere Organe abgeben und selbst zur Bedeutungslosigkeit herabsinken. Es wird eine Zeit kommen, wo sie sich in verkümmertem Zustande am Menschenleib finden werden, und man wird in ihnen dann nur Zeugnisse für die vorzeitliche menschliche Entwicklung zu sehen haben. [...]

Die Sprechorgane enthalten also in sich gegenwärtig keimhaft die zukünftigen Fortpflanzungsorgane. Und die Tatsache, daß beim männlichen Individuum in der Zeit der Geschlechtsreife die Mutierung (Stimmveränderung) auftritt, ist eine Folge des geheimnisvollen Zusammenhangs zwischen Sprechwerkzeugen und Fortpflanzungswesen.

Im weiteren Zusammenhang weist Steiner auf einen naheliegenden Irrtum hin.

Man könnte zum Beispiel aus der obigen Darstellung nun die Folgerung ziehen: Weil die menschlichen Fortpflanzungsorgane in ihrer gegenwärtigen Form am frühesten in der Zukunft ihre Bedeutung verlieren werden, so haben sie dieselbe auch in der Vorzeit am frühesten erhalten, sie seien also gewissermaßen die ältesten Organe des menschlichen Körpers. Genau das Gegenteil davon ist richtig. Sie haben ihre gegenwärtige Gestalt am spätesten erhalten und werden sie am frühesten wieder verlieren.

Hier möchte ich eine Klärung zum Wesen der Geschlechter einschieben. Nach geläufiger Auffassung - auch die obige Passage läßt sich in diesem Sinne auslegen - sind die Geschlechter physischen Ursprungs. (Vom Genderismus, wonach die Geschlechter, mit Ausnahme der Homosexualität, sozial konstruiert seien, sehe ich vorläufig einmal ab.) Im Abschnitt "Die Trennung in Geschlechter" innerhalb der o.g. Aufsatzsammlung äußert sich Steiner dazu wie folgt:

Denn die Seele ist männlich und weiblich zugleich. Sie trägt in sich diese beiden Naturen. Ihr männliches Element ist dem verwandt, was man Willen nennt, ihr weibliches dem, was als Vorstellung bezeichnet wird. - Die äußere Erdenbildung hat dazu geführt, daß der Leib eine einseitige Bildung angenommen hat. Der männliche Leib hat eine Gestalt angenommen, die aus dem Element des Willens bestimmt ist, der weibliche hingegen trägt mehr das Gepräge der Vorstellung.

So kommt es denn, daß die zweigeschlechtliche, männlich-weibliche Seele in einem eingeschlechtlichen, männlichen oder weiblichen Leib wohnt. Der Leib hatte also im Laufe der Entwicklung eine durch die äußeren Erdenkräfte bestimmte Form angenommen, daß es der Seele nicht mehr möglich war, ihre ganze innere Kraft in diesen Leib auszugießen. Sie mußte etwas von dieser Kraft in ihrem Innern behalten und konnte nur einen Teil derselben in den Leib einfließen lassen.

Demnach sind die Geschlechter also nicht körperlichen, sondern seelischen Ursprungs, ja sie sind wesenhaft seelisch. Im Körper finden sie nur einen äußeren Ausdruck, und zwar nach Maßgabe physisch-irdischer Bedingungen. An ihm können sie, müssen aber nicht in Erscheinung treten. - Kompliziert wird die Sache dadurch, daß nicht nur der physische Leib, sondern auch der Lebensleib (Ätherleib) geschlechtlich geprägt ist, letzterer jedoch polar zum ersteren. Er ist beim Manne weiblich, beim Weibe männlich. Daraus ergibt sich eine Nähe zur Theorie von der grundsätzlichen "Bisexualität" des Menschen. - Den Astralleib bezeichnet Steiner jedoch ausdrücklich als geschlechtsneutral.

 

Recht ausführlich geht Steiner darauf in einem Vortrag ein, den er am 23-10-1905 nur vor Männern hielt ("Freimaurerei und Menschheitsbewegung, I", in GA 93). Daraus seien nur folgende Passagen zitiert:

Das was heute Sexualorgan ist, ist die Hälfte der damaligen [Hervorbringungs-] Kraft. Daher ist auch die Kraft, die im Kehlkopf sitzt, die andere Hälfte. Die Sprache bringt heute noch nichts hervor. [...] Wenn der Mensch die Kraft erlangt haben wird, daß sein Kehlkopf so weit sein wird, daß sein Wort schaffend wird, so daß er durch das Wort seinesgleichen hervorbringen wird, dann wird die ganze produktive Kraft übergehen auf das männliche Geschlecht.

Und:

Der weibliche Kehlkopf ist als ein Rudiment stehengeblieben. Der männliche Kehlkopf ist es aber, der sich zum Zukunftsorgan bildet. [...]

Opposition [der Freimaurerei gegen die kirchliche Priesterströmung] mußte sich deshalb herausstellen, weil das weibliche Geschlecht früher war und in absteigender Linie ist, während das männliche Geschlecht in aufsteigender Linie ist [...] Die Seelen des weiblichen Geschlechts bewegen sich [via Re-Inkarnation] hindurch, bis sie die von den Männern sich selbst gemachten Körper mitbewohnen können und ein [einziges] Geschlecht auf der Erde sein wird.

Aus alledem folgt: Der Mensch der nahen Zukunft wird männlich erscheinen. Es wird kein "Ur-Matriarchat" mehr geben, wohl aber - den Feministen zum Ärgernis - ein totales Patriarchat.


1.3. Das Nikodemus-Gespräch und die Auferweckung des Lazarus als Ankündigungen der neuen Fortzeugung des Menschen.

Im Johannes-Evangelium 3, 3-8 lesen wir:

Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Male in den Leib seiner Mutter eingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand aus Wasser und Geist geboren werde, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, ist Geist. Verwundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müsset von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt, und wohin er geht; also ist jeder, der aus dem Geiste geboren ist.

Wir haben uns an den Ausdruck "von Neuem geboren werden" so sehr gewöhnt, daß wir gar nicht mehr darauf kommen, ihn wörtlich zu nehmen. Nikodemus aber mußte ihn wörtlich nehmen, und das erklärt seine auf Vernunft gegründete Nachfrage. Ich weiß nicht, ob er dann wenigstens die Antwort verstanden hat. Aber nähern wir uns der Sache mit unseren heutigen Möglichkeiten einmal an!

Meines Erachtens ist es die Auferweckung des Lazarus, welche uns weiterführende Aufschlüsse gibt. Hier wurde ein bereits gestorbener Mensch neu geboren, ohne ein zweites Mal in den Leib seiner Mutter - oder einer anderen Mutter - eingegangen zu sein.

Allerdings kann man die Grabeshöhle als eine Art Uterus betrachten. Ein Uterus freilich, der in der Peripherie liegt und durch das Kehlkopf-Organ des Jesus (er rief mit lauter Stimme!) befruchtet wurde. Normalerweise liegt der Uterus im Zentrum und wird von außen befruchtet. Hier aber, so scheint mir, stand der Befruchter im Zentrum, und er rief hinaus in die Peripherie.

Die Sache wird einem deutlicher, wenn man zum Vergleich die Fortpflanzung in Betracht zieht, wie sie vor der Erde-Mond-Trennung vonstatten ging. In seinem "Entwurf" von 1903/1904 (bitte nachlesen) äußert Steiner sich so:

Der Mensch war ein Wesen weiblicher Natur, zu dem die männliche Wesenheit in der Erdenumwelt selbst war. Die ganze Monderde hatte einen männlichen Charakter.

Mit dem Auszug des Mondes verwandelte sich ein Teil der Menschenleiber in solche mit männlichem Charakter. Er nahm also die befruchtenden Kräfte in sich auf, die vorher gleichsam in dem Safte der Erde selbst enthalten waren. Die weibliche Natur des Menschenleibes erfuhr eine solche Umbildung, daß sie von dem entstandenen Männlichen befruchtet werden konnte.

Dies alles geschah dadurch, daß eine Art doppelgeschlechtiger Menschenleib in einen eingeschlechtigen überging. Der frühere Menschenleib befruchtete mit aufgenommenen Stoffen sich selbst. Nun erhielt die eine Form des Menschenleibes, die weibliche, nur die Kraft, das Befruchtete auszureifen. Dies geschah so, daß in ihr die männliche Kraft die Fähigkeit der Zubereitung des Fruchtstoffes verlor. Es bleibt diese Kraft nur dem Äther- oder Lebensleib, welcher die Reifung zu bewirken hat.

Der männlichen Form des Menschenleibes ging die Möglichkeit verloren, mit dem Fruchtstoff in sich etwas anzufangen. Das Weibliche blieb in ihr auf den Ätherleib beschränkt. So kommt es, daß in dem gegenwärtigen Menschen die Sache so steht, daß im Manne der Ätherleib weiblich, in der Frau aber männlich ist. - Die Erwerbung dieser Fähigkeiten fällt zeitlich mit der Ausbildung eines festen Knochengerüstes zusammen.

Anders gesagt, jeder einzelne Mensch, der als solcher grundsätzlich gebärfähig, also weiblich war (reine Männer gab es noch nicht), wurde befruchtet durch ein männliches Element, das zunächst aus der Peripherie wirkte und erst später organisch verinnerlicht wurde. Dieses Männliche zog sich nach der Erde-Mond-Trennung in den weiblichen Lebensleib zurück, wo es seitdem nicht mehr selbstbefruchtend wirken kann.

Im Falle der Auferweckung (oder Neubelebung oder Wiedergeburt) des Lazarus erkenne ich gegenüber der herkömmlichen (sexuellen) Fortpflanzung drei Umkehrungen oder Umstülpungen:

 

Was hat es mit dem "Sausen des Windes" auf sich, von dem Jesus zu Nikodemus spricht? Dies ist ja kein artikuliertes Wort, schon gar nicht mit der klaren Bedeutung "Komm heraus!", wie Jesus es in die Grab- und Geburtshöhle hineinruft. Man vergleiche dazu aber den "Menschensohn" anfangs der Offenbarung des Johannes, dessen Stimme "wie das Rauschen vieler Wasserströme" ist. Dieses Bild drückt aus, daß das zeugende Wort zu einem außen wirkenden Lebensvorgang geworden ist, so wie das rauschende Blut es im Innern des Menschen ist.

Ferner, die Höhle des Lazarus war zuerst ein Grab und dann erst eine Art Uterus. Bei den heutigen Weibern verhält es sich in vielleicht zwei von zehn Fällen umgekehrt: Ihr zunächst fruchtbarer Uterus wird zum Grab. Ist dies beabsichtigt, so spricht man von "Abtreibung" (der Begriff kommt aus der Parasitologie). Zunehmend dürfte es auch unbeabsichtigt geschehen, bis zu dem Zeitpunkt, auf den Steiner hinwies.

Es ist die Zeit, wo die natürliche Entwicklungsgrenze auf etwa 12 Jahre heruntergegangen ist und die Menschen gar nicht mehr zur Geschlechtsreife kommen werden, so daß diejenigen, welche bis dahin die Evolutionsstufe der Wortzeugung nicht erlangt haben, nunmehr technischer Hilfsmittel bedürfen, um sich fortzuzeugen. Zwar werden auch sie sich dann gewissermaßen des Wortes bedienen, nämlich eines Auftrages an eine Fertilisations-Werkstatt. Und sie werden in einer (technischen Apparate-)Peripherie gebären lassen. Dies alles kündigt sich bereits an. Aber das sind gespenstische Gegenbilder dessen, was die reguläre Entwicklung für uns bereithält.

 

Auf ein Detail in der biblischen Erzählung möchte ich noch aufmerksam machen, das ist die Gefühlsbewegung von Jesus in Anbetracht des Lazarus. Ausdrücklich ist vermerkt, daß er ihn - wie auch seine beiden Schwestern - liebte. Und mehr noch: Zweimal wurde er von einer erkennbar tiefen Erregung ergriffen, ja er brach in Tränen aus.

Nun werden die Menschen sich ihrer Gefühle damals weniger geschämt haben, und zudem geschah es in einer trauernden Menge. Aber die Vorstellung, daß Jesus, wie es scheint, die Fassung verliert, ist doch überraschend, für mich jedenfalls. Die Demütigungen durch die Soldaten des Pilatus hat er in Ergebenheit eingesteckt, jedenfalls ist nirgends vermerkt, daß er gejammert habe. Daß er in der Gethsemane-Nacht, dicht an seinem Ende, den Jüngern ihre Schläfrigkeit zum Vorwurf macht, erscheint immerhin vernünftig.

Demgegenüber steht die Gefühlserregung angesichts von Lazarus in Widerspruch mit der zunächst mutwillig erscheinenden Verzögerung, die ihn zwei Tage warten läßt, bevor er sich zu Lazarus auf den Weg macht. Zumindest Martha, aber wahrscheinlich nicht nur sie, hat diese Verzögerung offenbar für vermeidbar gehalten, wie aus ihrem Vorwurf hervorgeht: "Wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben."

Beziehen wir noch die Erzählung von Jesu Begegnung mit dem reichen Jüngling ein (Luk. 18, 18-30). Nach Meinung (nicht nur) von Steiner war dieser identisch mit Lazarus. Ihm mußte Jesus eine schwere Enttäuschung bereiten, indem er ihm zwar ein irdisches Opfer nahelegte, ihm aber keine Aufgabe zuwies, die er auf Erden noch hätte erledigen können. Mir leuchtet ein, daß Lazarus die Lust am Leben verlor und hinfort den höheren Welten zustrebte.

Ich glaube aber nicht, daß Jesus aus Lieblosigkeit so handelte, im Gegenteil. Der Schlüssel zum Verständnis liegt wohl in Jesu rhetorischer Frage: "Hat nicht der Tag sein abgemessenes Maß von zwölf Stunden?" Alles Wesentliche, das im Leben Jesus geschah, mußte zu einer genau bestimmten Zeit geschehen, auch z.B. sein Tod. Wäre er schon in der Gethsemane-Nacht gestorben, so wäre das ein Fiasko gewesen. Der weltschichtliche Moment, die öffentliche Hinrichtung einschließlich der Begegnung mit Pilatus und mit Herodes, wäre verpaßt worden. Daher das Gebet in der Nacht, daß der Kelch an ihm vorübergehen möge.

So also auch die Auferweckung (oder Wiederbelebung oder Neugeburt) des Lazarus. Dieser Akt war verbunden mit einem Risiko. Ich halte mich an Tomberg, der schrieb, daß keines der großen Ereignisse als Automatismus ablief. Es war, um Beispiele zu nennen, nicht selbstverständlich, daß Jesus die Prüfungen in der Wüste bestand; es war auch nicht selbstverständlich, daß er die Höllenfahrt - die Begegnung mit Ahriman - überstand. Und so war es wohl auch nicht selbstverständlich, daß Lazarus, nachdem die Verwesung bereits eingesetzt hatte, ein neues Leben beginnen konnte.

Diese wohl wenigstens zeitweilige Ungewißheit Jesu mag dessen Erregung unmittelbar vor dem großen Akt erklären. Und Lazarus? Dem wird unmittelbar nach seinem Tod die Liebe des Meisters zu Bewußtsein gekommen sein und damit die Gewißheit der auf der Erde noch zu leistenden Aufgaben (er wurde zum Schreiber sowohl des Johannes-Evangeliums als auch der gleichnamigen Offenbarung), aber er konnte aus eigener Kraft nicht mehr ins Leben zurück. Jedenfalls hatte die Auferweckung das Einverständnis beider Beteiligten, des Jesus wie des Lazarus, zur Bedingung.

Ich führe dies aus, weil ich annehme, daß auch die zukünftige, nicht-sexuelle Fortzeugung des Menschen eine Liebesbeziehung voraussetzt. Es ist die Liebe zwischen dem, der ruft, und dem, der mit seiner Bereitschaft, ins Leben zu treten, antwortet. Eine Auferweckung ohne diese Liebe, zumindest ohne gegenseitiges Einverständnis, das wäre Schwarze Magie.

Für einen heutigen Menschen ist es oftmals schwierig oder unmöglich zu verstehen, wie Menschen, die keinerlei sexuelle Neigung verbindet, auch nicht so etwas wie "latente Homosexualität", zueinander in heftiger Liebe entbrennen oder in einen entsprechenden Trennungsschmerz verfallen können. Er lese die Schilderung, die Augustinus in seinen Bekenntnissen, Viertes Buch, von der Trauer nach dem Tod seines jugendlichen Freundes gibt, von einer Freundschaft, die ihm "so süß [war] wie nichts auf Erden".

Ein Ende der sexuellen Fortzeugung und der erotischen Liebe wird also das Seelenleben gewiß nicht ärmer machen.