Kosmogonie

Zur Evolution der Erkenntnisorgane (ab April 2016).

Es stellt sich die Frage, wie - ja ob überhaupt - sichere Erkenntnisse über die Evolution des geistigen Kosmos zu gewinnen seien. Bis zum Beweis des Gegenteils unterstelle ich, daß dies zumindest möglich sei. Allerdings sind nach Steiner zur Erlangung dieser Erkenntnisse gewisse nicht-physische Organe auszubilden, die keimhaft in uns allen bereits angelegt seien.

Was hat es mit diesen Organen nun auf sich; genauer: welche Wesensglieder und/oder welche Organsysteme des dreigegliederten Menschen (Sinnes-, rhythmisches und Stoffwechselsystem) sind daran wie beteiligt? Eine selbst gründliche Lektüre der diesbezüglichen Schriften Steiners (und auch Tombergs) führt nicht gleich zu einem befriedigenden Ergebnis. Ich bezweifle, daß dies am Gegenstand selbst liegt. Hiermit mache ich den Versuch einer Klärung.

Eine steiner-kritische Anmerkung: Als Forscher (sofern er einer ist, und nicht vielmehr ein Fantast) macht Steiner den Eindruck einer multiplen Persönlichkeit. In Anbetracht seiner unzähligen Schilderungen aus dem Kosmos höherer Welten, ebenso aber auch seiner Beschreibungen des Erkenntnisweges, wirkt er wie ein Reiseschriftsteller, der immer wieder Reiseschilderungen vorträgt, aber keine Fortschritte in der Präzisierung und Vertiefung macht, wenn er bereits beschriebene Gegenden neu beschreibt. Im Gegenteil, oft fällt er hinter das einmal Erreichte zurück. Vor Allem macht er keine Fortschritte in der Systematisierung, das heißt, es entsteht über die Zeit hinweg keine Klärung, keine Synthese, kein Gebäude oder Organismus. Im Gegenteil, es kommen immer nur weitere Widersprüche hinzu. Letztlich kann man den Eindruck gewinnen, es mit einer Abfolge von Einzelreisenden zu tun zu haben, die voneinander nichts wissen, also auch keine Möglichkeit haben, einander zu bestätigen oder zu korrigieren, und die auch keiner übergeordneten Stelle, keiner Koordination oder Organisation, unterstehen. Das gilt übrigens nicht nur für Steiners Gesamtwerk; es gilt sogar für Mitteilungen, die nur Minuten auseinanderliegen.

Im Folgenden geht es mir ausschließlich um die oben gestellte Frage. Über die Übungsanweisungen im Einzelnen sowie über Maßnahmen zur Abwehr der Nebenwirkungen soll in diesem Abschnitt nicht referiert werden.

1. Die Erkenntnisschritte Imagination, Inspiration, Intuition.

Eine erste Ordnung oder Strukturierung hat Steiner in seinen Aufsätzen "Die Stufen der höheren Erkenntnis" (1906) gegeben, indem er dort erstmals die Begriffe Imagination, Inspiration, Intuition erläuterte. Doch leider erweisen sich diese Begriffe späterhin als gar nicht so eindeutig. Einmal bezeichnen sie Erkenntnisschritte des Menschen; ein andermal bezeichnen sie Vorgänge, die sich in höheren Geistwesen abspielen; wieder ein anderes Mal bezeichnen sie Gegenstände oder Substanzen. So heißt es etwa in GA 134-4:

Dieser Auszug aus dem Paradies besteht durchaus darin, daß der Mensch [...] da bestanden hat aus Imagination, Inspiration und Intuition [...]

oder in GA 145-10:

Tiere, auch Pflanzen in ihren äußeren Formen - aber Pflanzen weniger als Tiere und am wenigsten die Mineralien - sind Imaginationen Ahrimans.

Dennoch läßt sich ein erstes, ungefähres Verständnis dieser drei Erkenntnisschritte vermitteln. Dazu mag das Beispiel eines Personalchefs dienen, der einen Bewerber ins Auge gefaßt hat.

Dieser Personalchef wird sich von seinem Kandidaten zunächst "ein Bild machen", das heißt, er wird sich das Foto, den handgeschriebenen Lebenslauf und die Zeugnisse ansehen. Das entspräche der Imagination.

Dann wird er mit ihm ins Gespräch kommen, zunächst einmal telefonisch. Dabei findet ein Austausch von Fragen und Antworten, ein abwechselndes Reden und Schweigen statt. Das entspräche der Inspiration.

Zuletzt werden sich beide Personen physisch gegenübertreten und - im Idealfalle - eine sofortige innere Entscheidung treffen, die später in die Worte einfließen könnte: "Ich verspürte vom ersten Blick an eine Sympathie (oder Antipathie) zu ihm." Das enstpräche der Intuition.

Es ist damit die Schrittfolge einer Annäherung skizziert, die sich auf drei seelische Funktionen zu stützen scheint:

Damit aber kommen wir auf die durch Steiner im Jahre 1917 eingeführte Dreigliederung des seelischen und physischen Organismus; genauer: der Zuordnung des (wachbewußten) Vorstellens zum Nerven-Sinnes-System, des (traumbewußten) Fühlens zum rhythmischen System (Herz und Lunge) und des (schlaf- oder "un"bewußten) Wollens zum Gliedmaßen-Stoffwechsel-System.

Analog hierzu sind die Erkenntnisweisen von Imagination, Inspiration und Intuition zu verstehen. Das sei tabellarisch dargestellt wie folgt:

Die übersinnliche Erkenntnis erfolgt als... Imaginative
Erkenntnis
Inspirative
Erkenntnis
Intuitive
Erkenntnis
durch Umwandlung... des Vorstellens des Fühlens des Wollens
und ist somit bezogen auf die Organsysteme: Nerven-Sinnes-System Rhythmisches System Stoffwechsel-Gliedmaßen-
System

Hiermit ist aber nur eine ganz vorläufige Bestimmung gegeben. Ob und inwieweit sie Bestand hat, muß sich erst noch zeigen.


1.1 Gemäß "Die Stufen der höheren Erkenntnis" (1905-1908).

In dieser - posthum veröffentlichten - Schrift finden wir die drei Begriffe erstmals systematisch erläutert. Zunächst werden sie im Sinne einer stufenweisen Reduktion entwickelt:

Das "materielle Erkennen" beruht darauf, daß der Mensch durch seine Sinne einen Eindruck von den Dingen und Vorgängen der Außenwelt erhält. [...] Daher kommen bei der "materiellen Erkenntnis" die vier Elemente in Betracht: Sensation, Bild, Begriff, Ich. -

Bei der nächsthöheren Stufe des Erkennens fällt nun der Eindruck auf die äußeren Sinne, die "Sensation", weg. [...] Es bleiben also von den Elementen, an welche der Mensch von der gewöhnlichen Erkenntnis her gewöhnt ist, nur die drei: Bild, Begriff und Ich. [...]

Bei der dritten Stufe der Erkenntnis bleiben nun auch die Bilder weg. Der Mensch hat es nur noch mit "Begriff" und "Ich" zu tun. [...]

Auf der vierten Erkenntnisstufe endlich hört auch die Inspiration auf. Von den Elementen, die man vom alltäglichen Erkennen her gewohnt ist zu betrachten, ist nur noch das "Ich" dasjenige, welches in Betracht kommt.

Demnach beinhalten die vier Erkenntnisstufen jeweils folgende Elemente:

Materielle Erkenntnis Imaginative Erkenntnis Inspirative Erkenntnis Intuitive Erkenntnis
Ich Ich Ich Ich
Begriff Begriff Begriff
Bild Bild
Sensation

Höhere Erkenntnis wird hier also nicht durch Hinzufügung oder durch Umwandlung, sondern durch Ausklammerung gewisser Erkenntnis-Elemente erklärt. Zunächst betrifft es mit der Ausklammerung der physischen Sinnesorgane den physischen Leib; Imaginationen erfolgen also bereits "sinnlichkeitsfrei" oder "leibfrei". Zuletzt bleibt das Ich als Erkenntnisorgan.

Da nun der physische Leib am Anfang steht und das Ich am Ende, beide aber von Steiner schon damals als Wesensglieder gekennzeichnet wurden, darf vermutet werden, daß die beiden mittleren Wesensglieder dazwischenliegend zu denken sind; d.h., daß der zweiten Erkenntnisstufe der Ätherleib zuzurechnen ist, und der dritten Stufe der Astralleib. Steiner sagt das so aber nicht - es bleibt eine Vermutung.

Eine weitere Frage stellt sich. Mehrfach setzt Steiner Imaginationen mit "astralen Erlebnissen" gleich. Sollte man nicht vielmehr annehmen, man habe es mit ätherischen Erlebnissen (und erst bei der Inspiration mit astralen Erlebnissen) zu tun? Falls - aus einem anderen Blickwinkel - auch diese Zuordnung gültig ist, wie steht es dann mit dem Verhältnis beider zueinander?


1.2 Gemäß "Die Geheimwissenschaft im Umriß" (1909).

Nun wird es verwirrend. Denn in dem Kapitel, welches die Erkenntnis betrifft, steht (Formatierung durch mich):

Die imaginative Erkenntnis wird erreicht durch die Ausgestaltung der Lotusblumen aus dem astralischen Leibe heraus.

Durch diejenigen Übungen, welche zur Erlangung von Inspiration und Intuition unternommen werden, treten im menschlichen Äther- oder Lebensleib besondere Bewegungen, Gestaltungen und Strömungen auf, die vorher nicht da waren. Sie sind eben die Organe, durch welche der Mensch das "Lesen der verborgenen Schrift" und das, was darüber hinausliegt, in den Bereich seiner Fähigkeiten übernimmt.

Diese Veränderungen werden detailliert beschrieben. Zwei Seiten später folgt eine ergänzende Bemerkung speziell zur Intuition:

Wenn die Übungen für die Intuition gemacht werden, so wirken sie nicht allein auf den Ätherleib, sondern bis in die übersinnlichen Kräfte des physischen Leibes hinein.

Tabellarisch kann das so aussehen:

Imaginative Erkenntnis Inspirative Erkenntnis Intuitive Erkenntnis
wird ermöglicht durch Ausbildung... der "Lotusblumen" im
Astralleib.
einer Struktur im
Ätherleib.
zusätzlich zu einer solchen im
physischen Leib.

Diese Zuordnung ist verwirrend, wenn man sie mit der Zuordnung vergleicht, wie sie aus der Darstellung in den "Stufen der höheren Erkenntnis" folgt. Denn jetzt wird die Intuition nicht mit mehr dem Ich, also dem höchsten ausgebildeten Wesensglied assoziiert, sondern mit dem niedrigsten, dem physischen Leib. Ebenso scheinen die Zuordnungen der Imagination und der Inspiration vertauscht. Nur die oben erwähnte Gleichsetzung von imaginativer und astraler Erkenntnis scheint mit dem jetzigen Schema in Einklang zu stehen.

Zwischen beiden Darstellungen scheint zunächst keine Vermittlung möglich. Es stellen sich dem mitdenkenden Leser notwendig die Fragen:

Nun könnte man mutmaßen: Vielleicht sind ja die Ausdrücke "Sensation, Bild, Begriff, Ich" gar nicht mit den Wesensgliedern "physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich" zu parallelisieren. Doch ein Blick in eine spätere Darstellung von Steiner zeigt, daß dies sehr wohl der Fall ist.


1.3 Gemäß "Philosophie, Kosmologie, Religion" (1922).

In den Autoreferaten obigen Titels, genauer im 2. Kapitel ("Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens") finden wir folgende klare Zuordnungen von Erkenntnisstufe und Wesensglied:

Es ist dies die Stufe der imaginativen Erkenntnis. Man lebt auf diese Art im ätherischen Organismus. [...]

[Dagegen:] Die inspirierten Erkenntnisse bilden sich im astralischen Organismus aus. [...] Sie spiegeln sich aber im Äther-Organismus, und in den Bildern, die sich da ergeben, kann man sie in die menschliche Sprache übersetzen und mit dem Inhalte der Philosophie vereinigen. Man erhält dadurch eine kosmische Philosophie.

Beachten wir: "Sie spiegeln sich aber..." inbetreffs der inspirierten (oder inspirativen) Erkenntnisse. Das beleuchtet nun wieder die Aussage in der "Geheimwissenschaft", daß durch Übungen zur Inspiration (und Intuition) Veränderungen im Ätherleibe stattfänden. Allerdings wurden diese Veränderungen dort zwar genauer beschrieben ("Bewegungen, Gestaltungen und Strömungen"); nicht aber wurde gesagt, daß der Ätherleib die Funktion eines Spiegels erfülle.

Werden auch aber die anderen Erkenntnisformen gespiegelt? Ausdrücklich trifft das nur für die Intuition zu:

Man gelangt [durch Willensübungen] zu der wahren Intuition. Diese Erlebnisse werden im ätherischen und auch im physischen Menschen gespiegelt und ergeben in dieser Spiegelung den Inhalt des religiösen Bewußtseins.

Dagegen sagt Steiner an keiner Stelle dieses Textes, daß auch die imaginativen Erkenntnisse sich irgendwo spiegeln, etwa, wie es nach den Beschreibungen in der "Geheimwissenschaft" denkbar wäre, im Astralleib. (Siehe oben: "Die imaginative Erkenntnis wird erreicht durch die Ausgestaltung der Lotusblumen aus dem astralischen Leibe heraus.")

Bemerkenswert ist vielleicht noch, daß nach Steiner die ätherischen Kräfte, die dem imaginativen Erkennen zugrundeliegen, diejenigen sind, "die im Regeln der Ernährungskräfte wirksam sind." Ähnlich, wenn auch weniger direkt, wird die inspirierten Erkenntnis dem Atmungsprozeß "und den übrigen rhythmischen Prozessen des Menschen" zugeordnet. Ich fasse das Bisherige nun so zusammen:

Imagination Inspiration Intuition
ist Voraussetzung einer neuen Philosophie Kosmologie Religion
ereignet sich im Ätherleib Astralleib Ich
bedarf der Spiegelung im (Astralleib?) Ätherleib Äther-, phys. Leib
beteiligte Organfunktion Ernährung Atmung (Sinnessystem?)
Übung (Steigerung der Vorstellungskraft:)

Konzentration auf einen leicht überschaubaren Vorstellungskomplex.
Unterdrückung der zuvor geschaffenen Imaginationen. Steigerung der Willenskraft

durch Annehmen neuer oder Umwandeln alter Gewohnheiten.

Wir sehen: Imagination, Inspiration, Intuition ereignen sich im Ätherleib, Astralleib, Ich. Damit bilden beide eine aufsteigende Reihe. Anderseits gibt es die andere, scheinbar absteigende Reihe. Beide stehen - nicht ausdrücklich durchgehend - in einem Spiegelverhältnis. Das wird aber leider nicht erläutert. Wirklich geklärt ist das Rätsel damit also nicht.


1.4 Gemäß "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen (physischen Leib, Ätherleib, Astralleib) und sein Selbst?" (1913, Zehnter Vortrag).

Hier zieht Steiner nicht nur die vier bekannten Wesensglieder (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich) heran, sondern auch die drei Seelenglieder. Er selbst gibt dazu die folgende Zeichnung

Bild 145-175

und führt dazu aus:

Das ist ja das erste Erfordernis eines wirklichen okkulten Vorwärtskommens, daß man die äußeren Sinneseindrücke ausschaltet. Dadurch, daß der Mensch die äußeren Sinneseindrücke ausschaltet, verändert sich innerlich das Glied seiner Seele, welches vorzugsweise unter der Einwirkung der äußeren Sinneseindrücke sich ausbildet. Das ist die Bewußtseinsseele.

[...] Daß die Bewußtseinsseele innerlich am meisten erstarkt unter dem Eindrucke der Sinneseindrücke, müssen Sie nicht mit der Tatsache verwechseln, daß diese Sinneseindrücke durch die Empfindungsseele vermittelt werden.

[...]

Beim okkult sich entwickelnden Menschen verwandelt sich die Bewußtseinsseele in die Imaginationsseele.

Entsprechend verwandelt sich die Verstandesseele in die Inspirationsseele, und die Empfindungsseele in die Intuitionsseele.

Es findet also eine Umkehrung statt insofern, als das geschichtlich und individuell zuletzt entwickelte, in der Hierarchie daher zuhöchst stehende Seelenglied zugleich die erste und in der Hierachie zuunterst stehende übersinnliche Erkenntnis ermöglicht, und umgekehrt. Zwar kann die Reihenfolge der Erkenntnisschritte, nach Steiner, auch anders verlaufen, doch sei dies irregulär und gefährlich. Das wird durch Steiner nachvollziehbar begründet (siehe dort).

Weiterhin gibt er folgende Zeichnung

Bild 145-180

und führt dazu aus:

[...]

Was daraus folgt, läßt sich tabellarisch wiederum so darstellen:

Imaginative Erkenntnis Inspirative Erkenntnis Intuitive Erkenntnis
wird ermöglicht über den... zur Bewußtseins- und Imaginationsseele umgewandelten physischen Leib zur Verstandes- und Inspirationsseele umgewandelten Ätherleib zur Empfindungs- und Intuitionsseele umgewandelten Astralleib.

In der Zusammenschau dieser Aufstellung mit allen bisherigen Aufstellungen ist jetzt die Verwirrung komplett.

Denn jetzt...


1.5 Gemäß Tombergs "Sieben Vorträgen zur Selbsterkenntnis des Menschen" (1938).

Fast wie um die Sache noch komplizierter zu machen, hat Valentin Tomberg uns ein 3x3-Schema hinterlassen. Ich gebe dieses hiermit tabellarisch wieder:

Imagination Inspiration Intuition
imaginiert: Schauen farbiger Formen oder symbolischer Bilder Wahrnehmen von Linien und Figuren, die Gesetzmäßigkeiten offenbaren Blitzhafte Wesens-Begegnung, erfahren in Wärme und Kälte
inspiriert: Inneres Hören worthafter Mitteilungen, geformt aus Klangäther Moralisch erschütternde Ton- und Wort-Wahrnehmungen Blitzhafte Erlebnisse geistwesenhafter Taten
intuiert: Wesens-Berührung im Erlebnis eines inneren Blicks Wahrnehmen, zugleich Schaffen in Erfüllung durch ein Geistwesen Wesens-Begegnung im Ich

Tomberg beläßt es jedoch bei der Beschreibung; zu den Veränderungen in den Wesensgliedern und Organsystemen äußert er sich nicht.