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Zusatz (1): Das katholische / inquisitorische Erbe in Steiners Werk und Umfeld

Kosmogonie @, Donnerstag, 19. Mai 2016, 13:55 (vor 910 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Montag, 06. Juni 2016, 11:25

Um meine Provokation auf die Spitze zu treiben (was ich mir erlaube, da ich Steiner ernstnehme), erwähne ich noch die katholische Prägung, die Steiner in (früh-)kindlichen Alter erfahren hat, und mit der H.Traub sich in seinem Buch auf S. 793-803 ausführlich auseinandersetzt. Daraus will ich nur diesen Satz aus dem Resumee zitieren (Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

Es ist jedenfalls frappierend, mit welcher Beharrlichkeit Steiner immer wieder behauptet, daß seine "Mitteilungen" aus höheren Welten von Jedermann eingesehen werden könnten, wenn sie nur genügend "unbefangen" und "vorurteilsfrei" aufgenommen würden.

Tatsächlich aber können sie ganz überwiegend nicht eingesehen werden, selbst mit größtem Wohlwollen nicht. Sie werden - von einer anthroposophischen "Fangemeinde" - lediglich geglaubt; ansonsten kann man sie als originelle und anregende Hypothesen schätzen und insoweit ernstnehmen; und daraus folgend kann man versuchen (so wie ich es tue), sie zu ordnen, in Beziehung zu setzen und versuchsweise weiterzudenken.

Was ist aber mit den Menschen, die Steiners Behauptungen nicht nur nicht einsehen, sondern darüber hinaus ablehnen, ja für Spinnerei erklären? Aus Steiners Sicht sind diese Menschen irgendwie krank. Der Kantianismus (dem Steiner übrigens innerlich viel näher stand, als er zugeben konnte) ist demnach eine "Wissenschaftskrankheit"; die Physiker Albert Einstein und seine Kollegen waren, zumindest unter wissenschaftlichem Aspekt, "Neurastheniker". Überhaupt operierte Steiner auffällig häufig mit den Begriffen "gesund" und "ungesund" außerhalb des medizinischen Bereiches.

Dies erinnert an die Inquisitionspraxis der Katholischen Kirche im - insoweit zurecht so genannten - "finsteren" Mittelalter. Man muß dieser Praxis übrigens zugestehen, daß sie in gewissem Sinne nicht ungerecht war: den Beschuldigten wurde viele Gelegenheiten gegeben, sich zu rechtfertigen und gegebenenfalls zu widerrufen. Auch wurde in Rechnung gestellt, daß sie möglicherweise (geistig) krank seien; zumindest in diesem Falle wurde von Folterung abgesehen.

Was Anthroposophen von den kirchlichen Inquisitoren wesentlich unterscheidet, ist der zeitlich bedingte Umstand, daß sie auf den Staat als Exekutive nicht zurückgreifen können, ja zeitweilig selber Opfer von Verfolgungen waren. Das hat sie gleichwohl nicht abgehalten, ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern, insbesondere den "Verrätern" innerhalb der eigenen Reihen (beispielsweise V.Tomberg), expressis verbis den Krieg zu erklären und tatsächlich soziale Vernichtungsfeldzüge auszuführen.

Bemerkenswert ist diesbezüglich eine Passage in Steiners Vortragswerk (GA 196-15, ich zitiere, Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

Was soll es nun heißen, diese Leute unschädlich zu machen? Wenn, wie es im selben Satz heißt, schon in ihrer Existenz der Schaden besteht, dann kann "unschädlich machen" nur bedeuten, sie ihrer Existenz zu berauben. Dazu wird zwar nicht ausdrücklich aufgerufen, aber wenn Steiner sagt, "es handelt sich darum...", dann meint er es oft, und offenbar auch hier, im Sinne nicht einer Feststellung, sondern einer Aufgabenstellung. Zu diskutieren wäre dann nur noch über das "wie".

Man muß derartige Äußerungen - eigentlich: Entgleisungen - im Steinerwerk nicht allzu ernst nehmen, aber man kann und sollte sie werten als Indizien für eine Haltung, welche auf geistige Ursprünge der Anthroposophie zurückweist, und welche in großen Teilen von Steiners Anhängerschaft immer noch virulent ist.


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