Vom Schmerz der Tiere - nochmaliger Hinweis auf C.S.Lewis

Bernhard, Samstag, 16. Juli 2016, 21:00 (vor 855 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Bernhard, Samstag, 16. Juli 2016, 21:17

Hallo, Thomas!


Danke für den bemerkenswerten Beitrag!

Leider kenne ich Spencer nur im Original; aber da mein Englisch nicht ausreicht, um solchen esoterisch-kosmologisch subtilen Texten wie denen Spencers aufmerksam folgen zu können, habe ich ihn nicht gelesen.

Kleine Korrektur am Rande: Laut Steiner leidet nicht die Pflanze, wenn man sie mit den Wurzeln aus den Boden reißt, sondern die Erde; wogegen die Erde ein "Wohlgefühl" empfindet, wenn die Pflanzen oberirdisch abgeschnitten werden. (Z.B. erlebt man angeblich hellsichtig die angenehmen Empfindungen der Erde, wenn man den Bauern mit seiner Sense das Getreide mähen sieht.) Hier vergleicht Steiner die Vegetation der Erde mit des Menschen Haaren auf seinem Kopf, der in dem selben Maße wie die Erde empfindet: Reißt man die Haare mit ihren Wurzeln aus, schmerzt dies; werden sie scharf abgeschnitten, tut dies der Kopfhaut gut.

Dann zum Schmerzempfinden bei den Tieren: Die Aussage, wonach im Tier Schmerz "stattfindet", kann ich nicht eigentlich teilen, denn sie suggeriert, das der Schmerz nicht un-mittelbar er- und durch-lebt wird, sondern sozusagen als ein äußeres Ereignis wahr-genommen wird. Die objektive Wahrnehmung eines Schmerzes aber ermöglicht es, zu diesem eine gewisse innerpsychische bzw. halbbewusste Distanz herzustellen - und somit den Schmerz als etwas Geschehendes ertragbar zu machen. Wenn ich z.B. mein Gesicht verziehe, meine Backe anschwillt, mein Kopf rot anläuft, ich Fieber bekomme und meine Hand auf die geschwollene Backe halte, sind dies alles äußere Zeichen dafür, dass in einer Backenzahnwurzel ein Entzündungsprozess stattfindet; dass er in der Tat stattfindet, belegt auch der heftige schwärende Schmerz, den ich währenddessen empfinde. Wenn mich nun der Zahnarzt nach meinem Befinden fragt, antworte ich ziemlich wahrscheinlich nicht: "In meiner linken Backe findet ein Zahnschmerz statt!" - Eine solche Antwort ließe den Zahnarzt sicher hoffnungsvoll aufatmen und ihn zu mir sagen: "Na, wenigstens haben sie bei all ihrer Qual nicht ihren drolligen Humor verloren!" :-D - Der springende Punkt bei dem Problem ist eben der: Ich als Schmerzleidender kann klar artikulieren, dass ich ein Schmerzereignis erlebe. Wenn mich der Zahnarzt befragt, dann antworte ich ihm spontan und ohne nach Worten zu klauben: "Ich habe schreckliche Zahnschmerzen!" - Ich habe sie, sage ich instinktiv korrekt, weil ich sie als etwas sehr Konkretes in mir erlebe, das dort normalerweise nicht lokalisiert ist. Würde ich ihn physiologisch tatsächlich als etwas stattfindend Geschehendes erleben, also als etwa Mechanisch-Prozessuales, könnte ich ihn - salopp gesprochen - als ein Mechanisch-Prozesshaftes auch kurzerhand "abschalten". Sehr wohl kann ich die prozessualen Ursachen des Schmerzes beseitigen und mit ihnen den durch diese verursachten Schmerz. Den Schmerz selber kann ich nicht isoliert von den ihn verursachenden Prozessen beseitigen, sondern allenfalls betäuben; denn mit seiner Betäubung bleiben die ihn verursachenden Prozesse bzw. Bedingungen dennoch erhalten. Richtig ist, dass Prozesse stattfinden, welche Empfindungen und Gefühle auslösen oder hervorrufen; aber Empfindungen und Gefühle als solche finden nicht statt, sie werden innerseelisch empfunden, gefühlt, er-lebt. -

Sofern man nun beim Tier mutmaßt, dass es den Schmerz nicht er-lebt, fühlt und empfindet, sondern dass er in ihm als etwas Mechanisch-Prozessuales "stattfindet", sucht man sich darüber zu beruhigen, dass es in der Tat nicht wirklich leide, wie etwa der Mensch, dem das Schmerzerleben als etwas fundamental Wesensgemäßes zugesagt wird. Ein leidendes Tier leidet "mittel-bar" und "subjektiv", auch wenn es die mechanisch-prozessuale Ursache seines Schmerzes nicht erkennen und objektiv beurteilen kann. So entschuldigt man sich bei der leidenden Kreatur seiner Verpflichtung zu Mitgefühl und Mitleid ihr gegenüber und relativiert den - offensichtlich - grausamen, unbarmherzigen und ungerechten Charakter der Jagdfluren der Raubtiere und menschlichen Jagdgesellschaften, der Schlachthöfe und der wissenschaftlichen Vivisektion.


Lieben Abendgruß!

Bernhard


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