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Wesenlose Weltbilder (1): Der dänische Kosmosoph Martinus (1890-1981) in der Darstellung von Uwe Todt

Kosmogonie @, Montag, 08. Juni 2020, 14:34 (vor 138 Tagen)

Hinweis: Da auf diesen Beitrag noch keine Antwort erfolgt ist, habe ich dem ursprünglichen Titel eine Art Übertitel vorangestellt: Wesenlose Weltbilder. Übertitel, weil ich noch mindestens einen weiteren Beitrag plane, der sich mit spirituellen Weltbildern befaßt, in denen nichtmenschliche Wesen keine oder so gut wie keine Rolle spielen. Im nächsten Beitrag unter diesem Übertitel werde ich meine allgemeine Einschätzung solcher Weltbilder darlegen.

Uwe Todt, ein anthroposophisch gebildeter Autor, hat in den letzten Jahren mehre Bücher über die Person und das Werk von Martinus (bürgerlich: Martinus Thomsen) veröffentlicht. Dieser war mir bis dahin unbekannt. Auch besagter Autor gibt an, daß er auf Martinus erst sehr spät gestoßen ist. Dabei könnte es gut sein, daß es sich bei Martnus um den von Steiner vorhergesagten Boddhisattva gehandelt hat. Jedenfalls treffen die von Steiner genannten Kriterien auf Martinus vollständig zu (wie übrigens auch auf Valentin Tomberg).

Selbstverständlich fragt man sich als anthroposophisch gebildeter/vorbelasteter Leser in einem solchen Fall, inwiefern das Weltbild des fraglichen Autors, hier Martinus, mit dem von Steiner übereinstimmt. Auch Uwe Todt geht dieser Frage nach, und dies sogar sehr ausführlich; ja er hat ihr ein eigenes Buch gewidmet: "Anthroposophie und Martinus' Geisteswissenschaft. Aspekte eines zukünftigen Christentums" (2016).

Für Todt ist die Sache weitgehend klar: Offensichtliche Nichtübereinstimmungen, ja Widersprüche, lassen sich durch logische Überlegungen meistens auflösen oder verlieren an Bedeutung, und ansonsten waren dem Steiner manche Dinge eben einfach "noch nicht bekannt". Anders gesagt: Steiners kosmologisches Wissen oder kosmisches Bewußtsein hinkte - Todt zufolge - dem von Martinus etwas hinterher, was ja wegen des zeitlichen Abstandes plausibel erscheint. Ersatzweise habe Steiner dann auf Traditionen zurückgegriffen, wie etwa auf die Hierarchienlehre des Dionysios Areopagita.

Aber gerade an letzterem Punkt ist mir die vermeintliche Vereinbarkeit der Systeme erstmals fragwürdig geworden. Hierarchische Wesen, also Engel in weiterem Sinne, spielen bei Martinus nämlich keine Rolle; auch in den Sachregistern der Bücher von Todt kommen sie nicht vor. Dasselbe gilt auch für Elementarwesen, welche, zeitlich parallel mit dem ätherischen Erscheinen des Christus, heute so viele Forscher beschäftigen. Stattdessen ist bei Martinus ständig die Rede von den sechs Grundenergien, welche die kosmische Evolution in Gang halten.

Martinus hat sein Weltbild mit sehr vielen - ästhetisch m.E. sehr ansprechenden - Grafiken illustriert. Aber sie alle bzw. die durch sie bezeichneten Sachverhalte machen auf mich den Eindruck des Mechanischen und Automatenhaften. Ich komme nicht umhin, angesichts dieser Grafiken immerzu an gläserne Modelle von sechszylindrigen Hubkolbenmotoren zu denken, an deren Kurbelwellen man drehen kann, um die Stellungen der Kolben zu verfolgen, welche in Martinus' Weltbild die Stufen der kosmischen Evolution darstellen.

Für eine gewisse Grafik wäre das ein sechszylindriger Sternmotor; für andere Grafiken kommt ein sechszylindriger Reihenmotor in Frage. (Letzterer Vergleich ist allerdings mit dem Mangel behaftet, daß in einem wirklichen Reihenmotor immer zwei Kolben im oberen Totpunkt stehen und zwei im unteren; wohingegen im Martinus-Modell in jeder Evolutionsphase eine einzige Grundenergie kulminiert, eine andere "ganz unten" steht und vier andere gerade auf- bzw. absteigen.)

Uwe Todt macht nun den Versuch, die sechs Grundenergien, die bei Martinus eine so große Rolle spielen, mit der Hierarchienlehre in Einklang zu bringen, und er scheint sich seines Ergebnisses sicher zu sein. Doch gerade hier kann ich ihm keineswegs folgen. Es scheint mir, daß er die Steinersche Kosmologie einfach nicht gründlich genug kennt.

Todt zufolge sind nur sechs der neun Hierarchie-Ebenen mit der kosmischen Evolution beschäftigt, und zwar die sechs obersten, nämlich: Seraphim, Cherubim, Throne, Kyriotetes, Dynamis und Exusiai (Elohim); die drei unteren fallen aus. Das paßt aber nicht zu Steiners Darlegungen, denn bei ihm sind immer alle Ebenen eingebunden, mit Ausnahme der beiden obersten, also der Seraphim und Cherubim, die sich nur hilfsweise einschalten.

Die Gleichsetzung oder Parallisierung, die Uwe Todt inbezug auf die Grundenergien vornimmt, erscheint insofern grob willkürlich, genauer besehen sogar eindeutig unmöglich. Allerdings ist die Steinersche Kosmologie auch sehr kompliziert und schwer zu durchdringen, was einem vielleicht erst klar wird, wenn man außer dem diesbezüglichen großen Abschnitt in der "Geheimwissenschaft", auf die Todt sich stützt, noch die zahlreichen anderen Erläuterungen aus Steiners Gesamtwerk zu Rate zieht. Ich habe das versucht; das Ergebnis sehen Sie auf der Hauptseite "kosmogonie.info", wovon dieses Forum eine Unterseite bildet.

Hieraus möchte ich jetzt nur wiedergeben, daß die Steinersche Kosmologie nicht nur die sieben Stufen Saturn-Sonne-Mond-Erde-Jupiter-Venus-Vulkan behandelt, auch nicht lediglich noch die sieben Hauptstufen mit u.A. der Lemuris, der Atlantis und Nach-Atlantis, sondern 7 hoch 5 = 16.807 Schritte unterscheidet (siehe dort). Es kommt aber noch eine Eigentümlichkeit hinzu, die ich dort nicht wiedergeben habe und die sich so darstellen läßt:

[image]

oder so:

[image]

Darin ist die Verschachtelung der jeweils drei ersten 7er-Perioden, als der Bewußtseins-, Lebens- und Formstufen dargestellt. (In die kleinsten Kreise oder Kugeln muß man sich dann noch die sieben Hauptstufen und die sieben Kulturepochen hineindenken.)

Ich will mit obiger Darstellung auf eine Besonderheit hinweisen: daß nämlich jede Siebener-Folge nicht nur als Kreis, sondern auch als Linie dargestellt werden kann, die aber dann zwingend eine "Senkung" aufweist, wobei die tiefst gelegene Stufe eine Art Spiegelachse darstellt.

So besehen, gibt es eigentlich nur vier Stufen, einmal nach unten, und einmal nach oben. Die letzte Stufe der absteigenden Reihe ist ident mit der ersten Stufe der aufsteigenden Reihe, woraus sich dann die Siebenzahl ergibt.

Es entsprechen sich also die Stufen

  • 1 und 7
  • 2 und 6
  • 3 und 5


Das läßt sich so verstehen: Erst taucht ein Impuls von oben her stufenweise ins Niedere, um es durchzugestalten. Nach einem festgelegten Tiefpunkt (Stufe 4) steigt das impulsierende Wesen die gleichen Stufen wieder auf, aber jetzt um das bereichert, was es auf seinem Weg gelernt hat.

Beispiele: Wir leben in der fünften Kulturepoche und wiederholen oder spiegeln dabei den Materialismus, der sich in der dritten Kulturepoche, im alten Ägypten, ingestalt der Mumifizierung vorbereitet hat. - Auf oberster Ebene spiegelt sich ebenso der Neue Jupiter am Alten Mond, die Neue Venus an der Alten Sonne, und der Vulkan am Alten Saturn.

Dieses Spiegel-Element scheint in Martinus' Kosmologie zu fehlen. Dort gibt es immer nur 6er-Folgen (6 Daseins-Ebenen, 6 Daseins-Stufen, 6 Spiralen, 6 Grundenergien...), denen also das Element fehlt, welches als Spiegel- oder Umkehrstufe fungiert. Stattdessen evoluiert alles immer nur "nach oben", niemals auch nur vorübergehend nach unten. Von der Stoff-Ebene (Atome) geht es demnach aufwärts zur Zell-Ebene, zur Organ-Ebene, zur Organismus-Ebene, zur planetarischen, zur Sonnen- und zur galaktischen Ebene, wenn auch - was aber nicht allzu klar wird - mit weiteren Einschachtelungen.

Ob die Evolution aus einer Vergangenheit noch tieferer Stufen (subatomar) herkommt, und ob sie in eine Zukunft noch höherer Stufen (supragalaktisch) hinausläuft, hat Martinus nicht geklärt; Uwe Todt unterstellt jedoch diesem Modell aufgrund gewisser Aussagen von Martinus eine innere Logik, wonach die Welt ein geschlossenes, also ein in sich zurücklaufendes System bildet.

Resümierend zu diesem Teilaspekt möchte ich festhalten, daß die Weltbilder von Martinus und Steiner, soweit ich das gegenwärtig sehe, nicht miteinander zu harmonisieren sind, ohne zumindest dem Steinerschen Weltbild Gewalt anzutun.

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Weiterhin fällt bei der Lektüre auf, daß Christus dort keinesfalls als ein Aspekt der Gottheit vorkommt, sondern lediglich als ein Mensch, der früher als die meisten (!) anderen Menschen das "kosmische Bewußtsein" erlangt habe. Für eine Erlösungstat gibt es, Martinus zufolge, gar keinen Anlaß, da es auch keinen Fall gegeben habe, denn alles im Kosmos verläuft, Martinus zufolge, immer nach Plan. Nichts hätte "schief gehen" können, nicht die Versuchung in der Wüste, nicht die Höllenfahrt, nicht die Gewinnung eines Auferstehungsleibes. Die Bereitschaft Christi zur Kreuzigung hat demnach nur den Aussagewert der alles verzeihenden Liebe. Diese Fähigkeit sollen aber innerhalb der nächsten dreitausend Jahre nahezu alle Menschen automatisch erhalten. War Christus, so besehen, "nötig"?

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Ich komme zur Frage der Erkenntnisfähigkeit von Martinus. Vor etwa zwei Jahren habe ich einigemale an einer örtlichen Martinus-Arbeitsgruppe teilgenommen und den Vergleich Martinus/Steiner zur Sprache gebracht. Wie nicht anders zu erwarten, wurde dem Martinus die höhere Erkenntnisfähigkeit zugesprochen. Das erscheint mir inzwischen immer zweifelhafter.

Woran ich nicht zweifle, ist, daß dem Martinus eine außerordentliche Fähigkeit zur Intuition (als Erkenntnisfähigkeit im Steinerschen Sinne) zueigen war. Dafür sprechen sein Erweckungserlebnis, aber auch seine hoch interessanten Ausführungen zum kosmischen Ich; und gerade darin (aber ebenso in seinen Erläuterungen zur Entwicklung der Sexualität in Gegenwart und naher Zukunft) sehe ich seine bemerkenswerteste Leistung.

Was aber im Martinus-Werk gänzlich zu fehlen scheint, sind Erkenntnise, die aus Imagination und Inspiration hervorgehen. Im ersteren Fall hätten wir es, grob gesprochen, mit Anschauungen der Ätherwelt und mit Wahrnehmungen von Elementarwesen zu tun; im zweiten Falle handelte es sich um die Kommunikation mit Engelwesen. Doch weder über das Eine noch über das Andere ist bei Martinus irgendetwas zu erfahren. (Soweit ich mich an Uwe Todt orientiere. Todt selbst bemerkt irgendwo in seinem neuestem Buch - "In der Spur des Ich-Bin" -, daß ihm am ehesten die Intuition gegeben ist.)

Ist aber Intuition die "höchste" oder "beste" Erkenntnisweise? Aufgrund von Steiners frühen Beschreibungen könnte man das vermuten, weil der von ihm beschriebene Übungsweg mit der Imagination beginnt und erst zuletzt in die Intuition einmündet. Meines Erachtens stimmt das aber so nicht.

So könnte es zum Beispiel sein, daß jemand - analog zu Martinus' Christus-Erlebnis - dem höchsten Chef einer großen Fertigungsstätte begegnet und es zu einer sehr intimen geistigen Begegnung kommt, verbunden mit der absoluten Gewißheit gegenseitiger Übereinstimmung. Aber weiß der Betreffende daraufhin mehr von dem Unternehmen, als wenn er sich von einem Abteilungsleiter bestimmte Vorgänge detailliert hätte beschreiben lassen? Oder gar, wenn er die einfachen Arbeiter bei ihren Tätigkeiten beobachtet hätte? Ganz sicher nicht! Und selbst der Chef weiß meist eher wenig von den Details; manchmal sogar viel weniger als dem Unternehmen gut tut. Nur hat er den Vorteil, daß er sich das Wissen, wenn er es braucht und haben will, durch seine Autorität sofort beschaffen kann. Aber das ist fakultativ und nicht von Vornherein gegeben.

So scheint es mir auch im Falle von Martinus zu sein. Gewiß hatte er Intuitionen über Zusammenhänge kosmischen Ausmaßes; aber das garantiert nicht selbstverständlich ein Detailwissen. Das hätte er abfragen müssen, und hat das wohl auch getan, wo es ihm nötig schien. Zudem liegt der Fall vor, daß Martinus über keine Hochschul-, ja nicht einmal über eine ordentliche Grundschulbildung verfügte. Insofern war schon seine Allgemeinbildung wenig geeignet, um ein Werk zu schaffen, daß von seinen gebildeteren Zeitgenossen hätte aufgenommen und weitergeführt werden können.

Soweit in Kürze. Ich werde versuchen, tiefer in das Martinus-Werk einzudringen.

Wesenlos?

Uwe Todt, Mittwoch, 24. Juni 2020, 19:59 (vor 122 Tagen) @ Kosmogonie

Wieso ordnen Sie das Weltbild von Martinus bei "wesenlose Weltbilder" ein? Das Weltbild von Martinus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er genau erklärt, dass alles wesenhaft ist. Das Wesenhafte ist aber etwas nicht Erscheinendes. Genauere Erklärungen würden hier zu weit führen.

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Wesenlos?

Kosmogonie @, Mittwoch, 24. Juni 2020, 20:46 (vor 122 Tagen) @ Uwe Todt

Das Wesenhafte ist aber etwas nicht Erscheinendes.

Da liegt für mich das Problem.

Man kann "Wesen" philosophisch definieren z.B. als "das Wesen einer Sache", d.h. seine Essenz im Unterschied zu seiner Existenz. In diesem Sinne sprach Husserl von der "Wesensschau".

In der okkultistischen Literatur wird üblicherweise aber von Wesen im Sinne von Wesenheiten, gesprochen, d.h. von seelischen und/oder geistigen Entitäten. Das können Elementarwesen sein, aber auch hierarchische Wesen. Ihnen allen ist zueigen, daß jedes von ihnen bestimmte Eigenschaften hat und folglich von jedem anderen Wesen unterschieden werden kann. In vielen Fällen sind Wesen auch sehr genau beschrieben worden oder haben sich inspirativ begabten Menschen selbst beschrieben. So sind in der "Naturgeisterreihe" des Flensburger Hefte-Verlages durch Vermittlung der Frau Stael von Holstein eine riesige Zahl von Wesen zu Wort gekommen, etwa Baumgeister, Gebietswesen, Gruppen-Iche, Maschinenwesen, Gefühlswesen und dergleichen mehr. Auf jeden Fall sind diese Wesen hoch individualisiert, und sie haben uns etwas mitzuteilen.

Diese Bestimmtheit, diese Konkretheit fehlt mir bei Martinus. Er spricht zwar von Wesen, aber, soweit ich sehe, immer in einem sehr abstrakten und pauschalen Sinne, z.B. als die Wesen der Organebene. Da kann ich mir "kein Bild von machen".

Überhaupt machen seine Beschreibungen insgesamt auf mich den Eindruck, nicht auf unmittelbarer Schau, sondern überwiegend auf gedanklichen Konstruktionen zu beruhen. Sie müssen deswegen nicht wertlos sein. Aber es ist ein Aspekt am Martinus-Werk, der mich unbefriedigt läßt.

Wesenlos?

Uwe Todt, Freitag, 26. Juni 2020, 09:41 (vor 120 Tagen) @ Kosmogonie

Die Welt der Erscheinungen darzustellen, seien es physische, ätheriscshe, astralische oder geistige Erscheinungen, wozu auch die von Ihnen aufgeführten Wesen gehören, ist nicht das Anliegen von Martinus. Dazu gibt es Literatur in Hülle und Fülle.

Martinus geht es darum, zu erklären, wie die Welt der Erscheinungen hervorgerufen wird. Ich möchte das am Menschen erklären, denn den Menschen kennen wir von allen Wesen am Besten. Beim Menschen möchte ich wiederum vom Ich ausgehen, denn jeder, der diesen Text lesen und verstehen kann, kann nach der Lektüre entweder sagen "Ich habe den Text verstanden" oder "Ich habe den Text nicht verstanden".
Wenn er diesen Satz formuliert, vollzieht er eine denkende Tätigkeit. Durch Denken bringt er Gedanken in die geistige Erscheinungswelt, nämlich einen der beiden oben genannten Sätze.
Damit keine Missverständnisse aufkommen, möchte ich hier einschieben, dass ich das
Denken für meine Erläuterungen wähle, weil wir im Denken am bewusstesten sind und
das, was ich sagen möchte, leichter verstehen können, wenn ich es am Denken
erläutere. Ich könnte es aber auch am Wahrnehmen, am Fählen, am Wollen oder am
Erinnern erklären.

Ich bin es, der bewusst denkt. Nur wenn ich es will, wenn ich z.B. Klarheit gewinnen will, beginne ich bewusst zu denken. Das Ich ist also da, bevor ich mit dem Denken beginne. Dann führe ich eine Tätigkeit aus, ich denke. Das ist das zweite, was zum Denken dazugehört. Das Ich ist kein Gedanke, denn es ist bereits da, bevor ich zu denken beginne. Das Denken ist auch kein Gedanke, denn es bringt ja erst die Gedanken hervor. Gleiches gilt für das Ich und das Wahrnehmen, das Fühlen, das Wollen oder das Erinnern. Wir haben also beim Denken drei Glieder: Den Denkenden (das Ich), das Denken und das Gedachte (die Gedanken). Die ersten beiden Glieder sind unwahrnehmbar, darum werden sie auch in der Regel nicht beachtet. Sie sind aber das Wesen der Sache.

Hiergegen kann man einwenden: Wenn das Ich und die Tätigkeit des Denkens, des Wahrnehmens usw. unwahrnehmbar sind, wie will man dann von ihnen wissen? Es können doch nur Gedankenkonstruktionen sein, denn sonst wären sie doch wahrnehmbar. Oder?
Alles Wahrnehmen vollzieht sich nach dem Kontrastprinzip (Ausdruck von Martinus). Wir wissen von der Dunkelheit erst durch das Licht. Ein von Geburt an Blinder weiß nichts von der Dunkelheit, in der er lebt. Ein von Geburt an Tauber weiß nichts von der Stille. Um die Stille erfahren zu können, muss er erst einmal Geräusche gehört haben. Nun gibt es aber einen Urkontrast, der uns nicht zum Bewusstsein kommt. Es ist der Kontrast zwischen dem Erscheinenden und dem Erscheinungslosen. Das Erscheinungslose sind das Ich und die Tätigkeiten des Ichs, also das Denken, das Wahrnehmen, das Fühlen usw.
Ein geistig Erwachter kann sich als Erstes seines Ichs bewusst werden. Damit ist das Ich kein Gedanke mehr, sondern eine innere Erfahrung, die den Kontrast zu dem Nichtich der Außenwelt bildet. Ebenso kann er sich seines Denkens bewusst werden. Wohlgemerkt des Denkens selbst, nicht der Gedanken. Damit beginnt er wirklich bewusst Denken zu können. Ein Eingeweihter vom Format von Martinus, ist sich des Wahrnehmens bewusst geworden. Damit kann er sich in jede Wahrnehmung außerhalb von Raum und Zeit versetzen und sie willkürlich hervorrufen.

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Wesen - Ich, Denken, Gedachtes - Allwissenheit

Kosmogonie @, Freitag, 26. Juni 2020, 11:35 (vor 120 Tagen) @ Uwe Todt

Die Welt der Erscheinungen darzustellen, seien es physische, ätheriscshe, astralische oder geistige Erscheinungen, wozu auch die von Ihnen aufgeführten Wesen gehören, ist nicht das Anliegen von Martinus. Dazu gibt es Literatur in Hülle und Fülle.

Nun, damit hat sich Ihre Ausgangsfrage ("Wieso ordnen Sie das Weltbild von Martinus bei "wesenlose Weltbilder" ein?") offenbar erledigt. Im Fortgang haben Sie ein ganz neues Thema begonnen, zu dem ich mich gleich gesondert äußern werde.

Aber bleiben wir doch noch kurz bei der Wesens-Frage. Ihre Selbstbeantwortung, das sei nicht Martinus' Thema gewesen, befriedigt mich nicht. Denn wenn Martinus den Kosmos und dessen Werden beschreibt, und das tut er sehr ausführlich, dann beschreibt er etwas, was uns zumindest teilweise auch erscheint. Und das hätte er nicht getan, wenn das nicht (auch) sein Anliegen gewesen wäre. Und da fehlt mir einfach ein Teil, nämlich die Wesen, welche Taten vollbringen.

Zur Verdeutlichung und zum Vergleich zitiere ich aus der Hauptseite, Unterseite Saturn, ein paar Sätze von Valentin Tomberg:

Die Verwandlung, die in der Mitte der Saturnentwicklung stattgefunden hat, die Änderung der Entwicklungsrichtung, war nicht nur ein bloßes Drehen im Kreise. Es dreht sich in der Welt überhaupt nichts - alles in der Welt sind Taten von Wesen und von Gruppen von Wesen. Wenn also die Saturnentwicklung einen Aufstieg erfahren hat, so bedeutet das eine Tat. Und was da als Tat geschehen war, das war, daß ein geheimnisvolles Wesen in der Mitte der Saturnentwicklung, in der eisigsten Kälte, die Verwandlung dieser Kälte in Willenswärme bewirkte.

Lesen Sie das am besten den ganzen Tomberg-Text, von dem ich jetzt nur das Nötigste wiedergegeben habe. Es entsteht ein ganz anderer Eindruck, eine andere Stimmung als bei Martinus. Da ist es Prosa; bei Tomberg ist es Drama.

Ein anderer Vergleich wäre die Geschichtsschreibung: Man kann die Geschichte als Struktur (Altertum, Mittelalter, Neuzeit) darstellen, vielleicht noch fraktale Strukturen darin aufzeigen; man kann aber auch noch die Männer beschreiben, von denen wir annehmen, daß ohne sie die Geschichte anders verlaufen wäre. Für viele Menschen wird Geschichte überhaupt erst dadurch interessant, weil dramatisch. Entsprechendes gilt für die Kosmogenese. Martinus stellt sie dar als ein Programm, das einfach abläuft. Tomberg stellt sie dar als ein Geschehen, das immer auch anders hätte ablaufen können.

(Ähnlich sieht es auch "der Große" - ein michaelischer Engel oder Erzengel - im Gespräch mit Verena Stael von Holstein und Wolfgang Weirauch: Als Christus seine Höllenfahrt antrat, hielten die Wesen des ganzen Kosmos gleichsam den Atem an, und die Naturwesen tun es jedes Jahr und jedes auf seine Weise; höchste Spannung!)

Aber nun gut. Ich kann dem Martinus nicht vorwerfen, daß er seine eigene Sichtweise hat. Ich wollte sein Weltbild einfach nur grob charakterisieren und einordnen, und kam somit auf die - freilich negative - Charakterisierung: Wesenlose Weltbilder.

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Martinus geht es darum, zu erklären, wie die Welt der Erscheinungen hervorgerufen wird.

Das ist also ein neues Thema. Es erscheint mir sehr bedeutsam und hat mich schon bei Lektüre Ihrer Bücher sehr angeregt und weitergeführt, aber es gibt mir momentan keinen Anlaß zu Fragen oder Einwänden. Außer, was Ihren letzten Satz betrifft:

Ein Eingeweihter vom Format von Martinus, ist sich des Wahrnehmens bewusst geworden. Damit kann er sich in jede Wahrnehmung außerhalb von Raum und Zeit versetzen und sie willkürlich hervorrufen.

Also er ist allwissend. So wurde mir das auch in der Martinus-Arbeitsgruppe gesagt. Na, da kommen mir aber Zweifel.

In Ihrer Martinus-Biografie erwähnen Sie die Begegnung mit Krishnamurti in Indien. Diese Begegnung ist für Martinus nicht so verlaufen wie verhofft, vielmehr enttäuschend, ja peinlich, denn der Angesprochene hatte offensichtlich keine Interesse, auf die einleitende Frage von Martinus einzugehen, und wandte sich einfach ab. Nun, das kann vorkommen. Da aber Martinus der Meinung war, mit Krishnamurti karmisch verwandt oder bekannt zu sein, wirft dieses Ereignis die Frage auf, ob die karmische Beziehung vielleicht doch nur ausgedacht war.

Einen ähnlichen Eindruck bekam ich durch Ihre Schilderung der letzten Tage von Martinus. Sein jugendlicher Betreuer erhielt einen Anruf, nahm den Hörer ab, hielt den Anrufer für betrunken, und legte wieder auf. Er merkte nicht, daß der Anrufer Martinus war, welcher sich jetzt in einer unverhofft hilflosen Lage befand. Tragisch, könnte man sagen, und: sowas passiert immer und überall. Nur, daß es dem Martinus passierte, das wird wohl jeden Leser überraschen.

Das soll kein Einwand gegen die Glaubwürdigkeit von Martinus' Mitteilungen zur Kosmogenese oder zu seinen vergleichsweise sehr hohen Erkenntnisfähigkeiten sein. Ich erwähne es nur, weil solche Einzelheiten, weil emotional anrührend, nach der Lektüre bevorzugt hängenbleiben. Sie formen das Martinus-Bild nicht negativ, sie verlebendigen es vielmehr.

Ich (X1), Schöpfungsvermögen (X2) und Erschaffenes (x3)

Uwe Todt, Samstag, 27. Juni 2020, 05:17 (vor 120 Tagen) @ Kosmogonie

Martinus behandelt in seinem Werk insbesondere die beiden Ebenen des universellen und individuellen Ichs (X1) und seines Schöpfungsvermögens (X2). Daneben dann auch X3, das Erschaffene. Die beiden erstgenannten Ebenen kommen bei Steiner und Tomberg nicht explizit vor. Sie behandeln die Erscheinungswelt (X3), aber nicht nur die physsischen Erscheinungen, sondern auch die ätherischen, astralischen und geistigen Erscheinungen.
Die von Martinus beschriebenen sechs Energien gehören zu X2 und damit nicht zur Erscheinungswelt, sondern zur ewigen Welt. Sie rufen die Erscheinungswelt hervor. Weil sie zur ewigen Welt gehören, sind sie ewig gleich. Sieht man in ihnen Erscheinungen, dann entsteht der leblose Eindruck, den Sie von dem Weltbild von Martinus gewonnen haben.

Ich bin der Meinung, dass die früheren Eingeweihten die nicht erscheinende Welt auch gekannt haben, sie sich aber in Imaginationen verbildlichten, weil sie sich das erscheinungslose Ich, das eins ist mit dem Ich des Weltgeistes, noch nicht so vergegenwärtigen konnten, wie es seit dem Ereignis von Glgatha möglich ist. So habe ich den Versuch gemacht, die Imaginationen der Hierarchien (X3) wieder aufzulösen und auf die sechs Schöpfungsenergien (X2) zurückzuführen, aus denen sie meines Erachtens von den vorchristlichen Eingeweihten gebildet wurden. Dass es sich bei der christlichen Hierarchienlehre von Dionysios, dem Areopagiten, um Imaginationen handelt, kann man auch daraus entnehmen, dass es im Hinduismus und im Buddhismus andere Hierarchien gibt.

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Ich (X1), Schöpfungsvermögen (X2) und Erschaffenes (x3)

Kosmogonie @, Sonntag, 28. Juni 2020, 21:53 (vor 118 Tagen) @ Uwe Todt

So habe ich den Versuch gemacht, die Imaginationen der Hierarchien (X3) wieder aufzulösen und auf die sechs Schöpfungsenergien (X2) zurückzuführen, aus denen sie meines Erachtens von den vorchristlichen Eingeweihten gebildet wurden.

Nun, ich hatte ja bereits in meinem Startbeitrag geschrieben, daß ich Ihre Zuordnung nicht für schlüssig halte. Ihrer Darstellung nach sind nur die Wesen der 1. Gruppe (Seraphim, Cherubim, Throne) und der 2. Gruppe (Kyriotetes, Dynamis, Exisuai) schöpferisch tätig gewesen. Aber nach Steiner sind die Wesen der dritten Gruppe (Archai, Erzengel, Engel) ebenso beteiligt (der Mensch übrigens auch!); dagegen halten sich die Seraphim und Cherubim zurück; sie springen sozusagen nur hilfsweise in bestimmten Phasen ein. Ferner sind auch luziferische und ahrimanische Wesen schöpferisch tätig.

Frage: Halten Sie für möglich, daß die o.g. Wesen real existieren, also X3 angehören, oder meinen Sie, es gibt sie entweder nur als Imaginationen von Schöpfungsenergien (X2) oder aber gar nicht?

Gibt es die christlichen Schöpfungshierarchien real?

Uwe Todt, Dienstag, 30. Juni 2020, 11:56 (vor 116 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Uwe Todt, Dienstag, 30. Juni 2020, 12:29

Ich bin der Meinung, dass es die christlichen Hierarchien nicht real (X3), sondern nur als Imaginationen von Schöpfungsenergien gibt. In den vergangenen und gegenwärtigen Kulturen wurden und werden die Schöpfungsenergien sehr unterschiedlich imaginiert. Wenn man sie als real interpretiert, müsste man alle anderen vergangenen und gegenwärtigen religiössen Vorstellungen höherer geistiger Wesen verwerfen, was zu dem üblichen religiösen Dogmatismus führen würde.

Als ich Martinus zu lesen begann und dann sein Werk in meinem zweiten Martinusband zusammmenfasste, interpretierte ich Martinus im Rahmen meines anthroposophischen Weltbildes. Ich fand keine Möglichkeit, die erste und zweite Hierarchie bei Martinus unterzubringen. Dagegen glaubte ich, die dritte Hierarchie bei Martinus wiedergefunden zu haben und identifizierte die Archai mit den Wesen des Gedächtnisreiches, die Archangeloi mit den Wesen der göttlichen Welt und die Angeloi mit den Wesen des Weisheitsreiches. Diese Parallelisierung wurde mir aber zunehmend fraglicher, je mehr ich in das Werk von Martinus eindrang. Meine Erkenntnisgewinne fasste ich dann am 9.10.2017 in einer Notiz zusammen, die ich 2019 in meinem Buch In der Spur des Ich-Bin auf Seite 79 ff. veröffentlichte.

Nun gibt es natürlich bei Martinus auch reale Wesen. Diese sind dann begrifflich immer X1+X2+X3. Es gibt sie als Pflanzenwesen, Tierwesen, Menschenwesen, Wesen des Weisheitsreiche, Wesen der göttlichen Welt und Gedächtniswesen. Diese Wessensgruppen gibt es auf der Ebene der Stoffe, der Zellen, der Organe, des Zwischenkosmos' (die Ebene, in der wir uns befinden), der Himmelskörperebene, der Sonnensystemebene und der Galaxienebene. Die vollkommensten Wesen sind die Wesen der göttlichen Welt. Danach steigen die Wesen wieder ab, um sich als Gedächtniswesen im Gedächtnisreich (Pralaya) auf den Durchgang durch die nächsthöhere Ebene vorzubereiten, in der sie wieder alle sechs Wesensstufen durchlaufen. Auf allen Ebenen des Kosmos findet man also die Wesen der Finsternis (Tierwesen) und die Wesen der göttlichen Welt.

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Ich sehe das Problem in der Gleichsetzung gewisser Wesen mit den Schöpfungsenergien.

Kosmogonie @, Dienstag, 30. Juni 2020, 13:59 (vor 116 Tagen) @ Uwe Todt

Ich bin der Meinung, dass es die christlichen Hierarchien nicht real (X3), sondern nur als Imaginationen von Schöpfungsenergien gibt.

Widerspruch! Aber im letzten Absatz schreiben Sie dann selbst:

Nun gibt es natürlich bei Martinus auch reale Wesen. Diese sind dann begrifflich immer X1+X2+X3. Es gibt sie als Pflanzenwesen, Tierwesen, Menschenwesen, Wesen des Weisheitsreiche, Wesen der göttlichen Welt und Gedächtniswesen. Diese Wessensgruppen gibt es auf der Ebene der Stoffe, der Zellen, der Organe, des Zwischenkosmos' (die Ebene, in der wir uns befinden), der Himmelskörperebene, der Sonnensystemebene und der Galaxienebene.

Die Frage ist nun, warum Sie die kosmogonischen Wesen, die von Steiner so ausführlich behandelt werden, nicht gelten lassen wollen. Aber Sie erklären das ja:

In den vergangenen und gegenwärtigen Kulturen wurden und werden die Schöpfungsenergien sehr unterschiedlich imaginiert. Wenn man sie als real interpretiert, müsste man alle anderen vergangenen und gegenwärtigen religiössen Vorstellungen höherer geistiger Wesen verwerfen, was zu dem üblichen religiösen Dogmatismus führen würde.

Und eben das möchte ich als Einwand nicht gelten lassen!

In diesem Zusammenhang muß ich verweisen auf meinen Beitrag, der überschrieben ist mit Martinus im Vergleich zu Valentin Tomberg. Tomberg veranschaulicht den Unterschied zwischen dem orientalisierenden und dem echt christlichen Weltbild anhand der Schiffsreise, welche von den Einen beschrieben wird als ein im Vornherein festgelegter Ablauf, von den Anderen jedoch als ein Drama, welches den beständigen Einsatz verantwortlich handelnder Menschen nötig macht. Wobei eben auch vorkommen kann, daß diese Menschen Irrtümer begehen, sich untereinander uneinig sind, Unfälle erleiden oder schlichtweg ausfallen.

Die Tatsache, daß über die Schiffsbesatzung unterschiedliche Angaben gemacht werden betreffend Zahl, Rang und Namen ihrer Mitglieder, berechtigt nun nicht zur Folgerung, daß es sie gar nicht gebe. Die wirklich entscheidende Frage ist vielmehr, ob man die Schiffsbesatzung in ihrer Notwendigkeit, aber auch Fehlbarkeit ignoriert oder aber würdigt. Und ich sehe, daß Martinus sie ignoriert. Daher meine Einordnung in die "wesenlosen Weltbilder".

Im Bild der Schiffsreise entsprechen die "Schöpfungsenergien" nach Martinus dem motorischen Antrieb oder - bei Segelschiffen - den Winden, den eingelagerten Treibstoffen, den Wellenbewegungen des Meeres, den Vorgaben der Reederei, den Geldmitteln usw. Dagegen ist von der Mannschaft im eigentlichen Sinne keine Rede. Martinus bestreitet zwar nicht explizit ihre Existenz, aber er unterscheidet sie nicht von Passagieren.

Ich bitte Sie und alle interessierten Leser, sich den oben erwähnten Beitrag vorzunehmen. Denn was ich weiterhin zur oben behandelten Sache zu sagen hätte, würde ich am besten in Zusammenhang mit den Ausführungen von Tomberg machen können, die ich dort aber noch nicht vollständig erläutert habe. Wir sollten, wenn gewünscht, dort anknüpfen. Es wird auf die Frage von offenen und geschlossenen (totalitären) Weltbildern hinauslaufen.

Was versteht Martinus unter Schöpfungsenergien?

Uwe Todt, Dienstag, 30. Juni 2020, 16:21 (vor 116 Tagen) @ Kosmogonie

Martinus benutzt den Ausdruck Energien , meint aber damit etwas ganz anderes als das, was Sie daruntere verstehen. Ich wüsste auch nicht, wo ich in meiner Zusammenfassung von Martinus Werk je von motorischem Antrieb, Winden, Treibstoffen oder Geldmitteln als Schöpfungsenergien gesprochen hätte. Mit Schöpfungsenergie meint Martinus das, was in dem Wort Schöpfung zum Ausdruck kommt: Das Hervorbringen der Erscheinungen. Unsere Wahrnehmungen entstehen durch Schöpfung der Wahrnehmungen, unsere Gedanken durch Schöpfung der Gedanken, unsere Gefühle durch Schöpfung der Gefühle usw. Welche Schöpfungen ein Wesen hervorbringt, hängt nach Martinus von folgenden Faktoren ab:
1. Der Daaseinsebene, auf der sich das Wesen befindet (z.B. der Organebene, unserer zwischenkosmischen Ebene oder der Himmelskörperebene)
2. Der Daseinsstufe des Wesens (ob es sich z.B. um ein tierisches, ein menschliches oder ein Wesen des Weisheitsreiches handelt)
3. Dem Karma des Wesens, also seinen vergangenen positiven oder negativen Taten
4. Den Sehnsüchten des Wesens.
Bei diesen vier Punkten möchte ich es belassen, es sind aber noch weitere Faktoren denkbar. Beim Menschen ists das Schöpfungsvermögen damit hochgradig individualisiert, so dass sie das ganze farbige Bild hervorbringen, dass Sie bei Tomberg finden, aber bei Martinus vermissen, obwohl es dort genauso da ist, wie bei Tomberg. Es ist nur in der Regel (manchmal schon) nicht das Thema.

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Was versteht Martinus unter Schöpfungsenergien?

Kosmogonie @, Dienstag, 30. Juni 2020, 17:22 (vor 116 Tagen) @ Uwe Todt

Martinus benutzt den Ausdruck Energien , meint aber damit etwas ganz anderes als das, was Sie daruntere verstehen. Ich wüsste auch nicht, wo ich in meiner Zusammenfassung von Martinus Werk je von motorischem Antrieb, Winden, Treibstoffen oder Geldmitteln als Schöpfungsenergien gesprochen hätte. Mit Schöpfungsenergie meint Martinus das, was in dem Wort Schöpfung zum Ausdruck kommt: Das Hervorbringen der Erscheinungen.

Nun gut, dann habe ich das falsch verstanden. Ich werde nachlesen. Aber das ändert nichts an dem grundsätzlichen Einwand, den ich vorgetragen habe. Das Problem, um das es mir geht, ist von Tomberg dargestellt worden, siehe den diesbezüglichen Beitrag.

Zum Verständnis von Martinus' Symbolen

Uwe Todt, Donnerstag, 25. Juni 2020, 19:27 (vor 121 Tagen) @ Kosmogonie

Martinus hat sein Weltbild mit sehr vielen - ästhetisch m.E. sehr ansprechenden - Grafiken illustriert. Aber sie alle bzw. die durch sie bezeichneten Sachverhalte machen auf mich den Eindruck des Mechanischen und Automatenhaften. Ich komme nicht umhin, angesichts dieser Grafiken immerzu an gläserne Modelle von sechszylindrigen Hubkolbenmotoren zu denken, an deren Kurbelwellen man drehen kann, um die Stellungen der Kolben zu verfolgen, welche in Martinus' Weltbild die Stufen der kosmischen Evolution darstellen.

Für eine gewisse Grafik wäre das ein sechszylindriger Sternmotor; für andere Grafiken kommt ein sechszylindriger Reihenmotor in Frage. (Letzterer Vergleich ist allerdings mit dem Mangel behaftet, daß in einem wirklichen Reihenmotor immer zwei Kolben im oberen Totpunkt stehen und zwei im unteren; wohingegen im Martinus-Modell in jeder Evolutionsphase eine einzige Grundenergie kulminiert, eine andere "ganz unten" steht und vier andere gerade auf- bzw. absteigen.)

Martinus erklärt in seinen Büchern mehrfach, dass es außerordentlich schwierig ist, Wahrnehmungen aus geistigen Welten in einer irdischen Sprache wiederzugeben. Man kann es nur begrifflich machen. Der Begriff ist aber nicht die Wahrnehmung. Ebensowenig wie man einem von Geburt an Blinden erklären kann, was z.B. eine rote Farbe ist. Alle Erklärungen nutzen ihm nichts, weil er die rote Farbe einfach nicht wahrnehmen kann. Man kann ihm aber die Wirkung der roten Farbe erklären, wann sie benutzt wir, welche Empfindungen sie auslöst, man kann sie mit einem Ton vergleichen usw. Man kann ihm auch die physikalische Frequenz der Farbe rot erklären.
So sind auch die von Martinus gezeichneten Symbole nur als Hinweise gedacht. Sie sollen Zusammenhänge verständlich machen, sind mit Landkarten vergleichbar, geben aber keine Wirklichkeiten wieder, sondern lediglich begriffliche Zusammenhänge von Wirklichkeiten.

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Versuche zur Steiner-Martinus-Synopse

Kosmogonie @, Samstag, 27. Juni 2020, 22:44 (vor 119 Tagen) @ Kosmogonie

Dieses Spiegel-Element scheint in Martinus' Kosmologie zu fehlen. Dort gibt es immer nur 6er-Folgen (6 Daseins-Ebenen, 6 Daseins-Stufen, 6 Spiralen, 6 Grundenergien...), denen also das Element fehlt, welches als Spiegel- oder Umkehrstufe fungiert. Stattdessen evoluiert alles immer nur "nach oben", niemals auch nur vorübergehend nach unten.

Ich versuche, das klarer zu sehen. Hier zunächst zwei Grafiken. Das erste (obere) soll die Entwicklung des kosmischen wie auch des irdischen Menschen gemäß Steiner zeigen.

Demnach trat der Mensch zuerst physisch auf (Wärmeleib auf dem Alten Saturn), dann pflanzlich, dann tierisch, zuletzt menschlich. Damit hat er den Tiefpunkt der Verfestigung erreicht und führt sich und die von ihm umgearbetete Welt wieder aufwärts. - Ähnlich kann man den Inkarnations-Exkarnationszyklus sehen. Nach der Weltmitternacht inkarniert er sich im physischen, dann im ätherischen, dann im astralen Leib; zuletzt gebiert er das Ich. Zur Lebensmitte (aber wohl nicht nur dann) kann er den Astralleib zum Geistselbst umarbeiten, den Ätherleib zum Lebensgeist, und den physischen Leib zum Geistesmenschen. - Das soll jetzt nur eine ungefähre Darstellung sein.

Bei Martinus (siehe unteren Teil der Grafik) kommt nur der kosmische Aspekt in Betracht. Und da sehen wir: Martinus ist so auf die Polarität fixiert, daß er die Siebenzahl grundsätzlich auf die Sechszahl reduziert. Der gegenwärtige Mensch zwischen Tier und Engel fällt bei ihm aus, stattdessen kreiert Martinus eine Art Zwitter. Außerdem zieht Martinus Gedächtnisreich und Mineralreich meist zusammen; völlig entschieden hat er sich wohl nicht. Anscheinend geht es ihm nur darum, den Polaritäts-Gedanken möglichst durchzuhalten.

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Bei den Schöpfungsenergien (X2) ist er mit der Sechszahl ganz konsequent. Hier leuchtet mir das noch am ehesten ein.

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Der Anthrowiki entnehme ich:

Wir stehen gegenwärtig mit unserer Erde auf der 4. Weltentwicklungsstufe. Gleichzeitige machen aber andere Wesen auf anderen Welten andere der genannten Entwicklungsstufen durch. Alle Entwicklungsstufen sind im Kosmos gleichzeitig vorhanden, ohne einander zu stören.

„Man spricht davon in der Geisteswissenschaft, daß sich unsere Erde allmählich gebildet habe, indem sie zuerst eine Saturn-, eine Sonnen-, eine Mondenzeit durchgemacht hat und dann zu dieser Erdenzeit vorgerückt ist. Aber natürlich ist alles immer da. In dem Dasein, in dem wir jetzt als dem Erdendasein drinnen leben, bereiten andere Welten ihr Saturndasein, andere Welten ihr Sonnendasein vor. Man kann das geisteswissenschaftlich beobachten. Das Saturndasein ist auch jetzt noch da. Wir wissen nur, unsere Erde hat dieses Stadium überwunden; andere Welten sind erst in diesem Saturnstadium. Da kann man dann beobachten, wie es hereinragt. Aber dieses Saturnstadium beobachten zu können, das hängt davon ab, daß man die Geschwindigkeit sich erst ändert, mit der man die Ereignisse verfolgt, sonst kann man sie nicht sehen.“ (Lit.:GA 187, S. 149)

(Hervorhebungen durch mich.)

Ohnehin ist die Steinersche Kosmologie faszettenreicher, als man meinen kann, wenn man nur den diesbezüglichen Abschnitt in der "Geheimwissenschaft" sowie die "Akasha-Chronik" berücksichtigt.

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Martinus behauptet, wir Menschen bildeten die Gehirnzellen der Erde. Demgegenüber behauptet Marko Poga¢nik, die (astralischen) Naturwesen bildeten die Gehirnzellen der Erde. (Die Quelle weiß ich augenblicklich nicht.) Vermutlich trifft dies vor Allem auf die Gnome zu.

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Auf Seite 31 von "Kosmisches Wissen - Der neue Weltimpuls des Dänen Martinus" schreibt Uwe Todt:

Jedes Wesen ist ewig, hat ewig gelebt und wird ewig leben.

Auf Seite 37 lese ich dagegen:

Die Wesen sind keine ewigen Idividualitäten, denn auch die Individualität ist bei Martinus eine erschaffene Erscheinung.

Das ist ausnahmsweise klärungsbedürftig. Ausnahmsweise, weil der Autor ansonsten sehr klar und verständlich schreibt.

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Nachtrag 29-6-2020:

In "Kosmisches Wissen", Abschnitt 3.11, finde ich Aussagen wie diese (Hervorhebungen durch mich):

Verfolgt man jetzt die Geheimwissenschaft im Einzelnen, dann bemerkt man aber, dass Steiner die Spiralkreisläufe und das Leben der Wesen in Wesen nicht bekannt war.

Durch dieses Nichtwissen kommt Steiner (...)

Weil Steiner nicht bekannt war, dass (...)

Ich halte diese Urteile für voreilig. Könnte es nicht sein, daß Steiner so, wie es Martinus angeblich auch getan hat, nur einen Bruchteil seines Wissens mitgeteilt hat? Nicht daß ich Steiner um jeden Preis verteidigen möchte -im Gegenteil, es hat wohl kein ernsthafter Anthroposoph den Steiner so massiv kritisiert wie ich es in diesem Forum getan habe. Aber es ist offensichtlich, daß Steiner gewisse Themen, die bei den Zuhörern "nicht ankamen", nicht mehr weitergeführt hat (z.B. die 9 Erdinnenschichten) oder erst sehr viel später wieder aufgegriffen hat (so Reinkarnation und die karmischen Zusammenhänge). Einige Themen hat er auch nicht ausgeführt mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß die Zeit hierfür noch nicht reif sei.

Hinzu kommt, daß Steiner, prosaisch ausgedrückt, "Fortschritte machte", dabei auch in Widerspruch zu sich selber kommt, ohne sich aber die Zeit zu nehmen, frühere Aussagen durchzusehen und als überholt zu kennzeichnen. So z.B. mit der späten Aussage, daß schon zum Ende der folgenden Kulturepoche die Weiber nicht mehr gebärfähig sein würden und die Menschen das Problem hätten, trotzdem auf der Erde zu leben.

Fehlt das Spiegelelement bei Martinus?

Uwe Todt, Dienstag, 30. Juni 2020, 19:51 (vor 116 Tagen) @ Kosmogonie

Das Spiegelelement habe ich bei Martinus nicht gefunden.

Zunächst fand ich keine Übereinstimmung zwischen Steiners Geheimwissenschaft und dem, was Martinus zu dem Symbol Nr. 14 Die kosmischen Spiralkreisläufe ausführt. Ich kam einer Übereinstimmung aber wesentlich näher, als ich das siebenbändige Livets Bog studierte, das genauer beschreibt, was Martinus in öffentllichen Vorträgen anhand von Symbolen vereinfacht ausführte. Meine Studienergebnisse beschrieb ich in meinem zweiten Martinusband Sein Werk im Kapitel 5.7.
Das genannte Symbol stellt die Entwicklung so dar, als ob die sechs Entwicklungsstufen von Mineral, Pflanze, Tier, Mensch, Weisheitswesen und göttliches Wesen auf der Erde ohne Unterbrechung ineinander übergehen, und so wird es auch von den Martinusanhängern gesehen. Ich konnte aber in dem genannten Kapitel nachweisen, dass auch nach Martinus jede Stufe in sich auch wieder einen Kreislauf bildet, der im Gedächtnisreich endet, ehe die nächse Entwicklungsstufe beginnt.
Ich fand bei Martinus zur Saturnentwicklung (mineralische Stufe), zur Sonnenentwicklung (pflanzliche Stufe) und zur Mondentwicklung (tierische Stufe) keine Ausführungen, die Steiners Geheimwissenschaft widersprechen.
Anders sieht es bei der Erdentwiclung aus, die bei Martinus eindeutig anders verläuft als bei Steiner. Das habe ich in meinem Buch Anthroposophie und Martinus' Geisteswissenschaft ausgeführt.
Der gegenwärtige Mensch befindet sich nach Martinus im Endstadium des Menschen im Tierreich und wird in etwa 3000 Jahren das wahre Menschenstadium erreicht haben, das dem Engelstadium entspricht, und einen Leib besitzen, den er nach Belieben materialisieren und demateriallisieren kann.

Während der Jupiterentwicklung erfolgt dann die Entwicklung des Weisheitsreiches, während der Venusentwicklung die der göttlichen Welt und während der Vulkanentwicklung die der Vorbereitung der Wesen für den Übergang in das Gedächtnisreich.

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Es fehlt.

Kosmogonie @, Mittwoch, 01. Juli 2020, 00:08 (vor 116 Tagen) @ Uwe Todt

Das Spiegelelement habe ich bei Martinus nicht gefunden.

Wahrscheinlich, weil Martinus das nicht kennt.

Dafür kennt er das Element der Selbstähnlichkeit (fraktale Strukturen), und führt dies konsequent aus. Das gibt diesem System eine gewisse Originalität.

Ansonsten aber erscheint mir sein kosmologisches System ziemlich konstruiert und unlebendig, ja teilweise auch wenig überzeugend. Ich sage das im Vergleich zur Kosmologie von Steiner. Was die letztere lebendig und überzeugend macht, sind die Beschreibungen der Taten und Leiden der hierarchischen Wesen, also genau das, was Sie für bloße Imaginationen halten. In der "Geheimwissenschaft" sind diese Bescheibungen noch relativ trocken, aber z.B. im kurzen Zyklus "Die Evolution vom Gesichtspunkt des Wahrhaftigen" wird es geradezu aufregend. Es ist das äußerste Gegenteil von abstrakt und schematisch, und gerade darum überzeugt es mich. Selbst wenn das alles nur erfunden sein sollte, dann müßte man dem Erfinder schon eine gewisse Genialität bescheinigen.

Insofern halte ich es für unergiebig, bei Martinus nach weiteren Übereinstimmungen mit Steiner zu suchen.

Interessant sind am ehesten noch Martinus' Auslassungen über ein Thema, das Steiner anfangs kaum behandelt hat: Die Entwicklung der Sexualität in naher Zukunft. Davon habe ich mich gedanklich anregen lassen. Genaueres zum Thema habe ich auf der Hauptseite (Kosmogonie.info) ausgeführt, und zwar unter Sündenfall und Nahe Zukunft.

Was sind ewige Wesen und Individualitäten?

Uwe Todt, Mittwoch, 01. Juli 2020, 04:57 (vor 116 Tagen) @ Kosmogonie

Nach Martinus sind alle Wesen ewig, weil sie mit dem Ich des Weltgeistes (X1) verbunden sind. Man könnte sie auch als Emanationen des Weltgeistes bezeichnen. Die Schöpfung eines Ichs durch die Elohim - wie bei Steiner - gibt es bei ihm nicht. Was bei Steiner die Schöpfung oder das Verleihen des Ichs ist, ist bei Martinus das Erwachen des Ichs. Erst wenn das Ich sich seiner selbst bewusst wird, also erwacht, beginnt die Entwicklung einer Individualität.
Die Individualität ist also nach meinem Verständnis von Martinus bei ihm keine ewige Entität, sondern ein Entwicklungsergebnis. Aus ihr können sich andere Individualitäten entwickeln und sie kann sich wieder mit anderen Individualitäten zu einer höheren Individualität zusammenschließen. Das ist möglich, weil die Verbindung mit dem Ich des Weltgeistes nie abreißt und weil jedes Wesen mit seinem Erinnerungsstrom verbunden bleibt.
Ich nahm einmal an einem Gesprächskreis teil, in dem ein Teilnehmer erklärte, er könne sich an zwei gleichzeitige, sich zeitlich überschneidende Inkarnationen erinnern. Damals kannte ich das Werk von Martinus noch nicht. Von Steiners Denken geprägt, hielt ich das für ausgeschlossen und glaubte sicher zu sein, dass es sich bei seinen Erinnerungen um Illusionen handelte.
Inzwischen sehe ich das anders, weil das, was ich oben im zweiten Absatz erklärte, die Frage beantwortet, wann und wie den sich auf der Erde vermehrenden Menschen die Individualität verliehen wurde. Steiner sagt, die sich vermehrenden Menschenseelen kamen von anderen Planeten. Hatten sie da bereits die Individualität oder erwarben sie diese erst auf der Erde? Ich gehe davon aus, dass sie die Individualität noch nicht hatten, weil ich Steiner so verstehe, dass für das Erwerben der Individualität der Durchgang durch Erdeninkarnationen notwendig ist. Jedem Menschen muss also von den Elohim irgendwann sein Ich übertragen worden sein. Das wäre also ein kontinuierlich verlaufender Prozess. Was ihnen verliehen wurde, kann aber nur der Keim der Individualität gewesen sein, denn diese entfaltet sich ja erst durch die folgenden Inkarnationen.

Durch das Studium von Martinus habe ich jetzt ein ganz anderes Bild von der Entwicklung der Individualität und sehe in ihr nur eine vorübergehende Erscheinung. Die verschiedenen Daseinsebenen, in denen Wesen in Wesen leben, sind so miteinander verknüpft, dass die umfassendere Ebene immer eine Zusammenfassung der darunter befindlichen Ebene ist. Millionen bis Milliarden in Molekülen zusammengeschlossene Atome bilden die Zellen. Millionen bis Milliarden Zellen bilden ein Organ. Hunderte bis Tausende Organe bilden einen Körper.
Im Pflanzen- und im Tierreich entfalten sich diese Körper in immer mehr Arten. Erst im Menschenreich tritt ein Ende dieser Entfaltung ein. Jetzt geht die Entwicklung innerhalb einer einzigen Art weiter.
Der gegenwärtige Mensch im Tierreich entfaltet sich jetzt durch die oben beschriebenen Parallelinkarnationen und vermutlich auch durch eineiige Zwillingsinkarnationen zu immer mehr Individualitäten.

Mit dem Menschen im wahren Menschenreich wird eine höhere Entwicklungsstufe erreicht, die dann wieder aus Zusammenfassungen der darunter befindlichen Ebene besteht. Die in zwei Geschlechter aufgespaltenen Menschen im Tierreich werden sich wieder zu einem Wesen zusammenschließen.
Die stärkste Entwicklungskraft sieht Martinus in der Liebe. Die Liebe ersehnt die Vereinigung mit dem anderen Geschlecht. Diese wird der Mensch im wahren Menschenreich erreicht haben. Die Liebe geht aber über das Geschlecht hinaus und zielt beim wahren Menschen dann auf die Vereinigung mit den anderen inzwischen doppelpoligen Individualitäten, die dann gemeinsam höhere Individualitäten bilden, für die wir noch keinen Namen haben.

Diese Gedanken sind durch das Werk von Martinus angeregt, finden sich aber so nicht bei ihm. In der Individualität sehe ich also keine ewige Entität, sondern eine vorübergehende Erscheinung, die im wahren Menschenreich von höheren Wesensbildungen abgelöst wird.

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Martinus ein Exoteriker. Weltbild der Staatsqualle. Musik des Alten Mondes.

Kosmogonie @, Mittwoch, 01. Juli 2020, 14:38 (vor 115 Tagen) @ Uwe Todt

Die Schöpfung eines Ichs durch die Elohim - wie bei Steiner - gibt es bei ihm nicht. Was bei Steiner die Schöpfung oder das Verleihen des Ichs ist, ist bei Martinus das Erwachen des Ichs.

Da spricht der Exoteriker (im Sinne Tombergs, wie bereits erläutert). Aber sehen wir das Ich-Erwachen doch mal "fraktal", also in einem kleineren Maßstab, indem wir es übertragen auf das Ich-Erwachen des Menschenkindes. Auch in diesem erwacht ein Ich - aber nicht von selbst! Herr Todt, Sie hatten beruflich mit Waldorfschulen zu tun. Sie wissen also, daß an der Entwicklung eines jeden Kindes eine gewisse Zahl von Menschen mitwirken, angefangen mit den Eltern, fortgesetzt mit Kindergärtnern, Lehrern, Schulärzten, und was zur Organisation alles notwendig ist. Ohne deren Hilfe und Beistand kommt es zu keinem, oder nur zu einem rudimentären Ich-Erwachen (vgl. die sogenannten Wolfskinder). Ganz von selbst geht das nicht.

Tomberg (s.o.) bezeichnet als Exoteriker diejenigen Menschen, die eine Schiffsreise als ein normiertes, voraussagbares Ereignis betrachten ("das Schiff kommt an", nicht: "es wird ans Ziel gesteuert"), wohingegen der Esoteriker am Zustandekommen dieses Ereignisses verantwortlich beteiligt ist, oder sich zumindest mitverantwortlich fühlt. Steiner scheint diese Mitverantwortung sehr deutlich gefühlt zu haben.

Wie ich schon sagte: Martinus beschreibt sein Weltbild aus der Sicht des Exoterikers.

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Die verschiedenen Daseinsebenen, in denen Wesen in Wesen leben, sind so miteinander verknüpft, dass die umfassendere Ebene immer eine Zusammenfassung der darunter befindlichen Ebene ist. Millionen bis Milliarden in Molekülen zusammengeschlossene Atome bilden die Zellen. Millionen bis Milliarden Zellen bilden ein Organ. Hunderte bis Tausende Organe bilden einen Körper.

Da kommt mir das Bild der Staatsqualle, spezifisch der Portugiesischen Galeere.

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Dazu Wikipedia:

Die Einzeltiere des Stocks sind so hochspezialisiert und vielgestaltig, dass sie fast als Organe eines einzigen Organismus betrachtet werden können.

Eine sehr tiefgründige Wesensbeschreibung der Qualle (aber nur am Rande der Staatsqualle, egal) findet sich im Flensburger Heft 105, "Gespräche mit Tieren 3", Stichwort: Quallen. Dort kommt der Wasser(gebiets)geist Etschewit zu Wort. Ich kann aus diesen 18 Seiten äußerst inhaltsreicher Esoterik nur das Nötigste herausholen.

Demnach enstanden die Quallen fast zeitgleich mit der Erde. Ihr Ursprung ist, wie alles Irdische, auf dem Alten Mond zu suchen. Für die Quallen gilt das aber in besonderem Maße. Auf dem Alten Mond war am Anfang nicht das Wort, sondern der Klang, und Quallen sind Klänge, welche die Form des Instruments angenommen haben, welches sie in reinster Form erzeugt, das ist die Glocke. Das geschah damals durch die Geister der Form (also nicht von selbst!) in leitender Position, ausführend durch die Wesen, welche damals die Ich-Stufe durchliefen und heute Engel sind.

Menschliche Musik ist quallen-erzeugend. Giftige Quallenarten entstehen aus - und fördern zugleich - Popmusik. Das gilt etwa für die sogenannte Meerwalnuß. Dagegen hat die Rippenqualle Beziehungen zur Gospel- und Volksmusik, je nach örtlichem Vorkommen.

Worauf ich aber hinauswill, ist, das Element der Selbstähnlichkeit und die fraktale Struktur im Weltbild des Martinus in Zusammenhang zu bringen mit dem Klangäther, der auf dem Alten Mond entwickelt wurde (nicht: sich entwickelt hat) und irdisch in den großen Ton-Kompositionen zum Ausdruck kam. Diese haben durchwegs eine mehr oder weniger fraktale Struktur, welche sich in anderen Künsten, z.B. in der Bildenden Kunst, kaum findet. Und die Staatsqualle ist sowohl Gleichnis wie auch marine Verwirklichung dieser fraktal-musikalischen Kompositionen. Sie sähe anders aus, wenn die Kompositionen anders wären, und umgekehrt.

Über Martinus schrieben Sie, daß er musikalisch begabt war und Klavierspielen gelernt hat, das Klavierspiel aber abbrechen mußte, weil sonst seine kosmologischen Eingebungen aufgehört hätten. Es ging damit sein Musikalisches rückstandfrei in sein Weltbild über. Dieses ist geprägt durch Gesetzmäßigkeiten des Zahlenäthers. Aber auch seine Grafiken ("Symbole" sind sie nur in einem technischen Sinne) sind in gewissem Sinne Zahlenspiele.

Unterrepräsentiert - ich möchte nicht sagen fehlend - ist der Lebens- oder Wortäther, der nach Tomberg heute weiterentwickelt wird in die fünfte Art, in den Gewissens-Äther.

Der Alte Mond, Ursprung der Musik, verkörpert auch die hohe Zeit der luziferischen Engel, die heute in Menschen nachholen möchten, was sie einst versäumt hatten. Und daß das Martinus-Werk m.E. luziferische Züge hat, so wie das orientialische Denken überhaupt, schrieb ich ja schon.

Zum Erwachen des Ichs

Uwe Todt, Donnerstag, 02. Juli 2020, 05:49 (vor 115 Tagen) @ Kosmogonie

Da spricht der Exoteriker (im Sinne Tombergs, wie bereits erläutert). Aber sehen wir das Ich-Erwachen doch mal "fraktal", also in einem kleineren Maßstab, indem wir es übertragen auf das Ich-Erwachen des Menschenkindes. Auch in diesem erwacht ein Ich - aber nicht von selbst! Herr Todt, Sie hatten beruflich mit Waldorfschulen zu tun. Sie wissen also, daß an der Entwicklung eines jeden Kindes eine gewisse Zahl von Menschen mitwirken, angefangen mit den Eltern, fortgesetzt mit Kindergärtnern, Lehrern, Schulärzten, und was zur Organisation alles notwendig ist. Ohne deren Hilfe und Beistand kommt es zu keinem, oder nur zu einem rudimentären Ich-Erwachen (vgl. die sogenannten Wolfskinder). Ganz von selbst geht das nicht.

Was Sie über das Erwachen des Ichs schreiben, ist mir völlig klar. Also volle Zustimmung. Natürlich ist das kein automatischer Prozess. Mir geht es lediglich über den Unterschied zwischen dem Erwachen des Ichs (Martinus) und dem Verleihen des Ichs (Steiner)

Die Quallen

Uwe Todt, Donnerstag, 02. Juli 2020, 05:55 (vor 115 Tagen) @ Uwe Todt

Hochinteressant, was Sie zu den Quallen auführen. Ich kannte das nicht. Vielen Dank.

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Martinus im Vergleich zu Valentin Tomberg

Kosmogonie @, Sonntag, 28. Juni 2020, 18:12 (vor 118 Tagen) @ Kosmogonie

Martinus Thomsen und Valentin Tomberg - ich habe den bürgerlichen Zunamen des Ersteren nur des Gleichklangs wegen angefügt - können beide als Kandidaten für den von Steiner angekündigten Boddhisattva gelten. Denn beide erfüllten die von Steiner aufgeführten Bedingungen vollständig. Bemerkenswert ist auch, daß beide von Marie Steiner mit ganz ähnlichen Worten abgewiesen wurden. Zu oder über Tomberg sagte sie (sinngemäß): "Mit dem Werk von Rudolf Steiner haben wir für die nächsten tausend Jahre genug. Wir brauchen keinen neuen Eingeweihten."

Konnte es zur Wirkenszeit der beiden Genannten nur einen Boddhisattva geben? Dann muß man sich für einen von den Beiden entscheiden. Oder hat sich der Boddhisattva sozusagen aufgeteilt in zwei, welche entgegengesetzte Standpunkte einnehmen, die sich aber ergänzen? Denn eines ist, für mich jedenfalls, klar: gegensätzlicher können spirituelle Standpunkte und die Stimmungen, die sie vermitteln, kaum sein.

Es handelt sich um einen Ur-Gegensatz, den Tomberg in seinem Spätwerk "Die Großen Arcana des Tarot" anhand der Tarotkarte "Das Schicksalsrad" erläutert hat, genauer gesagt im Zehnten Brief, überschrieben: Das Schicksalsrad - Das Arcanaum der gefallenen Natur.

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Diese Karte zeigt einen absteigenden Affen und einen aufsteigenden Hund; darüber ein Wesen, in welchem sich Tier und Mensch verbinden, sei es zu Anfang oder zu Ende eines Involutions- und Evolutionsweges. Der Affe war einmal Mensch; der Hund strebt zum Menschen. Dazu Tomberg:

In der okkultistischen Literatur im allgemeinen ist die Lehre vom Kreis der Involution und der Evolution ein Gemeinplatz; dies wird aber anders, sobald man die Involution als Sündenfall versteht und die Evolution als Heil. Ein himmelweiter Unterschied besteht zwischen den orientalisierenden Lehren über den gleichsam automatischen "Prozeß" der Involution und der Evolution einerseits und der hermetischen biblischen und christlichen Lehre über den Sündenfall und das Heil andererseits. Denn die ersteren sehen im Kreislauf Involution-Evolution nur einen rein natürlichen Prozeß, ähnlich dem Atmungsvorgang des lebenden tierischen und menschlichen Organismus. Die hermetische, biblische und christliche Tradition dagegen sieht darin eine kosmische Tragödie und ein kosmisches Drama, voll der höchsten Gefahren und Risiken, die in den traditionellen Begriffen "Verdammnis" und "Heil" enthalten sind.

Diesen Gegensatz veranschaulicht Tomberg wie folgt:

Täuschen sich die mit Fahrkarten versehenen Passagiere auf einem Schiff, wenn sie das Schiff mit seiner Mannschaft als Transportmittel betrachten, das sie nach vorherbestimmtem Kurs an den Bestimmungsort bringt? Für die Reisenden ist die Reise auf dem Meer ein "ganz natürlicher Vorgang", eine Sache, die automatisch abläuft, vorausgesetzt, daß die Fahrkarte bezahlt ist.

Können aber der Kapitän, die Offiziere und die anderen Mitglieder der Besatzung die Reise auf dem Meer auf gleiche Weise wie die Passagiere betrachten? Augenscheinlich nicht. Für sie, die für die Reise verantwortlich sind, bedeutet die Fahrt Arbeit, Wache halten, Manövrieren, Orientierung, um Kurs zu halten, und die Last der Verantwortung für alles tragen. Für die Besatzung ist die Reise keineswegs eine Art "natürlicher Vorgang", etwas, das von selbst abläuft. Im Gegenteil, für sie ist sie Anstrengung, Kampf und Gefahr.

Ebenso ist es mit der Evolution. Man sieht sie als "natürlichen Vorgang", wenn man sie mit dem Auge des Passagieres betrachtet, während man sie als "Tragödie und Drama" sieht, wenn man sie mit dem Auge eines Besatzungsmitgliedes betrachtet.

[...]

Die Exoterik entspricht der Mentalität und der Psychologie des Passagiers; die Esoterik derjenigen des Mitglieds der Besatzung.

[...]

Die exoterisch verstandene Evolution ist ein kosmischer Prozeß - ob biologisch oder geistig ist unwichtig -, während sie esoterisch verstanden ein Drama oder ein "Mysterium" ist im Sinne der Antike. Und nur für die so verstandene Evolution werden die Ideen von Sündenfall, Verdammnis, Erlösung und Heil nicht nur anwendbar, sondern sogar notwendig.

Demnach wäre Martinus klar ein Exoteriker. Ich kann hier natürlich nur wenige Abschnitte zitieren; das ganze Kapitel geht dann noch sehr in die Tiefe und ins Detail. Auf jeden Fall macht Martinus' Weltbild auf mich stark den den Eindruck einer "orientalisierenden Lehre". Die Nähe zum Buddhismus hat ja auch Uwe Todt mehrfach betont und erläutert.

Im selben Kapitel bzw. Brief hat Tomberg u.A. auch noch am Beispiel des philosophischen Optimismus und Pessimismus erläutert.

Vom Standpunkt des reinen Denkens, der derjenige von Leibniz ist, zeigt die Welt als Ganzes ohne Zweifel eine vollkommene Ordnung des Gleichgewichts, des harmonischen Funktionierens ihrer wesentliche Teile, und so ist das Ganze der Welt - was auch immer in ihren Falten und dunklen Ecken geschehen mag - in großen Zügen [...] die Harmonie selbst.

Vom Standpnkt des reinen Willens, den Schopenhauer einnimmt, bestätigt die Erfahrung jedes individuellen Wesens in der Welt die von Gautama Buddha gestellte Weltdiagnose [...].

Was kann man nun vom Standpunkt des Herzens und der jüdisch-christlichen Tradition über die Welt sagen? - Das Herz sagt uns: Die Welt, dieses Wunderwerk an Weisheit, Schönheit und Güte, leidet. Sie ist krank.

Ich vermute im Buddhismus (den ich freilich nicht gut kenne) eine Art luziferischer Fluchtbewegung. Man kommt, wenn es gut läuft, zu einer Erleuchtung. Man erlebt sich außerhalb von Raum und Zeit, der Erdenschwere enthoben, und dieses Erlebnis ist beglückend. Aber ich frage mich jedesmal: Was haben mir diese Leute voraus, von ihrer Erleuchtung einmal abgesehen? Sehen sie Dinge, die ich nicht sehe? Haben sie höhere Erkenntnisse über die "erschaffene" geistige Welt, z.B. über Elementarwesen und hierarchische Wesen? Tragen sie dazu bei, die Not von Tieren, Menschen und nichtmenschlichen Wesen zu lindern?

Mir scheint, daß ich alle diese Fragen verneinen muß. Allerdings kann ich nicht ausschließen, daß diese Erleuchteten nicht doch einen Evolutionsstand verkörpern, der sie irgendwann zu höheren Erkenntnissen und zu wirksamen Liebestaten befähigen wird. Vielleicht sind sie Neugeborene, von denen man sagen kann, daß sie erst heranreifen müssen, und daß die Geburt als solche schon ein glückliches Ereignis ist. - Anderseits gibt es sehr wertvolle Menschen, die keinerlei Erleuchtung gehabt zu haben scheinen.

Augenblicklich komme ich zu keiner abschließenden Beurteilung.

Kann Valentin Tomberg als Kandidat für den Boddhisattva gelten?

Uwe Todt, Donnerstag, 02. Juli 2020, 05:09 (vor 115 Tagen) @ Kosmogonie

Martinus Thomsen und Valentin Tomberg - ich habe den bürgerlichen Zunamen des Ersteren nur des Gleichklangs wegen angefügt - können beide als Kandidaten für den von Steiner angekündigten Boddhisattva gelten. Denn beide erfüllten die von Steiner aufgeführten Bedingungen vollständig.

Ich kenne das Werk von Tomberg nicht, habe aber die zweibändige Biographie über ihn von Elisabeth Heckmann und Michael Frensch (Mitautor des zweiten Bandes) gelesen. Daraus entnahm ich, dass Tomberg auf eine diesbezügliche Frage erklärte, er sei nicht der Boddhisattva. Nach der Biographie erfüllt er die von Steiner genannten Bedingungen keineswegs vollständig. Der von mir in meiner Martinus-Biographie aufgeführte erste Hinweis bezieht sich darauf, dass der Boddhisattva als der Bringer des Guten gilt und Martinus immer wieder betonte: "Alles ist sehr gut". Davon kann doch bei der tragischen Sicht von Tomberg, die er mit Steiner teilt, keine Rede sein, wenn bei dem von Ihnen aufgeführten Symbol der Hund nur aufsteigen kann, wenn der Affe absteigt oder wenn bei der Venusentwicklung die Stunde 6.6.6. schlägt, nach der es keine Umkehrmöglichkeit für die bösen Wesen mehr gibt und sie in eine Entwicklung übergehen, für die es keinen Ausdruck mehr gibt. Ich gehe davon aus, dass Tomberg diese Sicht von Steiner teilt. Tomberg war (zweiter Hinweis) auch bis zu seinem 30. Lebensjahr nicht völlig unbekannt und war danach auch nicht alles aus eigener Kraft, sondern er baute auf dem Werk von Rudolf Steiner auf.

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Kann Valentin Tomberg... Ja!

Kosmogonie @, Donnerstag, 02. Juli 2020, 11:41 (vor 114 Tagen) @ Uwe Todt

dass Tomberg auf eine diesbezügliche Frage erklärte, er sei nicht der Boddhisattva.

Und Johannes der Täufer verneinte auf die Frage, ob er Elias sei. Das werte ich in beiden Fällen als Aufforderung, selber nachzudenken, und nicht auf Autorität hin zu glauben.

dass der Boddhisattva als der Bringer des Guten gilt und Martinus immer wieder betonte: "Alles ist sehr gut".

Es gab und gibt noch mehr Menschen, die das betonen, und manche von ihnen tun das jeden Tag. Das sind die gewohnheitsmäßigen Optimisten. Bei anderen ist es eine tief durchdachte philosophische Überzeugung, als Beispiel nenne ich Leibniz. Doch macht diese Haltung bzw. Überzeugung jemandem auch zum Bringer des Guten? Das ist doch die entscheidende Frage. Wahrscheinlich wird sich erst viel später rückblickend sagen lassen, ob Tomberg und/oder Martinus als Boddhisattva gelten können.

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oder wenn bei der Venusentwicklung die Stunde 6.6.6. schlägt, nach der es keine Umkehrmöglichkeit für die bösen Wesen mehr gibt und sie in eine Entwicklung übergehen, für die es keinen Ausdruck mehr gibt. Ich gehe davon aus, dass Tomberg diese Sicht von Steiner teilt.

Auch hier müssen wir unterscheiden zwischen dem (philosophischen) Optimismus und einem Tun oder Bringen des Guten. Man kann das Schlimmste befürchten und trotzdem, oder gerade deswegen, das Gute tun.

Vor Allem aber erkenne ich Ihr Argument als logisch ungültig, denn: Wie konnte Steiner, auf dessen Ankündigung und Beschreibung des Boddhisattva wir uns beziehen, den Bringer des Guten als jemanden bezeichnen, der seiner eigenen (d.h. Steiners) Weltsicht diametral entgegensteht? Dann hätte Steiner entweder sich selbst oder aber den Boddhisattva verleugnen müssen.
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Tomberg war (zweiter Hinweis) auch bis zu seinem 30. Lebensjahr nicht völlig unbekannt

Das diesbezügliche Kriterium besagt aber nicht, daß der Boddhisattva bis zu seiner Erweckung unbekannt gewesen sein müsse, sondern lediglich, daß bis dahin nichts habe erkennen lassen, daß er sich irgendwann als Boddhisattva offenbaren würde. Es ist also sehr wohl denkbar, daß er als Politiker, Unternehmer oder Erfinder Ruhm erlangt hat, und dann die Wandlung eintritt, die ihn völlig unerwartet zu einem ganz anderen Menschen macht.

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und war danach auch nicht alles aus eigener Kraft, sondern er baute auf dem Werk von Rudolf Steiner auf.

Das tat er nur bedingt. Ich möchte sagen: Er knüpfte an Steiners Werk an, und das auch nur solange, als er es mit Anthroposophen zu tun hatte.

Im Übrigen orientiere ich mich an den Ausführungen von Martin Kriele in "Anthroposophie und Kirche" (1996), Seite 162:

Bis hierhin war Tombergs Lebensweg der eines zwar hochbegabten, strebsamen und allseits akzeptierten, aber doch gewissermaßen "normalen" Anthroposophen. Doch in seinem zweiunddreißigsten Lebensjahr [er war geboren 1900] vollzog sich mit ihm - für ihn selbst überraschend - eine tiefgreifende, ihn außerordentlich erschütternde Umwandlung. Es öffneten sich ihm die "geistigen Augen und Ohren", das heißt, er begann die ihn umgebende Welt der Engel und der anderen geistigen Individualitäten unmittelbar wahrzunehmen und mit ihnen in geistigen Verkehr zu treten. Er erlebte es so, daß sich eine andere Wesenheit "wie ein mächtiger Geistkeil" in ihn hineingesenkt hatte.

Ein Jahr später begann er mit seinen - zunächst noch an Anthroposophen gerichteten - "Zwölf Betrachtungen über das Alte Testament"; viel später schrieb er seine "Briefe" über die Großen Arcana des Tarot, gerichtet an ein französisches Publikum.

Fazit:

Ich sehe bis jetzt keinen Grund, von meinem Standpunkt abzurücken, bleibe aber offen für mögliche andere Argumente.

Martinus und Valentin Tomberg

Uwe Todt, Freitag, 03. Juli 2020, 05:38 (vor 114 Tagen) @ Kosmogonie

Uwe Todt

dass der Boddhisattva als der Bringer des Guten gilt und Martinus immer wieder betonte: "Alles ist sehr gut".

Antwort Kosmogonie

Es gab und gibt noch mehr Menschen, die das betonen, und manche von ihnen tun das jeden Tag. Das sind die gewohnheitsmäßigen Optimisten. Bei anderen ist es eine tief durchdachte philosophische Überzeugung, als Beispiel nenne ich Leibniz. Doch macht diese Haltung bzw. Überzeugung jemandem auch zum Bringer des Guten? Das ist doch die entscheidende Frage.


Sehr richtig. Martinus sagte einmal zu seinem Freund Lars Nibelvang, dass es ihm darum gehe, Gott vor den Menschen zu rechtfertigen. Er wollte ihnen die Verzweiflung und den Schmerz nehmen, der sie angesichts des oft so hoffnungslos erscheinenden Lebens erfüllte und ihnen das Gute bringen, indem er ihren Blick von ihrer persönlichen lokalen Perspektive zu der Kette ihrer Wiederverkörperungen und dem zwischen den Verkörperungen liegenden geistigen Leben erhob und ihnen zeigte, in welch wunderbarer Weise der Geist der Welt (Martinus nennt ihn Gott) alles ineinander webt und erlösend weiterführt.

Dabei erweiterte er das okkulte Wissen. Ich nenne dazu drei Dinge:

• Er erweiterte die Geheimwissenschaft Steiners und der Theosophen um die Entwicklungen, die vor der Saturnentwicklung liegen und die auf die Vulkanentwicklung folgen, also um die Entwicklungen auf der Organebene, der Zellebene und der Stoffebene und die Entwicklungen auf der Himmelskörperebene, der Sonnensystemebene und der Galaxienebene.
• Er zeigte auf, dass alle Wesen aus dem Geist der Welt hervorgehen und mit ihm eine Einheit bilden, in welcher der Geist der Welt erst durch die Wesen von sich selber weiß und die Wesen durch den Geist der Welt ihr Eigensein haben.
• Er zeigte den Sinn der Geschlechtertrennung auf und verkündete den Prozess der sich bereits zu vollziehen beginnenden Wiedervereinigung der Geschlechter.

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Uwe Todt

oder wenn bei der Venusentwicklung die Stunde 6.6.6. schlägt, nach der es keine Umkehrmöglichkeit für die bösen Wesen mehr gibt und sie in eine Entwicklung übergehen, für die es keinen Ausdruck mehr gibt. Ich gehe davon aus, dass Tomberg diese Sicht von Steiner teilt.

Antwort Kosmogonie

Auch hier müssen wir unterscheiden zwischen dem (philosophischen) Optimismus und einem Tun oder Bringen des Guten. Man kann das Schlimmste befürchten und trotzdem, oder gerade deswegen, das Gute tun.
Vor Allem aber erkenne ich Ihr Argument als logisch ungültig, denn: Wie konnte Steiner, auf dessen Ankündigung und Beschreibung des Boddhisattva wir uns beziehen, den Bringer des Guten als jemanden bezeichnen, der seiner eigenen (d.h. Steiners) Weltsicht diametral entgegensteht? Dann hätte Steiner entweder sich selbst oder aber den Boddhisattva verleugnen müssen.

Sie gehen davon aus, dass Steiner bereits alles wusste, was Martinus an Neuem brachte, es aber nicht aussprach. Warum hat er es dann nicht ausgesprochen? Er hat doch mehrfach betont, dass die Zeit des Geheimhaltens vorbei ist.

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Uwe Todt

und war danach auch nicht alles aus eigener Kraft, sondern er baute auf dem Werk von Rudolf Steiner auf.

Kosmogonie

Das tat er nur bedingt. Ich möchte sagen: Er knüpfte an Steiners Werk an, und das auch nur solange, als er es mit Anthroposophen zu tun hatte.

Was mit dem „alles aus eigener Kraft“ gemeint ist, kommt in dem Leben von Martinus geradezu exemplarisch zum Ausdruck, denn er wurde buchstäblich am untersten Ende der sozialen Skala als das fünfte uneheliche Kind einer Dienstmagd und eines Pferdeknechts geboren. Als er seine beiden Einweihungserlebnisse hatte, war er ein Molkereiangestellter mit einer sechsjährigen Volksschulausbildung, der so gut wie nichts von Philosophie, Theosophie, Anthroposophie oder anderer Esoterik wusste. Ihm war nicht einmal die Lehre von der Wiederverkörperung bekannt.

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Martinus und Valentin Tomberg - und Leibniz

Kosmogonie @, Freitag, 03. Juli 2020, 13:08 (vor 113 Tagen) @ Uwe Todt

Er wollte ihnen die Verzweiflung und den Schmerz nehmen, der sie angesichts des oft so hoffnungslos erscheinenden Lebens erfüllte und ihnen das Gute bringen, indem er ihren Blick von ihrer persönlichen lokalen Perspektive zu der Kette ihrer Wiederverkörperungen und dem zwischen den Verkörperungen liegenden geistigen Leben erhob und ihnen zeigte, in welch wunderbarer Weise der Geist der Welt (Martinus nennt ihn Gott) alles ineinander webt und erlösend weiterführt.

Es gibt eine riesige, nicht mehr überschaubare Zahl von Büchern und Autoren, über die sich Ähnliches sagen läßt. Neuerdings etwa Christina von Dreien.

Im Übrigen ist die Frage, wer der von Steiner vorhergesagte Boddhisattva war, für mich von keinem besonderen Interesse. Das Werk soll ja aus sich selbst überzeugen, und nicht aufgrund von Autorität.

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Dabei erweiterte er das okkulte Wissen.

Ist das wirklich okkultes Wissen? Martinus war, wie Sie selbst bestätigen, ein Exoteriker. Insofern kann es sich nicht um okkultes Wissen handeln. Was er vorgelegt hat, ist ein philosophisches welterklärendes System, also ein Gedankensystem, das auf den ersten Blick widerspruchsfrei erscheint, bei tieferem Eindringen dann aber doch Widersprüche zeitigt.

Dieses System beruht im Wesentlichen auf einem durchaus originellen Gedanken - dem der Selbstähnlichkeit als Verschachtelung -, den es aber ins Uferlose ausreizt und letztlich, wie mir scheint, ad absurdum führt. Das ist übrigens typisch für alle philosophischen Systeme.

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Er erweiterte die Geheimwissenschaft Steiners und der Theosophen um die Entwicklungen, die vor der Saturnentwicklung liegen und die auf die Vulkanentwicklung folgen,

Da sehe ich einen argumentativen Fehler. Man kann nur erweitern, was man kennt. Martinus kannte aber die theosophischen und anthroposophischen Ideen nicht. Was er getan hat, ist lediglich, einen bestimmten systembildenden Gedanken grenzenlos zu extrapolieren. Somit hat er "nur" konstruiert. Auf diese Weise vor den Saturn und hinter den Vulkan zu gelangen, ist selbstverständlich möglich.

Ich hoffe, daß Sie mir zustimmen können, wenn ich sage, daß zwischen Konstruktion und Erkenntnis ein wesentlicher Unterschied besteht. Konstruieren, und zwar so, daß es innerhalb von Grenzen widerspruchsfrei bleibt, kann man Vieles. Für eine Erkenntnis - sie mag wahr oder erlogen sein - genügt das aber nicht. Sie muß zu einem Ergebnis kommen, welches auf konstruierende Weise nicht - oder nur rein zufällig - zu erreichen ist. So kann man zwar behaupten, daß die 7er-Kreise in den Darstellungen von Sinnett bis Steiner konstruiert seien. Aber Steiners Beschreibungen der seelischen Erlebnisse der dahinterstehenden hierarchischen Wesen individualisieren die einzelnen Schritte derart, daß sie ihre reine Gedanklichkeit verlieren. Es ist offensichtlich, daß Steiner da etwas erlebt, und nicht (nur) konstruiert hat.

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Er zeigte den Sinn der Geschlechtertrennung auf und verkündete den Prozess der sich bereits zu vollziehen beginnenden Wiedervereinigung der Geschlechter.

Das ist es, woraus ich einen wirklichen Gewinn gezogen habe. Nicht so sehr durch wirklich neue Einzelheiten, vielmehr durch die breite und insofern erhellende Darstellung.

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Ich bedaure, daß Sie, Herr Todt, bisher nicht auf meine Gedanken eingegangen sind, die ich in anderen Einträgen dieses Threads zum Martinus-Thema geäußert habe. Eigentlich wollte ich ein vorläufiges Resümee in die Hauptlinie stellen. Ich gebe das Resümee an dieser Stelle:

Ich komme immer mehr zur (experimentellen) Vorstellung, daß Martinus eine Wiederverkörperung von Leibniz war. Denn dieser hat mit seiner "Monadologie" die Idee, daß die Welt sich aus beseelten Atomen zusammensetzt, gestuft von zuunterst bis hinauf zu Gott, wohl zuerst ausgeführt, vgl. meine Erwähnung hier. Er war Mathematiker, sozusagen also "zahlenorientiert", Rationalist, und er war Optimist.

Es gibt also gewisse Bezüge zwischen Leibniz und Martinus, die ich noch untersuchen will, und die mich veranlassen, Martinus nicht gleich "abzuhaken". Davon abgesehen würde ich gerne die Diskussion mit Ihnen fortsetzen, sofern Sie dafür offen sind und einen Sinn darin sehen.

Esoterik und Exoterik, Wiederverkörperung, Fortsetzung des Gesprächs

Uwe Todt, Samstag, 04. Juli 2020, 18:12 (vor 112 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Uwe Todt, Samstag, 04. Juli 2020, 18:51

Esoterik und Exoterik

[Kosmogonie:] Ist das wirklich okkultes Wissen? Martinus war, wie Sie selbst bestätigen, ein Exoteriker. Insofern kann es sich nicht um okkultes Wissen handeln. Was er vorgelegt hat, ist ein philosophisches welterklärendes System, also ein Gedankensystem, das auf den ersten Blick widerspruchsfrei erscheint, bei tieferem Eindringen dann aber doch Widersprüche zeitigt.
Dieses System beruht im Wesentlichen auf einem durchaus originellen Gedanken - dem der Selbstähnlichkeit als Verschachtelung -, den es aber ins Uferlose ausreizt und letztlich, wie mir scheint, ad absurdum führt. Das ist übrigens typisch für alle philosophischen Systeme.

Als ich schrieb, dass ich zustimme, dass Martinus ein Exoteriker ist, hatte ich die Darstellung seiner Lehre im Auge, mit der er sich an die Menschen wandte, die nicht mehr glauben können, aber verstehen möchten. Esoterik beruht ja auch auf Glauben, nämlich dem Glauben daran, dass der Esoteriker seine realen Erfahrungen mitteilt und keine Phantasien.
Ich habe mehrfach in meinen Büchern dargestellt, dass Martinus‘ exoterisch dargestelltes Weltbild auf Erfahrung und nicht auf Spekulation beruht. Lesen Sie dazu bitte in meiner Martinusbiographie die Kapitel II Die ‚große Geburt‘ und Kapitel III Die Freundschaft mit Lars Nibelvang. Oder in meinem zweiten Martinusband Sein Werk, die Einführung II. Zur Wirklichkeit außerhalb von Raum und Zeit.
In Gesprächen und Vorträgen hat Martinus auch okkulte Wahrnehmungen direkt mitgeteilt. Sie finden Mitteilungen über die bevorstehende Apokalypse in meinem Buch Kosmisches Wissen auf Seite 122. Ich habe auch einmal einen Artikel von Martinus über die Kontrolle der Menschheit durch höhere Wesenheiten an interessierte Freunde verschickt. In dem Fall ging es um die gleichzeitig in den USA und der Sowjetunion beobachtete Stilllegung von atomaren Raketenstationen durch UFOs. Wenn es Sie interessiert, suche ich den Artikel heraus und schicke Ihnen diesen.
Mein holländischer Freund Gerard Oude Green, der bereits in meinem Alter ist und auch in meiner Martinus-Biographie vorkommt und mit Martinus befreundet war, hat mir erzählt, dass Martinus noch mit einem atomar ausgetragenen dritten Weltkrieg rechnete. Martinus habe zu ihm, also Gerard, gesagt, es würden nur so viele Atombomben gezündet werden können, wie notwendig seien, um der Menschheit ein Erwachen zu ermöglichen (sinngemäß, nicht wörtlich so geäußert. An die wörtliche Äußerung erinnere ich mich nicht).
Ich möchte Sie auch noch auf meine Darstellung zur Bodhisattva-Frage in Anthrowwiki verweisen. Sie finden diese, wenn Sie hier klicken
http://anthrowiki.at/Maitreya
und dann den Abschnitt Neue Veröffentlichungen zur Bodhisattva-Frage lesen.
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Wiederverkörperung

[Kosmogonie:] Ich komme immer mehr zur (experimentellen) Vorstellung, daß Martinus eine Wiederverkörperung von Leibniz war. Denn dieser hat mit seiner "Monadologie" die Idee, daß die Welt sich aus beseelten Atomen zusammensetzt, gestuft von zuunterst bis hinauf zu Gott, wohl zuerst ausgeführt, vgl. meine Erwähnung hier. Er war Mathematiker, sozusagen also "zahlenorientiert", Rationalist, und er war Optimist.

Leider kann ich mich nicht zu Leibnitz äußern, weil ich sein Werk nicht kenne. Ich würde aber gerne das angeführte Zitat nutzen, um ein Gespräch über die Wiederverkörperung zu führen.
Ich bin davon überzeugt, dass ich eine Emanation meiner Entelechie bin. Statt Entelechie könnte man auch Schutzengel sagen. Nach meinem Tode kehre ich nach Ablegen aller irdischen Reste zu meiner Entelechie zurück und lebe damit im Leben des Geistes der Welt. Zur angemessenen Zeit bringt mein Überbewusstsein, das ein individualisierter Ausschnitt aus dem Überbewusstsein des Geistes der Wet ist (X2) eine neue Person hervor, in der ich mich dann in einem neuen Leben wiederfinde. Diese neue Person versucht alle Fehler, die ich gemacht habe, und Einseitigkeiten, die mir anhafteten, wieder auszugleichen. Ich bin es wieder, aber in einer Person mit anderen Eigenschaften und meistens auch in einem anderen Volk. Zu meiner letzten Person steht die zukünftige Person in einem Verhältnis wie die Antithese zur These. Sie ist aber nicht nur Antithese, sondern sie nimmt auch etwas Neues auf, mit der ich mich bisher noch nicht verbunden habe, also eine neue These. Da ich schon oft gelebt habe, ist meine gegenwärtige Verkörperung zugleich eine Synthese aus meiner vorletzten und meiner letzten Inkarnation. Also meine Wiederverkörperungen verlaufen nach dem sich überlagernde Dreischritt von These – Antithese – Synthese.
So habe ich also nicht nur eine Ahnenreihe aus der gegenwärtigen Inkarnation sondern auch eine Ahnenreihe aus meinen eigenen Verkörperungen. Hier finden sich erfolgreiche Sieger, aber auch sehr unglückliche Existenzen. Wenn man weit genug zurückgeht, finden sich auch – nach heutigen Maßstäben – herzlose Mörder unter ihnen, die damals als Helden gefeiert wurden. Je öfter jemand bereits als Mensch gelebt hat, je kunstvoller ausgearbeitet wird er sein und umso ähnlicher wird die gegenwärtige Person der letztvergangenen.
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Fortsetzung des Gesprächs

[Kosmogonie:] Es gibt also gewisse Bezüge zwischen Leibniz und Martinus, die ich noch untersuchen will, und die mich veranlassen, Martinus nicht gleich "abzuhaken". Davon abgesehen würde ich gerne die Diskussion mit Ihnen fortsetzen, sofern Sie dafür offen sind und einen Sinn darin sehen.

Ich bin zu einer Fortsetzung des Gesprächs bereit, möchte dieses aber gerne als ein Gespräch zwischen uns als Personen fortsetzen, wie ich es oben bereits durchgeführt habe, denn ich kann mich ja nur mit Personen unterhalten, nicht mit der Kosmogonie und auch nicht mit Pseudonymen. Ein Gespräch lohnt sich doch nur mit jemandem, der mit seinem Ich hinter seinen Aussagen steht. Wenn Sie das auch so sehen, können wir unser Gespräch über jedes Thema fortsetzen, in dem ich mich auskenne, was bei Leibniz, wie bereits gesagt, leider nicht der Fall ist.

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Glaubwürdigkeit von Okkultisten allgemein

Kosmogonie @, Samstag, 04. Juli 2020, 22:46 (vor 112 Tagen) @ Uwe Todt

Ich bin zu einer Fortsetzung des Gesprächs bereit, möchte dieses aber gerne als ein Gespräch zwischen uns als Personen fortsetzen, wie ich es oben bereits durchgeführt habe, denn ich kann mich ja nur mit Personen unterhalten, nicht mit der Kosmogonie und auch nicht mit Pseudonymen. Ein Gespräch lohnt sich doch nur mit jemandem, der mit seinem Ich hinter seinen Aussagen steht.

Sie haben meinen Klarnamen in Ihrer letzten Mitteilung dreimal ausgeschrieben, was ich vorerst korrigiert habe. Im Nachhinein willige ich ein, daß Sie mich mit Klarnamen anreden, zumal ich Ihre Gründe verstehe. Allerdings kann ich als Administrator meinen Autorennamen ("Kosmogonie") in diesem Forum nicht mehr ändern. Ich kann höchstens noch meine Texte mit meinem Klarnamen "unterschreiben".

Ich habe alle Bücher, die Sie im Novalis-Verlag veröffentlicht haben, gelesen und ich habe auch die Inhalte größtenteils wohl parat. Daher brauchen Sie nicht auf Textstellen verweisen. Außer natürlich, wenn ich Sie aus dem Gedächtnis falsch zitiere.

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Grundsätzliches zur Glaubwürdigkeit okkultistischer Schriftsteller

Ich unterstelle, daß es keinen Menschen gibt, dem man alles glauben darf. Für Steiner gilt ungefähr, was er (fälschlich) dem Papst unterstellt hat:

Das Fatale ist, daß der Papst es nie sagt, ob er ex cathedra spricht oder ob er privat spricht.

(Zitiert nach Kriele, Anthroposophie und Kirche, S. 197) Entsprechend weiß man bei Steiner meist ebenfalls nicht, ob er aus Inspiration spricht, oder ob er Gehörtes oder Angelesenes wiedergibt (darunter sogar falsche Zeitungsnachrichten), oder ob er sich etwas ausgedacht hat. Und Manches, was er vor Mitgliedern sagte, war nicht nur dumm, sondern geradezu peinlich. Beispiele habe ich ja in diesem Forum reichlich angeführt, und auch auf der Hauptseite in der Einleitung.

Für Martinus dürfte Gleiches gelten. Darum teile ich Ihr Vertrauen in die unbedingte Glaubwürdigkeit von Martinus definitiv nicht. Zu diesem Glaubwürdigkeitsproblem hat Tomberg in seinen "Arcana des Tarot", zwanzigster Brief (Das Gericht - Arcanaum er Auferstehung) etwas geschrieben, was mich sehr überzeugt (Hervorhebungen in Golddruck durch mich):

So beschränken sich also die Erfahrungen der "Akasha-Chronik", wie sie von Okkultisten, Esoterikern, Mystikern und Hermetikern gemacht worden sind, immer auf Teile von ihr. Als allgemeine Regel gilt, daß ihr ertragbares Maß im Falle der intuiven Erfahrung am größten ist; es verringert sich bei der inspirativen Erfahrung, und es ist am eingeschränktesten bei der visionären Erfahrung.

So hatte sich zum Beispiel Fabre d'Olivet auf eine Anzahl von Visionen oder Szenen der zweiten "Akasha-Chronik" gestützt. Es handelte sich dabei um Auszüge - um einige Seiten aus einem umfangreichen Buch -, und seine intellektuelle Spekulation setzte die Bindestriche zwischen die isolierten Szenen seiner Visionen und schloß die Lücken zwischen dem, was er geschaut und dem, was er nicht geschaut hatte. Darum nannte er mit Recht sein Werk "Philosophische Geschichte des Menschengeschlechtes", denn der Hauptteil seiner Schrift geht auf seine Philosophie zurück, d.h. auf Interpretation und verstandesmäßige Spekulation.

Es wäre also ein schwerwiegender Irrtum, das Buch von Fabre d'Olivet einzig und allein als Offenbarung oder Darstellung dessen anzusehen, was er in der "Akasha-Chronik" gelesen hat. Es finden sich dort nicht nur Stellen, wo die Vorliebe des Verfassers eine Rolle spielt, sondern auch sehr bestimmte Vorurteile (z.B. gegen das Christentum) - was im übrigen sein Verdienst nicht schmälert, der "Engel der Tradition" zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein und einige wichtige Aspekte der hermetischen Tradition wachgerufen, vielleicht sogar gerettet zu haben. Denn er hat als erster die Geschichte auf das Niveau der Hermetik erhoben, der vor Fabre d'Olivet eine deutlich aufgezeichnete Schau und Sicht der Weltgeschichte fehlte. Der mystische Aspekt - das alchemistische große Werk des neuen Menschen und der geheiligten Magie - spielte in der Hermetik während langer Zeit die Hauptrolle.

Fabre d'Olivet ist es zu verdanken, daß eine Strömung der esoterischen Geschichte aufkam, deren Repräsentanten Saint-Yves d'Alveydre, Blavatsky und Rudolf Steiner sind, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Aber obwohl seit der Zeit von Fabre d'Olivet der esoterische Historismus eine unerhörte Entwicklung erfahren hat und grandiose Werke erschienen sind - zum Beispiel "Aus der Akasha-Chronik" (1904/1908) und die Kapitel über die kosmische Geschichte in der "Geheimwissenschaft im Umriß" (1910) von Rudolf Steiner - bezieht sich das, was wir soeben vom Werk Fabre d'Olivets gesagt haben, gleicherweise auch auf seine Nachfolger im Bereich des auf der "Akasha-Chronik" fußenden esoterischen Historismus.

Denn welches auch das Ausmaß ihrer Erfahrung der "Akasha-Chronik" sein mag, wie eindrucksvoll die Ergebnisse ihres Strebens nach Auswertung ihrer Erfahrungen auch sein mögen, diese bleiben nichtsdestoweniger fragmentarisch; und der mehr oder weniger von Erfolg gekrönten intellektuellen Anstrengung der Verfassung verdanken wir die logische oder künstlerische Verknüpfung ihrer vermeintlichen Beschreibung der "Akasha-Chronik". Jeder dieser Verfasser der esoterischen Geschichte hat Lücken in der Erfahrung seiner Quelle - der "Akasha-Chronik" - und hat sie geschlossen, indem er beim Verstand und bei der Gelehrsamkeit, über die er verfügte, Zuflucht nahm.

So ist also die Lage des esoterischen Historismus gegenwärtig die, daß man nicht auf irgendein besonderes Werk schwören kann; auch dort bedarf es gemeinsamer Arbeit, die von Generation zu Generation fortgesetzt wird - d.h., es bedarf der lebendigen Tradition, wo jeder die Arbeit seiner Vorgänger fortsetzt, ihre Wahrheiten bestätigt, ihre Lücken schließt, und ihre Irrtümer in der Interpretation oder der Schau korrigiert. Niemand sollte heute mehr eigenmächtig im Bereich der esoterischen Geschichte "ganz von neuem beginnen", auch wenn er der größte Seher und der tiefste Denker wäre. Künftig wird es nicht um vereinzelte Geistesblitze handeln, sondern um eine gemeinsame Fortsetzung der Tradition, d.h. an der langsamen, aber stetigen Vermehrung des Lichtes, dessen Morgenröte das Lebenswerk von Fabre d'Olivet war.

Resümee:

Ich halte Martinus' kosmologisches System insgesamt für eine philosophische Konstruktion von sehr beschränktem Wert. Daß er auch echte Eingebungen hatte, bestreite ich nicht. Die sehe ich aber eher in gewissen Details, nicht in seiner Kosmologie. Diese Details sollten wir bereden.

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Zur Boddhisattva-Frage:

Den zitierten Anthrowiki-Artikel habe ich gelesen. Ich entnehme ihm, daß der Boddhisattva keineswegs, wie Sie behauptet haben, vor seiner Erleuchtung völlig unbekannt gewesen muß. Denn vorbildlich ist ja die Inkarnation Christi in Jesus. Und Jesus war zuvor durchaus schon als Gottesmensch hervorgetreten, sogar schon mit der Geburt gemäß dem Matthäus-Evangelium. Denn die drei Priesterkönige aus dem Morgenland kamen ja zu ihm, weil sie in ihm etwas Besonderes erkannt hatten. Als 12-Jähriger erregte Jesus dann großes Aufsehen bei der Diskussion mit Theologen. Und sogar als Zimmermanngeselle (siehe Steiners 5. Evangelium) hinterließ er überall, wo er hinkam, starke Eindrücke.

Insofern gilt Ihr Einwand selbstverständlich nicht, daß Tomberg allein schon deswegen nicht der Boddhisattva gewesen sein könne, weil er, anders als Martinus, hoch gebildet und nicht mehr ganz unbekannt war.

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Zur Wiederverkörperung:

Ich stimme Ihren Ausführungen zu, außer in einem Punkt: Unsere Entelechie ist nicht der Schutzengel. Der ist ein Wesen für sich und begleitet uns für eine gewisse Zeit, d.h. wohl noch einige Inkarnationen.

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Zu Leibniz:

Auch wenn Sie bisher nichts von ihm gelesen haben, so empfehle ich Ihnen nachdrücklich, meinen diesbezüglichen Artikel zu lesen. Er handelt natürlich nicht von Martinus, aber ist das ein Grund, ihn nicht zu lesen? Vorkenntnisse sind wirklich nicht nötig.

Beachten Sie bitte auch meine anderen Beiträge zum Martinus-Thema (in diesem Thread), zu denen ich auch gerne Ihre Antwort lesen würde.

Mit freundlichen Grüßen!
Thomas Lentze

Grundsätzliches zur Glaubwürdigkeit okkultistischer Schriftsteller und zur Wiederverkörperung

Uwe Todt, Dienstag, 07. Juli 2020, 18:21 (vor 109 Tagen) @ Kosmogonie

Glaubwürdigkeit okkultistischer Schriftsteller

Für Martinus dürfte Gleiches gelten. Darum teile ich Ihr Vertrauen in die unbedingte Glaubwürdigkeit von Martinus definitiv nicht.

Ich halte Martinus' kosmologisches System insgesamt für eine philosophische Konstruktion von sehr beschränktem Wert. Daß er auch echte Eingebungen hatte, bestreite ich nicht. Die sehe ich aber eher in gewissen Details, nicht in seiner Kosmologie. Diese Details sollten wir bereden.

Mein Verhältnis zu Martinus ist von grundsätzlichem Vertrauen getragen, wie auch mein Verhältnis zu Rudolf Steiner. Trotz dieses Grundvertrauens denke ich prüfend. Wenn etwas meiner Prüfung nicht standhalten kann, ist es mir nicht möglich es anzunehmen.
Ich besitze die beiden Bände DIE GROSSEN ARCANA DES TAROT und habe zweimal versucht, sie zu lesen, habe aber beidemal die Versuche wieder abgebrochen. Es ist nicht meine Welt. Ich erinnere mich an die Worte von Sai Baba, die in etwa lauten: „Grabt nicht immer neue Löcher. Vertieft das, was Ihr Euch bereits erarbeitet habt.“ Was ist bereits mein Eigenes, das ich mir erarbeitet habe und weiter vertiefen möchte?

Obwohl ich nicht getauft wurde und es auch nicht nachgeholt habe, bin ich überzeugter Christ und diese Überzeugung sitzt sehr tief. Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, hörte ich meinem Vater und seiner Schwester bei einer Unterhaltung über religiöse Fragen zu. Mit einmal hörte ich mich sagen: „Ich glaube an die Auferstehung Christi.“ Beide schauten mich verdutzt an. Da wurde mir bewusst, was ich wirklich dachte. Ich meinte die reale leibliche Auferstehung wie Paulus sie sah, und ich blieb dabei.
Ich glaube, dass das Christentum eine Entwicklung von der Transzendenz zur Immanenz durchmacht. Damit nachvollzieht es das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi. Der Umschlagspunkt war die Kreuzigung. Im Nachvollzug befinden wir uns derzeit bei der Kreuzigung. Mit „wir“ meine ich die westliche Kulturmenschheit. Wahrscheinlich sind wir bereits bei dem Abstieg zu den Toten. Was uns in der Zukunft erwartet, ist die leibliche Auferstehung des Göttlichen. In dem Sichtbaren werden wir es finden. Nicht mehr transzendent sondern immanent.

Dorthin scheint mir auch Tombergs Weg zu führen. Trotzdem empfinde ich bei der Lektüre der Arcana des Tarot ein Unbehagen. Der Weg, den er beschreitet, ich meine den Weg der Deutung der Erscheinungen, ist nicht der meine. Ich fühle mich von der Liebe des Geistes der Welt berührt und möchte mich immer mehr mit ihm verbinden. Dann wird sich die Deutung der Erscheinungen von alleine ergeben.

Zur Wiederverkörperung

Ich stimme Ihren Ausführungen zu, außer in einem Punkt: Unsere Entelechie ist nicht der Schutzengel. Der ist ein Wesen für sich und begleitet uns für eine gewisse Zeit, d.h. wohl noch einige Inkarnationen.

Ja, Zustimmung. Die Entelechie ist nicht der Schutzengel.

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Jetzt nähern wir uns dem Kern der Sache!

Kosmogonie @, Dienstag, 07. Juli 2020, 22:32 (vor 109 Tagen) @ Uwe Todt

Ich besitze die beiden Bände DIE GROSSEN ARCANA DES TAROT und habe zweimal versucht, sie zu lesen, habe aber beidemal die Versuche wieder abgebrochen. Es ist nicht meine Welt.

empfinde ich bei der Lektüre der Arcana des Tarot ein Unbehagen. Der Weg, den er [Valentin Tomberg] beschreitet, ich meine den Weg der Deutung der Erscheinungen, ist nicht der meine.

Ich will nicht sagen, bei mir sei es genau umgekehrt. Ein zunehmendes Unbehagen habe ich vielmehr empfunden bei der Lektüre der Bücher von Hasselmann und Schmolke, denen ich in diesem Forum ein eigenes Thema gewidmet habe. Was die Lektüre von Martinus betrifft, genauer: die Lektüre Ihrer Darstellung von Martinus, so war sie mir angenehm und ist mir überwiegend leichtgefallen, weil es sich - jedenfalls bei seinem kosmologischen System - um eine philosophische Kopfgeburt handelt, die auch vor einigen Jahrhunderten hätte geschrieben werden können. Ein übersinnliches Schauvermögen, wie es Steiner m.E. hatte, braucht man dazu nicht. Martinus' System ist einerseits originell, anderseits in mehrfacher Hinsicht inkonsistent, denn es offenbart innere Widersprüche, die Sie ja selbst in Ihren Darstellungen auch festgestellt und durch eigene Erklärungsversuche - ebenfalls Kopfgeburten - aufzulösen versucht haben.

In philosophischer Hinsicht erreicht dieses System aber nicht einmal den Rang früherer welterklärender Systeme, erstens, weil sein Autor völlig ungebildet war (was Sie allerdings positiv werten) und entsprechend formuliert ("Talentkerne"); und zweitens, weil Martinus mit ihm den Anspruch einer göttlichen Offenbarung erhebt ("Drittes Testament").

Was Martinus Aussagen über die Entwicklung des Menschen in naher Zukunft schreibt, hätte in früherer Zeit allerdings nicht veröffentlicht werden können, und zwar schon wegen der Macht der Kirche. Aber auch hier meine ich, daß es höherer Erkenntnisse nicht oder nicht in besonderem Maße bedurft hat. Steiner hat ja an verschiedenen wenig bekannten Stellen Ähnliches auch schon angedeutet. Man kann zu entsprechenden Einsichten zumindest vermutungsweise auch kommen, wenn man die gegenwärtige Entwicklung sehr aufmerksam beobachtet. Allerdings gestehe ich zu, daß Martinus' Beschreibungen wegen ihrer Klarheit und Detailliertheit sehr anregend auf mich gewirkt haben.

Bleibt noch das Thema mit X1, X2, X3. Das ist etwas, das ich sehr ernstnehme, weil ich zu spüren meine, daß es über mein jetziges Fassungsvermögen hinausreicht und ich mich erst dahin zu entwickeln habe. Allerdings bin ich mir nicht sicher, daß man diese Einsichten nur bei Martinus findet. Es scheint, daß in letzter Zeit viele Menschen derartige Erlebnisse haben, wenn ich das recht verstehe.

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Ich fühle mich von der Liebe des Geistes der Welt berührt und möchte mich immer mehr mit ihm verbinden. Dann wird sich die Deutung der Erscheinungen von alleine ergeben.

Auch Martinus hielt Übungen zur Entwicklung höherer Erkenntnisse für unnötig. In Widerspruch dazu strebte er aber sehr wohl zu höheren Erkenntnisse, denn sonst hätte er sein welterklärendes System nicht geschaffen (und ihm obendrein noch den Wert einer Offenbarung beigemessen). Es stellt sich mir die folgende Frage: Wenn Martinus das X1-Bewußtsein hatte, also allwissend war, warum findet sich dann bei ihm so wenig, was nur durch ein höheres Erkenntnisvermögen gefunden werden kann? Seine Behauptung, er habe viel mehr gewußt, als er sagen durfte, überzeugt mich aus den schon genannten Gründen keineswegs. Seine Begegnungs-Panne mit Krishnamurti spricht auch nicht dafür.

Nun kann man wohl darüber streiten, was höhere Erkenntnisse sind und was darin zum Vorschein kommen soll. Ich meine: Sinnlich nicht wahrnehmbare Wesen gehören zwingend dazu. Dabei genügt es nicht, festzustellen, daß es derartige Wesen gebe. Das hat Leibniz ja auch getan; gemäß seiner Monadologie besteht die Welt aus unendlich vielen perspektivisch perzipierenden und dynamischen Wesen, hierarchisch strukturiert und prästabiliert in Gott. Soweit ist das "nur" ein philosophischer Gedanke, wenn auch ein äußerst geistreicher.

Worauf es vielmehr ankommt, das ist die Erkenntnis und Beschreibung von Gegebenheiten, auf die man durch Ahnung und/oder bloßes kombinierendes Denken nicht kommen kann. Das ist die unendlich vielfältige Welt der Naturwesen, sowie der übermenschlichen Wesen in ihrer je individuellen Eigenart. Allein von Gott zu reden, das ist zu abstrakt; von der Trinität im Sinne von X1, X2 und X3 zu reden, noch mehr. Und die (auf mich beinahe dümmlich wirkende, pardon!) Rede von den "Talentkernen" ist ein schlechter Ersatz für die Beschreibung der sehr komplizierten Vorgänge der Entwicklung, an der schon beim einzelnen Menschen viele unterschiedliche Wesen beteiligt sind.

Ich vermisse auch Erkenntnisse zur Unterscheidung der verschiedenen Wahrnehmungsarten; zum Weg der Seele zwischen Tod und neuer Geburt, zu individuellen karmischen Entwicklungen: alles Themen, zu denen sich etwa in den Flensburger Heften über die Naturwesen außerordentlich viel Neues, d.h. über Steiner Hinausgehendes findet. - Sie schreiben, daß Martinus sich weniger mit den Details als mit dem großen Ganzen zu befassen gehabt habe. Aber greift Martinus wirklich weiter aus als Steiner? Seine Daseinsebenen lassen sich, mit der üblichen fantastischen Gewaltsamkeit natürlich, auch dazwischen irgendwo unterbringen, etwa unter den Lebens- und Formstufen.

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Ich erinnere mich an die Worte von Sai Baba, die in etwa lauten: „Grabt nicht immer neue Löcher. Vertieft das, was Ihr Euch bereits erarbeitet habt.“ Was ist bereits mein Eigenes, das ich mir erarbeitet habe und weiter vertiefen möchte?

Bei mir ist das bereits Erarbeitete die Steinersche Kosmologie (siehe die Hauptseite Kosmogonie.info), die ohne die Hierarchienlehre undenkbar ist. In Bezug auf Martinus habe ich ein neues Loch gegraben. Es war nicht ganz vergeblich, hat aber weniger gebracht als erhofft.

Zum französischen Okkultismus, den Tomberg in seinen "Arcana des Tarot" aufgreift, habe ich allerdings auch kaum Beziehung. Aber hier muß ich dem Tomberg zugutehalten, daß er durch die Anthroposophen äußerst scharfe Zurückweisungen, Verachtung und Schmähung erfahren hat und sich notgedrungen ein anderes Publikum suchen mußte. Übrigens hat Steiner sich das Publikum, das ihm Erfolg verschaffte, also das theosophische, auch nicht ausgesucht. Sein ursprüngliches Ziel war eine akademische Laufbahn mit Anbindung an die deutsche philosophische Tradition.

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Mein Verhältnis zu Martinus ist von grundsätzlichem Vertrauen getragen, wie auch mein Verhältnis zu Rudolf Steiner. Trotz dieses Grundvertrauens denke ich prüfend. Wenn etwas meiner Prüfung nicht standhalten kann, ist es mir nicht möglich es anzunehmen.

Ich halte die Weltbilder von Steiner und Martinus für schlechthin unvereinbar, gerade in Hinblick auf die hierarchischen Wesen. Wenn Sie diese auf bloße Imaginationen von Kräften reduzieren, dann, so behaupte ich, leugnen Sie einen unabdingabren Teil von Steiners Werk. Meines Erachtens kann man nicht beide Weltbilder zugleich für wahr halten. Man muß sich entscheiden.

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Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, hörte ich meinem Vater und seiner Schwester bei einer Unterhaltung über religiöse Fragen zu. Mit einmal hörte ich mich sagen: „Ich glaube an die Auferstehung Christi.“ Beide schauten mich verdutzt an. Da wurde mir bewusst, was ich wirklich dachte. Ich meinte die reale leibliche Auferstehung wie Paulus sie sah, und ich blieb dabei.

Ich habe mich gefragt, wie Menschen völlig unterschiedlicher geistiger Richtungen zur Anerkennung des Christus gelangen können. Aber eigentlich ist die Sache ja klar: Christus ist für alle Menschen da, und darum "paßt" er auch zu jedem Weltbild.

Meine Entscheidung zum Glauben an Christus ist gefallen, als ich 33 Jahre alt war. Ich habe mir diesen Glauben im Laufe einer echten Lebenskrise erst erarbeiten müssen. Wegweisend war die Lektüre von Max Heindl, und anschließened erst Steiner. Möglicherweise ist das, was man sich spät erarbeitet, wertvoller als das, was man bereits mitbringt - das ist aber nur eine Spekulation.

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Ich glaube, dass das Christentum eine Entwicklung von der Transzendenz zur Immanenz durchmacht. Damit nachvollzieht es das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi. Der Umschlagspunkt war die Kreuzigung. Im Nachvollzug befinden wir uns derzeit bei der Kreuzigung. Mit „wir“ meine ich die westliche Kulturmenschheit. Wahrscheinlich sind wir bereits bei dem Abstieg zu den Toten. Was uns in der Zukunft erwartet, ist die leibliche Auferstehung des Göttlichen. In dem Sichtbaren werden wir es finden. Nicht mehr transzendent sondern immanent.

Das finde ich interessant, aber ich verstehe es noch nicht wirklich. Ebenso finde ich in Ihrem letzten Buch ("Auf der Spur des Ich-Bin") vieles Interessante, was mich, wenn ich es verstehen würde, vielleicht auch weiterbringen würde.

Meine oben gemachten Bemerkungen zu Martinus gelten natürlich ebenfalls unter dem Vorbehalt, daß ich nichts Wesentliches unbeachtet gelassen habe. Wenn Sie aber meinen, daß das doch der Fall sei, dann scheuen Sie sich nicht, es mir zu sagen.

Thomas Lentze

Schuf Martinus ein kosmologisches System von sehr beschränktem Wert?

Uwe Todt, Donnerstag, 09. Juli 2020, 10:51 (vor 107 Tagen) @ Uwe Todt

Kosmogonie:

Resümee:

Ich halte Martinus' kosmologisches System insgesamt für eine philosophische Konstruktion von sehr beschränktem Wert. Daß er auch echte Eingebungen hatte, bestreite ich nicht. Die sehe ich aber eher in gewissen Details, nicht in seiner Kosmologie. Diese Details sollten wir bereden.

Uwe Todt
Wie bereits gesagt, sehe ich dagegen in der Lehre von Martinus eine exoterische Darstellung spiritueller Erfahrungen von sehr hohem Wert, denn sie veränderte meine Sicht der von Steiner in der Anthroposophie dargesstellten Weltentwicklung. Dazu möchte ich weitere Punkte anführen:
a)Die sogenannten bösen Wesen
Rudolf Steiner ordnete seine übersinnlichen Wahrnehmungen nach der überlieferten christlichen Hierarchienlehre und den überlieferten jüdisch-christlichen Traditionen. Hätte ihm das Martinus-System damals schon zur Verfügung gestanden, hätte er in den soratischen, ahrimanischen und luziferischen Wesen keine seit der Entwicklung des alten Saturns, der alten Sonne und des alten Mondes stehengebliebenen Wesen gesehen, sondern ein bis drei Entwicklungsstufen über dem Menschen stehende Wesen, die auf ihrem Weg zu einer höheren Stufe erneut die Finsternis durchlaufen, dabei aber durch eine viel finstere Finsternis gehen als der Mensch im Tierreich oder gar die Tiere. Diese viel finstere Finsternis gibt ihnen in der weiteren Entwicklung die Möglichkeit auch in ein viel höheres Licht aufzusteigen, denn ein Wesen kann nach Martinus nur so viel Licht aufnehmen als es Finsternis aufgenommen hat.
b) Die luziferischen und ahrimanischen Wesen
Die Unterscheidung der sogenannten bösen Wesen nach luziferischen und ahrimanischen Wesen fand ich in dem kosmologischen System von Martinus nicht, in Beschreibungen seiner Wahrnehmungen aber schon. Nach Martinus durchläuft der Mensch dieselbe Entwicklung wie die Erde mit allen ihren Wesen, wozu auch die drei Wesensgruppen über dem Menschen gehören. Daraus folgt, dass sich bei der Geschlechtertrennung auch die höheren Wesen in luziferische (der weibliche Pol) und ahrimanische Wesen (der männliche Pol) spalteten und sich auch wieder vereinigen werden, wenn der Mensch die Doppelpoligkeit wiedergewonnen hat.
c) Absteigende Entwicklungen
Rudolf Steiner schaute für die Zukunft absteigende Entwicklungen. So z.B. eine sich im Westen ausbreitende stehengebliebene ahrimanische Menschheit und eine sich im Osten ausbreitende luziferische Menschheit. Martinus sprach nicht von diesen Entwicklungen, aber er unterschied zwischen den Gestaltungen und der Beseelung der Gestaltungen und erklärte, dass es nur kurzfristig absteigende Entwicklungen geben kann, denn es gibt Entwicklungswendepunkte. Wenn ein Wesen im Kreislauf diesen Wendepunkt erreicht hat, dann wendet es sich entweder von der Finsternis zum Licht oder später vom Licht wieder zur Finsternis. Anders wäre ein geordneter Kosmos wie ihn Martinus beschreibt, in dem Wesen in Wesen leben, auch gar nicht möglich. Daraus folgt, dass die Entwicklung einer ahrimanischen und einer luziferischen Menschenrasse dazu dient, Tiere zu einer Vorform des wahren Menschen aufsteigen zu lassen und nicht dazu, wie von Steiner erwartet, dass Menschen, die das Entwicklungsziel nicht erreichten in diesen Formen so lange erstarren, bis sich neue Entwicklungsmöglichkeiten für sie ergeben.
c) Erklärung der Naturgesetze
Für die Naturgesetze gibt es meines Wissens gegenwärtig gar keine Erklärung außer der, dass sie immer schon da waren oder der, dass Gott sie erschaffen hat. Martinus fand eine - wie ich finde - sehr einfache und schlüssig Erklärung, die ich am menschlichen Organismus erläutern möchte. Dieser wird durch "Automatfunktionen" gesteuert, wie den Herzschlag, die Atmung, den Blutkreislauf usw. Diese "Automatfunktionen" sind für die Organwesen unseres Körpers Naturgesetze. Als "Automatfunktionen" bezeichnet Martinus Abäufe, die so lange bewusst ausgeführt werden mussten, bis sie durch die Erinnerungen von der Instinktenergie übernommen werden konnten und seitdem automatisch ausgeführt werden, ohne dass man einen Gedanken darauf verschwenden muss. Was wir als Naturgesetze kennen, sind Automatfunktionen unserer Makrowesen, also der Erde, des Sonnenswystems oder der Milchstraße.
d) Wie leben Wesen in Wesen ?
Auch vor Martinus gab es Menschen, welche die Organe, Zellen und Stoffe sowie die Himmelskörper, Sonnensysteme und Galaxien, ja den gesamten Kosmos als Wesen sahen. Aber wer hat vor ihm das Leben von Wesen in Wesen so konkret beschreiben können wie es Martinus konnte? Wie wir aus der entsprechenden Entfernung von den Pflanzen und Tieren eines Waldes nichts mehr wahrnehmen, sondern nur einen Wald sehen, so haben wir von dem Leben unserer Organe nur eine Waldwahrnehmung (Martinus nennt sie "Stoffwahrnehmung"). Auch die Organe haben von dem Leben ihrer Zellen nur eine Stoffwahrnehmung und so auch jede andere Ebene von der darunter liegenden Ebene. Die darunter liegende Ebene liefert die Wahrnehmung, die umso allgemeiner wird, je weiter sie nach oben wandert und die obere Ebene liefert den darunterliegenden Ebenen den Raum und den Zusammenhang ihres Wirkens.
e) Zur Wahrnehmung

Martinus vertrat die Auffassung, dass es keine objektive Wahrnehmung geben kann, weil jede Wahrnehmung auf dem Perspektivprinzip beruht. Um überhaupt wahrnehmen zu können, müssen wir eine bestimmte Perspektive einnehmen und damit alles ausschließen, was aus unserer Perspektive nicht sichtbar ist. Von der Wirklichkeit lassen sich nur Ausschnitte wahrnehmen. Die sinnliche Wahrnehmung ist genauso wunderbar und rätselhaft wie die übersinnliche Wahrnehmung. Martinus war ein sehr bescheidener Mensch und liebte es gar nicht, durch Mitteilung übersinnlicher Wahrnehmungen bestaunt zu werden. Er bevorzugte Alltagsgespräche, bei denen die anderen Beteiligten mit ihm auf Augenhöhe waren. Nur auf direktes Befragen ging er im Gespräch auf übersinnliche Dinge ein. Diese behandelte er dann so, dass er sich den Verständnismöglichkeiten seiner Gesprächspartners anpasste. Daher seine robuste, oft banal wirkende Ausdrucksweise. Was er aber mitzuteilen hatte, war weiß Gott nicht banal.

Resümee
Ich halte Martius für einen Menschen, wie sie nur höchst selten geboren werden. Ob meine Einschätzung richtig ist, wird sich erst in der Zukunft erweisen, die zeigen wird, ob die von ihm erwarteten Entwicklungen tatsächlich eingetreten sind.

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Kein Hochgebirge

Kosmogonie @, Donnerstag, 09. Juli 2020, 13:41 (vor 107 Tagen) @ Uwe Todt

Ich sehe eine echte Schwierigkeit in unserem Dialog: Sie haben Ihre Vorentscheidung bereits getroffen. Sie gehen wie selbstverständlich von der Prämisse aus, daß Steiner an Martinus zu messen sei, im Widerspruchsfalle also irrelevant sei:

Hätte ihm das Martinus-System damals schon zur Verfügung gestanden, hätte er...

Nun gilt zwar auch für die Geisteswissenschaft, daß - im Normalfalle - der Eine auf den Anderen aufbaut und seine Vorgänger eventuell berichtigt. Aber hier trifft das nicht zu, denn Martinus hat sich um bisherige Erkenntnisse gar nicht bekümmert. Woher also nehmen Sie die Überzeugung, Steiner hätte sich an Martinus orientiert (eigentlich: er würde sich im Nachhinein korrigieren), wenn er Martinus gelesen hätte?

Weiterhin:

Rudolf Steiner ordnete seine übersinnlichen Wahrnehmungen nach der überlieferten christlichen Hierarchienlehre und den überlieferten jüdisch-christlichen Traditionen.

Damit leugnen Sie implizit, daß Steiner diesbezüglich eigene Erkenntnisfähigkeiten gehabt habe. Richtig ist, daß Steiner anfangs, z.B. während der Abfassung der Aufsätze zur "Akasha-Chronik", vereinzelt Namen, Begriffe und sogar Vorstellungen von Vorgängern übernommen hat. So hat er hinsichtlich der atlantischen Rassen die Bezeichnungen übernommen, die von W. Scott-Elliot geprägt worden waren. Aber er hat dies gekennzeichnet, und vor Allem: er ist über seine Vorgänger hinausgegangen, indem er die inneren Verhältnisse beschrieb und dadurch zu völlig neuen Ergebnissen kam.

Eine echte wissenschaftliche Auseinandersetzung (ebenso wie wissenschaftliche Forschung überhaupt) hat zur Voraussetzung die Ergebnisoffenheit. Die haben Sie insoweit aufgegeben. Ich weiß nicht, wie wir unter dieser Voraussetzung ernsthaft diskutieren können.

Sie machen es in etwa so wie die "Steinerianer" es tun: Richtig ist etwas, weil der Meister es so gesagt hat. Zusätzlich operieren Sie mit dem Plausibilitäts-"Beweis". Aber der führt natürlich nur so weit, wie die eigenen Erkenntnisse reichen.

Lohnt es sich dann noch, daß ich auf den Rest eingehe? Ich versuche es, so gut ich kann.

Für die Naturgesetze gibt es meines Wissens gegenwärtig gar keine Erklärung außer der, dass sie immer schon da waren oder der, dass Gott sie erschaffen hat. Martinus fand eine - wie ich finde - sehr einfache und schlüssig Erklärung,

Zur Frage der Naturgesetze hat Steiner sich an vielen Stellen und sehr ausführlich geäußert. Daher findet sich bei ihm keine "sehr einfache und schlüssige Erklärung". Das ist eine Frage des geistigen Niveaus. Was Martinus dazu beiträgt, ist schlechthin trivial. Ich sage nicht, daß es falsch sei. Ich sage nur, daß der geisteswissenschaftlich Interessierte sich damit nicht begnügen kann und - glücklicherweise - auch nicht begnügen muß.

Martinus vertrat die Auffassung, dass es keine objektive Wahrnehmung geben kann, weil jede Wahrnehmung auf dem Perspektivprinzip beruht. Um überhaupt wahrnehmen zu können, müssen wir eine bestimmte Perspektive einnehmen und damit alles ausschließen, was aus unserer Perspektive nicht sichtbar ist. Von der Wirklichkeit lassen sich nur Ausschnitte wahrnehmen.

Auch das ist in der Wissenschaft - nicht nur in der "Geistes"wissenschaft - eine Trivialität. Es sind zur Relativität und Erkenntnisperspektive sehr viele und sehr differenzierte Modelle entwickelt worden. Sie bilden große Teile in der Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie.

Ich halte Martius für einen Menschen, wie sie nur höchst selten geboren werden.

Dazu möchte ich folgenden Vergleich ziehen: In gewisser Hinsicht verhält sich Martinus zu Steiner wie der Islam zum Christentum. Es heißt, der Islam sei eine Religion mit Ansprüchen, die jeder normale Mensch erfüllen kann; dagegen sei das Christentum eine Religion, deren Ansprüche niemand restlos erfüllen kann. Der Islam sei insofern ein Monotheismus "light", ein Zugeständnis an die Vielen, nachdem sich gezeigt hat, daß die meisten Menschen am Christentum gescheitert seien und im Maße, als sie es ernstnehmen, es nur verzerrt oder kompromißhaft leben können.

In diesem Sinne ist auch die Martinus-Kosmologie eine "Light-Version" der Steinerschen Kosmologie. Man braucht nicht hoch zu klettern, sondern man gelangt schon mit den ersten Schritten auf das Hochplateau.

Was Martinus besonders macht, das ist eine in der Tat ungewöhnliche Fähigkeit, komplexe Dinge unterkomplex darzustellen. Dies gilt insbesondere für seine "Symbole" (eigentlich: Grafiken). Er schrieb sozusagen für das Volk. Stilistisch ist er dem Steiner weit überlegen, und das werte ich an Martinus wirklich positiv. Das Wenige, was an Martinus' Gedankenwelt originell ist (sofern es das wirklich ist), gibt er in perfekter Darstellung. Die ganze Welt hat er reduziert auf ein intellektuell leicht faßliches Modell. Gerade höher gebildete Menschen scheitern, wenn sie das versuchen.

Wenn Sie sagen: Das reicht mir, dann ist das in Ordnung. Aber zu sagen: Wenn der Steiner das bereits gekannt hätte, dann hätte er..., das ist für mich inakzeptabel. Auf Argumente der Plausibilität kann ich mich da nicht mehr einlassen. Vielleicht gibt es andere Gesichtspunkte, worüber wir uns austauschen könnten. Dazu wäre ich weiterhin bereit.

Thomas Lentze

Martinus ist ein Exoteriker, aber kein Buddhist

Uwe Todt, Donnerstag, 02. Juli 2020, 05:36 (vor 115 Tagen) @ Kosmogonie

Demnach wäre Martinus klar ein Exoteriker. Ich kann hier natürlich nur wenige Abschnitte zitieren; das ganze Kapitel geht dann noch sehr in die Tiefe und ins Detail. Auf jeden Fall macht Martinus' Weltbild auf mich stark den den Eindruck einer "orientalisierenden Lehre". Die Nähe zum Buddhismus hat ja auch Uwe Todt mehrfach betont und erläutert.

Ich denke, dass Martinus mit der Aussage, dass er ein Exoteriker sei, voll einverstanden wäre, denn er ist es und wollte es auch sein. Er wollte eine Wissenschaft des Geistes als Fortsetzung der Naturwissenschaft schaffen, weil diese Fortsetzung für die Zukunft notwendig sein wird.
Die esoterische Perspektive des Dramas und der Tragik gibt es bei ihm auch. Aber er sieht darin eine lokale Sicht, die dadurch entsteht, dass man den Gesamtzusammenhang nicht überschauen kann.

Martinus hat nur eine Nähe zum Buddhismus, ist aber von diesem durch seine Verankerung im Christentum doch andererseits wieder weit entfernt. Er war gar kein Freund davon, sich aus der Welt zurückzuziehen. Zur Meditation empfahl er lediglich das Vaterunser. Ansonsten lehnte er geistige Übungen ab, weil er sagte, sie führen lediglich zu illusionären Vorstellungen über sich selbst. Das Leben sei der wahre Schulungsweg. Auf diesem Weg werde für jeden so gesorgt, dass er sich durch die auftretenden Leiden in der richtigen Weise weiterentwickeln kann.

Aufstieg und Abstieg der Wesen

Uwe Todt, Dienstag, 07. Juli 2020, 16:48 (vor 109 Tagen) @ Kosmogonie

Diese Karte zeigt einen absteigenden Affen und einen aufsteigenden Hund; darüber ein Wesen, in welchem sich Tier und Mensch verbinden, sei es zu Anfang oder zu Ende eines Involutions- und Evolutionsweges. Der Affe war einmal Mensch; der Hund strebt zum Menschen.

Diese Karte würde ich vor dem Hintergrund der Martinus-Kosmologie anders deuten. Es steigt nicht ein Wesen auf zum Menschen (der Hund) und ein Wesen vom Menschen ab zum Tier (der Affe), sondern die Gestalten, in denen Wesen inkarnieren steigen auf und ab. Der absteigende Affe bietet den Wesen des Tierreiches die Möglichkeit, innerhalb ihrer Entwicklungsmöglichkeiten etwas näher an ihre zukünftige Entwicklung zum Menschen heranzukommen.
Abstieg und Aufstieg gibt es bei Martinus schon. Das Wesen vollzieht den Abstieg in die Finsternis aber innerhalb der Stufe, die es inzwischen erreicht hat. Steigt der Mensch ab zum Menschen im Tierreich, dann nutzt er seine Freiheit "allein, noch tierischer als jedes Tier zu sein" (Schiller).

Ist der Buddhismus eine Art luziferische Fluchtbewegung?

Uwe Todt, Dienstag, 07. Juli 2020, 17:24 (vor 109 Tagen) @ Kosmogonie

Ich vermute im Buddhismus (den ich freilich nicht gut kenne) eine Art luziferischer Fluchtbewegung. Man kommt, wenn es gut läuft, zu einer Erleuchtung. Man erlebt sich außerhalb von Raum und Zeit, der Erdenschwere enthoben, und dieses Erlebnis ist beglückend. Aber ich frage mich jedesmal: Was haben mir diese Leute voraus, von ihrer Erleuchtung einmal abgesehen? Sehen sie Dinge, die ich nicht sehe? Haben sie höhere Erkenntnisse über die "erschaffene" geistige Welt, z.B. über Elementarwesen und hierarchische Wesen? Tragen sie dazu bei, die Not von Tieren, Menschen und nichtmenschlichen Wesen zu lindern?

Mir scheint, daß ich alle diese Fragen verneinen muß. Allerdings kann ich nicht ausschließen, daß diese Erleuchteten nicht doch einen Evolutionsstand verkörpern, der sie irgendwann zu höheren Erkenntnissen und zu wirksamen Liebestaten befähigen wird. Vielleicht sind sie Neugeborene, von denen man sagen kann, daß sie erst heranreifen müssen, und daß die Geburt als solche schon ein glückliches Ereignis ist. - Anderseits gibt es sehr wertvolle Menschen, die keinerlei Erleuchtung gehabt zu haben scheinen.

Als Buddha wirkte, war die Polarität von Licht und Finsternis im seelischen Erleben noch völlig unverbunden. Die Menschheit war einem immer stärker werdenden seelischen Finsterniswirken ausgesetzt. Buddha sah keinen anderen Weg zur Erlösung als den Weg zurück zum Licht zu beschreiten und ihn nach seiner Erleuchtung seinen Schülern aufzuzeigen.
Durch Christus kam der Impuls in die Menschheit, Licht und Finsternis in ihrem Erleben ineinander zu verweben und dadurch von ihrem einseitigen Wirken zu erlösen. Das hat Novalis in seinem Gedicht zum Ausdruck gebracht:
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in’s freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt von Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Mir scheint, dass auch der Buddhismus von dem neuen Weltimpuls berührt wurde. Im 8. Jahrhundert breitete der Buddhismus sich nach Tibet aus und verband sich dort mit der schamanistischen Bön-Religion. Es entstand der Mahayana-Buddhismus, das große Fahrzeug, der nicht so weltabgewandt ist wie das Hinayana, das kleine Fahrzeug, der ursprüngliche Buddhismus. Es entstand ein Klosterleben verschiedener Schulen mit dem Ideal der Tulkus, den sich wiederverkörpernden Äbten und Meistern der verschiedenen Klöster.
Ich denke, dass sich die vorchristlichen Erleuchteten wieder inkarnieren oder bereits inkarniert haben und damit den christlichen Impuls des Verwebens von Licht und Finsternis aufnehmen, bzw. bereits aufgenommen haben.

Das Schicksalsspiel des Lebens

uwetodt, Mittwoch, 08. Juli 2020, 13:49 (vor 108 Tagen) @ Kosmogonie

Ich füge hier einen Artikel von Martinus ein, der kürzlich ins Deutsche übersetzt wurde. Mich würde interessieren, wie Sie diesen Artikel beurteilen:

Das Schicksalsspiel des Lebens

1. Wir sind sowohl Schauspieler als auch Zuschauer

Das Lebenserleben der Menschen ist in Wirklichkeit das Erleben eines gigantischen Schauspiels, eines Schauspiels, in dem wir alle eine Rolle haben. Aber das Eigentümliche an diesem großen Schauspiel, das wir Schicksal nennen können, ist, dass wir nicht nur eine Rolle haben oder Schauspieler sind, sondern dass wir gleichzeitig auch Zuschauer sind. Das Schauspiel oder Schicksalsspiel, in dem wir alle sowohl Akteure als auch Zuschauer sind, ist ein ewiges Bühnenpanorama mit wechselnden Szenerien von den bluttriefendsten und hassumsponnensten Dramen mit höllenartigen Kulissen bis zu den glänzendsten Märchen und Liebesszenen mit Kulissen von reinstem mentalem Gold.

Unser Schicksal ist dasselbe wie die Verbindung unserer Gegenwart mit unserer Vergangenheit und unserer Zukunft, und das Schicksalsspiel des Lebens wird daher zu einer Art Darbietung oder Aufführung dieser drei verschiedenen Arten von Zeit. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind drei Rollen im Schicksalsspiel, und unsere eigene Rolle ist die Gegenwart. Wir erleben uns selbst als Gegenwart oder Mittelpunkt in der Ewigkeit genauso, wie wir uns als Mittelpunkt in der Unendlichkeit oder im Universum fühlen.

Als Zuschauer sind wir Zeuge des Zusammenspiels dieser Gegenwart oder unserer eigenen Rolle mit der Vergangenheit und der Zukunft, die von unseren Mitwesen gespielt werden. Alle anderen Mitwesen im Dasein sind unsere Mitspieler im Schicksalsspiel. Einige von ihnen haben die Rolle der Vergangenheit in ihrem Zusammenspiel mit uns, und andere haben die Rolle der Zukunft. Unsere Aufgabe ist es, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden und damit die Ganzheit und Einheit des Stückes für den Zuschauer, d.h. für uns selbst, zu vervollkommnen.

Allmählich, wenn das Stück voranschreitet, beginnt der Zuschauer, den Zusammenhang zu ahnen. Der Zuschauer ist ja gerade der Teil unseres Bewusstseins, der erlebt und über die Dinge nachdenkt und gleichsam neben demjenigen Teil von uns steht, der handelt und aktiv ist.
In unserer Eigenschaft als Schauspieler befinden wir uns von der Wiege bis zum Grab oder anders gesagt: in unserem derzeitigen Leben auf der Bühne. Das ist unser wacher, tagesbewusster aktiver Einsatz. Wenn wir sterben, verlassen wir die Bühne eine Zeit lang und gehen in die Welt unseres Nachtbewusstseins, die in diesem Zusammenhang mit derjenigen Welt verglichen werden kann, die es im normalen, irdischen Theater hinter der Bühne gibt, die Welt von Maschinisten, Beleuchtern, Garderobiers, Regisseuren oder wie sich all diese Helfer nun nennen mögen, die von den Zuschauerplätzen aus unsichtbar sind, deren Hilfe aber absolut notwendig ist, damit die Aufführung auf der Bühne voranschreiten kann.

Die Schutzgeister und andere geistige Helfer, ohne die sich das Leben hier in der physischen Welt nicht so entfalten könnte, wie es der Fall ist, sind ja gerade die unsichtbaren Regisseure, Beleuchter usw. des großen Schicksalsspiels. Und wenn wir die physische Welt verlassen, treten wir wie die Schauspieler von der Bühne ab und gehen hinein in diesen Raum hinter der Bühne, hinein in die geistige Welt, bis das Schauspiel nach diesem Zwischenakt fortgesetzt werden soll. Und wir, weiterhin in der Rolle der Gegenwart, aber mit einem neuen Kostüm, d.h. mit einem neuen physischen Organismus, sind wieder der Mittelpunkt im Schicksalsspiel des Lebens.

2. Die Rollen der Vergangenheit und der Zukunft

Wenn wir einen solchen neuen Abschnitt des Schicksalsspiels beginnen, haben wir natürlich weiterhin Mitspieler, von denen einige die Rolle der Vergangenheit und andere die Rolle der Zukunft spielen. Die Mitwesen oder Mitspieler, die die Rolle der Vergangenheit spielen, verbinden die Gegenwart mit den vorangegangenen Akten. Aber was sind das für Mitwesen, die diese Rolle in unserem Schicksalsspiel haben?

Unsere Vergangenheit wird von all den Mitwesen gespielt, deren Mentalität ganz genau das Niveau erreicht hat, das den noch unfertigen, primitiven und unentwickelten Teil unseres Bewusstseins ausmacht. Genau diese Wesen sind es, durch die wir unsere eigene Vergangenheit als Schicksal erleben. Sie sind die Werkzeuge oder Schauspieler, die die Vorsehung benutzt, damit wir den unfertigen Seiten unseres eigenen Bewusstseins von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt werden. Durch sie ernten wir in der Gegenwart, was wir in der Vergangenheit gesät haben. Wir werden faktisch – von der Mikrowelt über Pflanzen, Tiere und primitive Menschen bis zu den Menschentypen, die in etwa dieselbe Entwicklungsstufe repräsentieren wie wir selbst – mit unserer eigenen Vergangenheit konfrontiert, verkörpert in unserer eigenen Gegenwart. Wir können hier all die mentalen Stufen und Prinzipien sehen, die der Gegenwart unseres Lebens vorausgegangen sind.

Aber wie kann unsere Zukunft in der Gegenwart repräsentiert werden? Wir sind ja nicht nur von Wesen umgeben, die sich auf niedrigeren Entwicklungsstufen befinden als wir. Vielmehr begegnen wir auch Wesen, die eine ganze Reihe von Torheiten und Unvollkommenheiten überwunden haben, denen wir selbst vielleicht noch unterliegen. Der Zuschauer in uns macht sich seine Gedanken und hat seine Sehnsüchte und Wünsche, was auf der Bühne passieren soll, und wird zu solchen Wünschen geradezu inspiriert, indem er die Handlungsweise der Wesen erlebt, die eine größere Liebe und Intellektualität oder Schöpfungsfähigkeit aufweisen als wir selbst.

Der Zuschauer ist zwar ein passiver Teil, aber nur in der Weise, dass dieser Zuschauer nicht in das eingreift, was derzeit auf der Bühne passiert. Es gibt aber auch eine Form von Aktivität in diesem Teil unseres Bewusstseins, die sich in der Weise bemerkbar macht, dass die Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte des Zuschauers in das Überbewusstsein im Schicksalselement einströmen und auf die Talentkerne einwirken. Dort werden die Erfahrungen, die wir machen, gesammelt. Sehnsüchte und Wünsche werden zur Ursache für die Entwicklung neuer Talentkerne und dafür, dass gewisse alte Talente, von deren Entfaltung wir gesättigt sind und die wir als böse auffassen, degenerieren.

Die Aktivität auf der Bühne, die durch uns selbst als derjenige Schauspieler entfaltet wird, der die Rolle der Gegenwart spielt, wird dadurch verändert. Neue Fähigkeiten und Talente können sich so durch Üben und Versuchen allmählich entfalten und zu angeborenen Fähigkeiten werden, die der Schauspieler in den kommenden Akten mitbringt. Dort tritt er oder sie zwar in einer neuen Gestalt auf, ist aber doch dasselbe ewige Wesen, das gerade durch seine Eigenschaften, sowohl als Schauspieler als auch als Zuschauer, Möglichkeiten hat, entwickelt zu werden und daran beteiligt zu sein, die Szenerie oder den Schauplatz von einem höllenartigen, dunklen Zustand voller Schmerzen und Leiden in eine märchenhaft schöne Welt zu verwandeln, in der die Nächstenliebe und die Entfaltung genialer schöpferischer Kräfte das Leben zum schönsten Kunstwerk machen.

3. Wir werden zu Co-Regisseuren

Die Kulissen und Masken wechseln also auf dieser Bühne, die unser physisches Tagesbewusstsein in wechselnden Inkarnationen ist. Es sind aber nur die Szenerien, die verwandelt werden. Es ist derselbe Schauspieler und Zuschauer (wir selbst), der die wechselnden Szenen erlebt und selbst daran beteiligt ist, die Verwandlungen herbeizuführen. Wir sind also nicht nur Schauspieler und Zuschauer, sondern wir sind – allmählich, wenn wir entwickelt werden und der Zuschauer in uns von der Handlung ergriffen wird und anfängt, Wünsche und Sehnsüchte zu erschaffen – auch Co-Regisseure. Jeder von uns wird täglich klüger und wird nicht genau so handeln, wie er es früher einmal getan hat. Daran sollten wir auch denken, wenn wir diejenigen Mitwesen oder Mitspieler in unserem Schicksalsspiel betrachten, die die Vergangenheit repräsentieren. Wir können uns nicht vorstellen, so zu handeln, wie sie handeln, und vielleicht kritisieren wir sie, ja vielleicht sagen wir sogar, dass wir sie verachten. Aber wenn wir uns nicht vorstellen können, das zu tun, was sie tun, so liegt das daran, dass das, was sie tun, unsere Vergangenheit ist. Das ist etwas, was wir ausgelebt haben. Wir haben bereits die Erfahrungen und Talentkerne in unserem Schicksalselement, die bewirken, dass wir nicht mehr rauben und plündern, stehlen und betrügen und auch nicht mehr lügen und verleumden wollen usw. Das ist für uns keine Gegenwart mehr, sondern nur Vergangenheit. Und diese Vergangenheit sehen wir also durch andere Wesen um uns herum repräsentiert.

Aber damals, als diese Eigenschaften Gegenwart für uns waren, hatten wir natürlich nicht die Erfahrungen und Talente, die wir jetzt haben. Aber die haben die Menschen, die zu kritisieren wir vielleicht geneigt sind, auch nicht. Und man kann nicht verlangen, dass ein Individuum von Erfahrungen ausgehend handeln oder denken soll, die es noch nicht hat. Also sind wir in unserer Kritik an ihnen oder in unserer Verachtung ihnen gegenüber fast ebenso dumm, wie sie es sind. Wir haben uns also um jenes kleine bisschen weiter entwickelt, das bewirkt, dass wir nicht mehr so handeln können wie sie, aber nicht genug, um zu sehen und zu verstehen, dass sie zurzeit nicht anders sein können, als sie eben sind, nicht genug, dass wir ihnen vergeben können und vielleicht versuchen würden, ihnen zu helfen. Wir müssen versuchen, daran zu denken, dass wir in ihrem Schicksalsspiel einer der Schauspieler sind, die die Zukunft repräsentieren. Und je mehr wir auf die Zuschauer in ihrem Bewusstsein durch unser Beispiel, durch die Art, wie wir denken, fühlen und handeln, inspirierend wirken können, desto mehr sind wir gerade daran beteiligt, die Szenerie hier auf dem irdischen Schauplatz zu verwandeln. Und außerdem verwandeln wir damit auch unser eigenes Schicksalsspiel.

Nicht nur diejenigen Wesen, die unsere Vergangenheit und den primitiveren Teil unseres Bewusstseins repräsentieren, erschaffen Schicksal. Dort, wo wir mit unseren humanen und intellektuellen Fähigkeiten oder vielleicht nur durch eine liebevolle Wesensart zum Nutzen und zur Freude für andere sind und damit inspirierend auf die Zuschauer in deren Bewusstsein wirken, erschaffen wir auf eine solche Art und Weise für uns selbst Schicksal, dass diejenigen Wesen, die für uns die Zukunft repräsentieren, liebevoll und inspirierend uns gegenüber auftreten werden, und dass sie – durch die Sehnsüchte und Wünsche, die die Entwicklung neuer Talentkerne von hochintellektuellem Charakter in unserem Schicksalselement in Gang setzen – uns neue Möglichkeiten eröffnen werden.

4. Die Wechselwirkung zwischen „Gott“ und dem „Gottessohn“

Wir sind also auch Co-Regisseure im großen Schicksalsspiel. Aber der lebendige und beständig neu erschaffende Ober-Regisseur, der unsichtbar hinter allem im Schauspiel des Lebens anwesend ist, ist die Gottheit, in der wir alle „leben, uns bewegen und sind“. Dieser Regisseur führt die Schauspieler, die unsere Vergangenheit repräsentieren, wie auch die Schauspieler, die unsere Zukunft repräsentieren. Ja, man kann sogar sagen, dass er gewissermaßen mit diesen Schauspielern identisch ist, da deren Ich ein Teil seines Ichs ist, deren Schöpfungsfähigkeit ein Teil seiner Schöpfungsfähigkeit ist, und deren Einkleidung in die Materie, in der sie zurzeit ihre Rolle spielen, ein Organ in seinem großen Organismus ist. Alle unsere Mitspieler im Schicksalsspiel des Lebens sind Werkzeuge der Gottheit.

In Wirklichkeit gibt es also nur zwei, die auf der Bühne auftreten: „Gott“ und „Gottessohn“. Die Kulissen sind alles, was unter den Begriff Natur fällt. Die Maskierungen sind, was Gott betrifft, alles, was unter den Begriff Mitwesen fällt, während die wechselnden Masken und Verkleidungen, was den Gottessohn betrifft, aus all den physischen und seelischen Organismen bestehen, die er durch die Erdenleben oder durch die vielen verschiedenen Stadien der Entwicklung hindurch repräsentiert hat und repräsentieren wird. Alles, was wir repräsentiert haben – vom Mineral angefangen über die Pflanze und das Tier bis zum Erdenmenschen – stellt somit nur Maskierungen dar, derer sich das Ich in bestimmten Situationen bei der Ausführung seiner Rolle im Schicksalsspiel bedienen muss. Und in dieser Weise stellen alle Arten von Mitwesen die speziellen Maskierungen dar, durch die Gott seine Rollenbesetzung in den vielen verschiedenen Szenerien des ewigen Spiels durchführen kann.

Es gibt keine Rolle im Spiel des Lebens, die der Erdenmensch nicht eines Tages spielen könnte. Wenn er durch den Zuschauer in seinem eigenen Bewusstsein eine Rolle begehrt, bekommt er die Möglichkeit, sie zu spielen. Alle können „ganz oben sein“ und gefeiert werden, wenn sie einen ausreichend starken Wunsch danach haben, und sie können in Macht und Herrlichkeit leben. Aber sie müssen natürlich auch die Erfahrungen machen, die sie in einer solchen Rolle anderen beibringen, eventuell in Form von Tyrannei, Hochmut und Gleichgültigkeit dem Leben anderer gegenüber. Das wird ihnen im nächsten Akt begegnen. Dann wird das zu ihrer Vergangenheit und andere Schauspieler im Schicksalsspiel des Lebens, die in der Gegenwart diese Vergangenheit repräsentieren, werden ihnen dort zeigen, wie das von ihrer früheren Umgebung erlebt wurde.

Dadurch entstehen neue Wünsche und Begehren im Bewusstsein, Sehnsüchte nach einem Zustand ohne Tyrannei und Unterdrückung anderer, und die Talente der Nächstenliebe fangen an, ausgebildet zu werden. Keime für hochintellektuelle Lebensentfaltung wachsen im Bewusstsein hervor, und auch wenn Organismus für Organismus verschlissen wird oder stirbt, so treten die Lebewesen in immer schöneren Organismus hervor. Und als Basis für ihr Auftreten auf der Bühne des Lebens dienen ihnen ihr ewiges Ich und ihre ewige Schöpfungsfähigkeit, die sich in der Gegenwart durch die Talentkerne entfaltet, die der Gottessohn in seiner Eigenschaft sowohl als Schauspieler als auch als Zuschauer und beginnender Co-Regisseur im Schicksalsspiel des Lebens ständig im Schicksalselement seines Überbewusstseins entwickelt.

„Der Mensch als Gottes Abbild“ ist der Co-Regisseur im Schicksalsspiel des Lebens, der allmählich die Prinzipien der Schöpfung oder Verwandlung kennengelernt hat, die der „große Regisseur“ ständig entfaltet, nämlich hundertprozentig zur Freude und zum Nutzen für die Lebewesen zu sein, und alle irdischen Wesen sind auf dem Weg zu diesem Zustand. Sie erleben die Akte des Schicksalsspiels nicht gleichzeitig. Einige erleben einen Teil des Spiels, der für andere bereits Vergangenheit ist, und andere erleben etwas in der Gegenwart, das für viele ihrer Mitwesen noch Zukunft ist. Aber alle leben sie ihr tägliches Leben mitten in der Ewigkeit und Unendlichkeit, und kein Wesen wird mehr Licht, Liebe und Glück erleben als irgendein anderes Wesen, obwohl ihr Erleben in der Gegenwart nicht dasselbe ist.

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Das Schicksalsspiel des Lebens

Kosmogonie @, Donnerstag, 09. Juli 2020, 01:04 (vor 108 Tagen) @ uwetodt

Mich würde interessieren, wie Sie diesen Artikel beurteilen

Stilistisch hervorragend. Eins plus, sozusagen. Anschaulich, fesselnd, perfekt strukturiert, mit großem Tiefgang.

Der Topos des Lebens als Spiel mit einem selbst als Spieler und/oder Zuschauer ist freilich nicht neu (ich glaube, er kommt schon in der antiken Literatur vor). Vorliegend wird allerdings unverhohlen der Evolutions- und Reinkarnationsgedanke ausgesprochen.

In dem Buch "Die große Scheidung - oder zwischen Himmel und Hölle" des englischen Schriftstellers und Christus-Apologeten C.S. Lewis (1898-1963) findet sich am Schluß ein entfernt ähnliches Motiv: Der Autor erkennt riesenhafte Wesen, die schweigend auf einen Tisch herabblicken. Dort ist ein Schachspiel mit lebendigen Figuren, die sich von selbst bewegen. Ich zitiere:

Und die Handlungen und Bewegungen einer jeden Schachfigur waren ein bewegliches Abbild, eine Mimesis oder Pantomime, die die innerste Natur ihres riesenhaften Herrn abzeichnete. Und diese Schachfiguren sind Männer und Frauen, wie sie für sich selbst und für einander in der Welt erscheinen. Und der silberne Tisch ist die Zeit. Und die, die stehen und zusehen, sind die unsterblichen Seelen dieser selben Männer und Frauen.

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Bemerkenswert ist Martinus' Feststellung, daß man dazu neigt, Menschen zu tadeln, die gegenwärtig das eigene frühere Niveau verkörpern. Einen aktuellen Bezug sehe ich im Umbenennen von Straßen und das Stürzen von Denkmälern durch politisch linksorientierte (insofern luziferisch gelenkte) Moral-Imperialisten.

Wie denken Sie denn selbst zu diesem Artikel? Sie werden ihn ja nicht ohne Grund hier veröffentlicht haben.

Das Schicksalsspiel des Lebens

Uwe Todt, Freitag, 10. Juli 2020, 10:49 (vor 106 Tagen) @ Kosmogonie

Kosmogonie

Wie denken Sie denn selbst zu diesem Artikel? Sie werden ihn ja nicht ohne Grund hier veröffentlicht haben.

Uwe Todt
Ich denke, dass der Artikel zeigt, dass Martinus mehr war als nur ein Gedankenkonstrukteur.

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Mein Resümee: Kein "kosmisches Wissen", sondern den Kosmos behandelnde Systemphilosophie

Kosmogonie @, Freitag, 10. Juli 2020, 13:36 (vor 106 Tagen) @ Kosmogonie

Was Martinus vorgelegt hat (soweit mir bekannt aus den Darstellungen von Uwe Todt) ist ein philosophisches welterklärendes System von großartiger Ordnung und Übersichtlichkeit. In gewisser Weise verkörpert es den Kosmos in seiner Wortbedeutung u.A. von "Ordnung" und "Schönheit". Aber nichts weist für mich darauf hin, daß es aufgrund von höheren Erkenntnissen (im Sinne Steiners) gewonnen wurde. Es ist ein Gedankensystem wie alle derartigen - philosophiegeschichtlich als überwundenen geltenden - Systeme, und es scheitert folglich wie diese an inneren Widersprüchen. Das ist auch dem Darsteller Uwe Todt aufgefallen. So läßt sich die Welt der Atome (Atom/Stoff-Spirale) zwar irgendwie mit der Welt der Sonnensysteme (Sonnensystem-Spirale) in Parallele setzen, aber bei tieferem Eindringen in die Welt der Atome und der Sonnensysteme merkt man, daß die Parallelisierung ein ziemlicher Gewaltakt ist, mit der sich wohl kein Mikro- oder Makro-Physiker einverstanden erklären würde.

Obwohl die Idee der Reinkarnation in diesem System eine große Rolle spielt, bin ich der Meinung, daß es nicht wirklich dem Okkultismus (üblicherweise "Esoterik" genannt) zuzuordnen ist. Denn dann müßte es zum Gegenstand auch die Wesen der höheren Welten (also der Lebens-, Astral- und noch höherer Welten) zum Gegenstand haben. Solche Wesen sind zwar Bestandteile des Martinus-Systems, aber das nur in dem abstrakten Sinne, wie sie es auch in den philosophischen Systemen, etwa der Monadologie von Leibniz, gewesen sind. Aus diesem Grunde habe ich dieses System in meiner Überschrift als ein Beispiel für "wesenlose Weltbilder" aufgeführt. Die "Wesen" von Martinus erscheinen ähnlich abstrakt wie Atome, ja sind teilweise mit ihnen identisch.

Im Grunde handelt es sich um ein materialistisches System, in welchem die Materie um das Element einer abstrakten Wesenhaftigkeit erweitert worden ist.

Konsequenterweise fehlt nicht nur eine Beschreibung der Erkenntnis-Methode. Nirgends ist die Rede von etwas, das der imaginativen, inspirativen, intuitiven Erkenntnis bei Steiner entspricht. Martinus erklärt sogar, daß ein aktives Bemühen zur Erlangung dieser Erkenntnisse unnötig sei.

Nach alledem kann ich nicht zustimmen, wenn Uwe Todt hier von "Kosmisches Wissen" (so einer seiner Buchtitel) spricht. Wissen muß überprüfbar sein. Vielmehr handelt es sich um ein beeindruckendes welterklärendes Modell, welches dem Leser durch seine "kosmische" Schönheit Befriedigung gewähren kann, aber den nach höheren Erkenntnissen Strebenden nicht unbedingt zufriedenstellt.

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