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Zu Otto Jachmann... Ergänzungen

Kosmogonie @, Sonntag, 24. Juli 2016, 21:43 (vor 847 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Montag, 01. Januar 2018, 19:36

Sehr bewegt hat mich die Entfremdung zwischen Brentano und Husserl in der Schilderung des letzteren. Jachmann gibt diese Schilderung passagenweise wieder aus dem Buch "Franz Brentano - zur Kenntnis seines Lebens und seiner Lehre" (1919), von Oskar Kraus. Ich gebe die Schilderung Husserls in Jachmanns Zitierung wieder, allerdings etwas gekürzt:

[Husserl:] Daß sich kein reger Briefwechsel [mit Brentano] entwickelte, hat tiefere Gründe. Zu Anfang sein begeisterter Schüler, hörte ich zwar nie auf, ihn als Lehrer hoch zu verehren, aber es war mir nicht gegeben, Mitglied seiner Schule zu bleiben. Ich wußte aber, wie sehr es ihn erregte, wenn man eigene, obschon von den seinen auslaufende Wege ging. Er konnte dann leicht ungerecht werden und ist es auch mir gegenüber geworden, und das war schmerzlich. Auch wird, wer von innen her von ungeklärten und doch übermächtigen Gedankenmotiven getrieben ist, oder begrifflich noch unfaßbaren Anschauungen genugzutun sucht, mit denen die gegebenen Theorien nicht stimmen wollen, sich dem in seinen Theorien beruhigten - und gar einem logischen Meister wie Brentano - nicht gerne eröffnen. Man hat genug an der Pein der eigenen Unklarheit und braucht für sein logisches Unvermögen, das eben die Triebkraft zum forschenden Denken ist, keine neuen Beweise und keine dialektischen Widerlegungen. Was sie voraussetzen, Methoden, Begriffe, Sätze, muß leider verdächtigt und als zweifelhaft zunächst ausgeschaltet werden, und daß man nicht klar widerlegen und auch selbst nichts hinreichend klar und bestimmt aufstellen kann, ist ja gerade das Unglück. So war es in meinem Werden, und so erklärt sich eine gewisse Entfernung, wenn auch nicht persönliche Entfremdung von meinem Lehrer, die auch späterhin eine wissenschaftliche Fühlungnahme so schwer machte.

Soweit Husserl. Von seiner letzten Begegnung mit Brentano 1908 berichtet er wie folgt:

Es war mir in diesen Tagen, als wären die Jahrzehnte seit meiner Wiener Studienzeit zu kraftlosem Traum geworden. Ich fühlte mich ihm, dem Überragenden und Geistesmächtigen gegenüber wieder wie ein schüchterner Anfänger. Ich hörte lieber, als daß ich selbst sprach. Und wie groß, schön gegliedert, und in allen Gliederungen fest gestaltet, floß seine Rede dahin. Einmal aber wollte er selbst hören und ließ sich, ohne mich mit Einwendungen zu unterbrechen, den Sinn meiner phänomenologischen Forschungsweise und meines Kampfes gegen den Psychologismus zusammenhängend berichten. Zu einer Verständigung kam es nicht. Vielleicht lag ein wenig die Schuld auch an mir. Mich lähmte die innere Überzeugung, daß er in dem fest gewordenen Stil seiner Betrachtungsweise, mit dem festen Gefüge seiner Begriffe und Argumente nicht mehr anpassungsfähig genug sei, um die Notwendigkeit einer Umbildung der Grundanschauungen, zu denen ich mich gedrängt gesehen hatte, nachverstehen zu können.

Daß ich Husserl - genauer: Husserl über Jachmann - so relativ ausführlich zitiere, liegt auch an Husserls stilsicherer Sprache, die sich von der Sprache Steiners insofern wohltuend unterscheidet. Wie merkwürdig ist doch das: Der eine von ihnen gilt als ein hoch abstrakter Denker, weiß sich aber, wenn es darauf ankommt, wunderbar poetisch, ja gefühlsgesättigt auszudrücken; der andere schimpft ständig über die "Abstraktheit" anderer Leute Denk- und Ausdrucksweise, vermag sich aber selbst nur blaß und abstrakt auszudrücken!

Worauf Jachmann aber hinaus will, ist, eine merkwürdige Wiederholung aufzuzeigen, die später in der Entfremdung zwischen Husserl und dessen Schüler Heidegger zum Ausdruck kommt. Er schreibt:

Welche Duplizität der Ereignisse! Im Hauptwerk 'Sein und Zeit' [...] findet sich folgende Widmung: 'EDMUND HUSSERL in Verehrung und Freundschaft zugeeignet [...].' Einige Jahre später, nach seiner Emeritierung, schreibt Husserl, der wohl erst jetzt Heideggers Buch wirklich gelesen hat (jetzt zitiert Jachmann aus Hugo Ott, Martin Heidegger - Unterwegs zu seiner Biografie, 1992):

Ich kam zum betrüblichen Ergebnis, daß ich philosophisch mit diesem Heideggerschen Tiefsinn nichts zu schaffen habe, mit dieser genialen Unwissenschaftlichkeit [...] Das haben längst schon alle Anderen gesehen, nur ich nicht. Mein Ergebnis habe ich Heidegger nicht verschwiegen. Ich spreche kein Urteil über seine Persönlichkeit aus - sie ist mir völlig unverständlich geworden. Er war fast ein Jahrzehnt lang mein nächster Freund, damit ist's natürlich zuende: Unverständlichkeit schließt Freundschaft aus - diese Umwendung in der wissenschaftlichen Schätzung und im Verhältnis zur Person war eines der schwersten Schicksale meines Lebens.

Jachmann bemerkt dazu, daß derartige folgenschwere Unverträglichkeiten "offenbar untrennbar [verbunden seien] mit jedem echten, eigenständigen Philosophieren". Und:

Wahre Philosophen sind wie erratische Blöcke in der Landschaft, groß und einsam. Jeder für sich, und doch gehören alle untrennbar zum gesamten Landschaftsbild.

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Um dem Buch von Jachmann halbwegs gerecht zu werden, muß ich noch hinweisen auf die beiden Schlußkapitel: "Von der Philosophie zur Anthroposophie" und "Den Übungsweg wagen". Der Autor begnügt sich nicht mit oberflächlichen Beschreibungen, wie man sie in der anthroposophischen Sekundärliteratur oft findet, sondern er stellt die Sache eigenständig dar. Das letzte Kapitel enthält zudem Übungsanweisungen (auch zur Gewinnung von Reinkarnationserkenntnis), die zum Teil den etwas "verborgeneren" Texten Steiner entnommen sind.

Zuletzt verweise ich auf die Autoren-Seite des Verlages Ch.Möllmann. Dort findet man auch eine Übersicht der Bücher, die Jachmann veröffentlicht hat.


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