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Würde Steiner, wenn er heute lebte, seinen Doktortitel abgeben müssen?

Kosmogonie @, Mittwoch, 18. Mai 2016, 03:00 (vor 911 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Dienstag, 12. Juli 2016, 09:34

[image] Die über 1000-seitige Monografie mit dem Titel: "Philosophie und Anthroposophie" (2011) ist erfreulicherweise nicht von einem Steiner-Apologeten, sondern von einem Fachphilosophen - Hartmut Traub - geschrieben worden. Da fehlt es naturgemäß nicht an kritischen Bemerkungen.

So etwa auf Seite: 460:

Wir haben bereits an anderer Stelle auf die wissenschaftlich unzulässige Unsitte Steiners verwiesen, dass er zentrale Begriffe, bedeutende Ideen und Gedanken, ja ganze Diskussionszusammenhänge aus Schriften anderer Autoren, ohne sie als deren "geistiges Eigentum" zu kennzeichnen, als eigene Überlegungen seinen Arbeiten einverleibt hat.

In einer Fußnote auf der folgenden Seite lesen wir zur selben Sache (Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

Dass Steiner an anderer, bedeutend späterer Stelle der Philosophie der Freiheit, die Herkunft des Terminus "all-eines Wesen" wenn auch nicht explizit E. von Hartmann zuweist, so doch in einem Zitat Hartmanns aufführt (GA 4, 208), kann den kritischen Leser kaum mit Steiners Grundhaltung der Ideenpiraterie versöhnen. Vielmehr zeigt dieser Umgang mit fremdem geistigen Eigentum die Sorglosigkeit mit der Steiner in diesen Dingen agiert und vielleicht auch die kritiklose Naivität, die er damit bei seinen Lesern voraussetzt.

Die völlige Immunität der Steinerianer gegen jede Kritik an ihrem Idol habe ich auch gestern wieder erfahren müssen. Und immer wieder wirkt es auf mich frappierend! Nachdem ich auf das o.g. Buch hingewiesen und Einiges daraus erläutert hatte, hieß es sinngemäß: Ja, der Steiner hat doch gar nicht den Anspruch erhoben, die Erwartungen der sogenannten Fachphilosophen - ohnehin alles dekadente Figuren - zu erfüllen. Diese vielmehr sind es, die dem Steiner nicht gewachsen waren, und ihm immer noch nicht gewachsen sind.

Zudem habe Steiner ja in einem Brief an seine Freundin Rosa Mayreder geschrieben, was er mit seiner "Philosophie der Freiheit" "eigentlich" bezweckt habe. Nämlich seinen eigenen Weg zu finden. Daß Andere ihm auf diesem Weg folgen können, sei für ihn nicht vorrangig gewesen.

Wirklich?

Auf Seite 791 lesen wir - und das wird auch wohl auch in der Sache niemand bestritten können -, daß Steiner sich mit der Veröffentlichung seiner "Philosophie der Freiheit" Hoffnungen auf eine philosophische Professur gemacht habe. Zitat:

Seit den frühen 1890er Jahren arbeitete Steiner an einer akademischen Karriere. Es war sein großer Wunsch, "in den heiteren Himmel der reinen, von aller Anhängerschaft freien, philosophischen Lehrtätigkeit fliegen" zu können (GA 39, 94). Nach der Promotion sollte die Philosophie der Freiheit so etwas wie seine Habilitationsschrift sein. Im Dezember 1895, also zwei Jahre nach der Publikation der Philosophie der Freiheit, schreibt Steiner an Pauline und Ladislaus Specht:

"Nach Maßgabe der Verhältnisse müßte ich natürlich gerade in Jena die Privatdozentur anstreben. Nun ist zweifellos, daß nach dem, was ich geleistet, diese Privatdozentur ein Pappenstiel sein müßte von seiten derer, die sie zu gewähren haben" (ebd., 273).

[...] Dass sich Steiner im Kapitel XII seiner Philosophie der Freiheit ausführlich mit dem Entwicklungsbegriff Haeckels und seiner eigenen These vom ethischen Individualismus beschäftigt, hat offensichtlich nicht nur erkenntnistheoretische Gründe. Die vehemente Zustimmung zum naturwissenschaftlichen Darwinismus, die, wie wir gesehen haben, seinen eigenen ethischen Individualismus an den Abgrund der Unhaltbarkeit und vielleicht sogar darüber hinaus führt, ist auch als tiefe Verbeugung vor Ernst Haeckel und dem Einfluss, den dieser auf eine mögliche Berufung und Anstellung Steiners in Jena hätte nehmen können zu verstehen.

Dass die demonstrative Versöhnung von Haeckels Darwinismus und der eigenen Freiheitsphilosophie auch eine karrierestrategische Entscheidung war, ist keine bösartige Unterstellung, sondern wird von Steiner selbst offen zugegeben. [...] "Ich rechne mit meinen eigenen Bestrebungen sehr auf Haeckel."

Aber bekanntlich wurde nichts daraus; Haeckel, und nicht nur er, reagierte ablehnend. Doch was waren die wirklichen Gründe? Auf Seite 368 f., wiederum in einem anderen Zusammenhang, urteilt Hartmut Traub, ich zitiere:

Dass es Steiner nicht gelingt, eine zufriedenstellende Konzeption des Geistes oder der Seele und deren Tätigkeit zu entwickeln, hat seinen Grund darin, dass er ein undialektischer, man könnte auch scharf sagen, dass er ein unphilosophischer Denker und reiner Analytiker ist. Vieles wird bei Steiner getrennt betrachtet und unterschieden, das Denken wird vom Beobachten und vom Bewußtsein getrennt, Wollen vom Fühlen und so weiter. Die Antwort auf die Frage aber, wie das eine mit dem anderen "im menschlichen Gemüth" (Kant) zusammenhängt oder wie sie womöglich durch einander bestimmt sind, das zu untersuchen und zu klären, ist Steiner seinen Lesern meist schuldig geblieben.

[...]

Durch sein wesentlich analytisches, trennendes und wenig dialektisch-synthetisch vermittelndes Denken ist Steiner somit ein im engeren Sinne nichtphilosophischer Denker zu nennen.

Nun könnte man dagegen einwenden, dass gerade Rudolf Steiner - etwa in seiner Wesenstypologie der Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung - synthetische Erkenntnisformen, Intuition und produktive Ideenschau, entwickelt und sie dort strikt vom analytisch "beweisenden" Erkenntnistypus unterschieden hat.

Das ist zutreffend. Steiner kennt durchaus organische und synthetische Formen der Erkenntnis. Aber auf sein eigenes Denken werden diese Erkenntnisarten durchgängig nicht angewendet. So verfährt denn auch die Typologie der Erkenntnis in den Grundlinien selbst nicht vermittelnd - genetisch, wie Fichte sagen würde - sondern analytisch, ausgrenzend-schematisch und in der Sache wenig organisch-intuitiv, sondern vielmehr phänomenologisch bis thetisch-dogmatisch (GA 2, Kapitel E, 86ff.). Steiner sucht hier nicht, wie von Plato und Goethe für den synoptikos-dialektikos gefordert, die Momente der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Erkenntnistypen, sondern reduziert sich auf die Beschreibung ihrer Differenz und läßt es dabei bewenden. Und genau das ist eben undialektisch, das heißt unphilosophisch gedacht.

Und schließlich - ich belasse es mit dem folgenden Zitat, um meine Leser und mich selbst nicht zu sehr zu ermüden -, lesen wir auf Seite 267:

Im ursprünglich ersten Kapitel des Buches, "Die Ziele des Wissens", hatte Steiner die Philosophie eine Kunst und den "wahren Philosophen" selbst einen "Begriffskünstler" genannt (A 4a, 249). Zur Begriffskunst gehört, und Steiner fordert das, insbesondere von denen, die er kritisiert, "Unterscheidungsvermögen" (GA 4, 19). Dass und was Steiner im neuen Kapitel I alles "in [den] einen Topf" (ebd.) der Freiheitsfrage wirft, ohne klar zu stellen, worum es sich dabei jeweils handelt, spricht nicht dafür, dass der Autor bereit wäre, den Maximen zu folgen, die er anderen so dringend anempfiehlt.

Für die "endlose Verwirrung" in der Frage nach dem Leitbegriff des Buches, über die wir auch anhand einiger Interpretationsarbeiten der Sekundärliteratur gesprochen haben, ist Steiner an dieser Stelle zunächst einmal selbst verantwortlich. Und es spricht nicht von selbstkritischem Urteilsvermögen, wenn Steiner die Verwirrung über das Thema des Buches, wie sie etwa in Hartmanns Stellungnahme zur Unklarheit des verwendeten Freiheitsbegriffs zum Ausdruck kommt, ausschließlich auf das Missverständnis seiner Leser abwälzt (GA 28, 244). Denn Steiners Eigenanteil an diesem Begriffsnebel ist - in Folge seines "Mangels an Unterscheidungsvermögen" - nicht unbeträchtlich.

Bis zuletzt hat Steiner dies nicht einsehen wollen. In einem Stuttgarter Vortrag vom 6. Februar 1923 sagte er, "Das hat man eben nicht mitgemacht: die „Philosophie der Freiheit“ anders zu lesen, als andere Bücher gelesen werden"; d.h. man hätte vermeiden müssen, sie "mit derselben Seelenhaltung zu lesen, wie man etwa andere philosophische Darstellungen liest." Selbstkritik war wirklich nicht Steiners Stärke. Hätte er nicht voraussehen und akzeptieren müssen, daß die Philosophen, um deren Gunst er warb, ihre jeweils eigene Seelenhaltungen behalten, anstatt sie zugunsten eines Habilitanden preisgeben würden?

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Es ist nun nicht so, daß das ganze Buch aus derart vernichtender Kritik bestünde. Die Lektüre ist vielmehr äußerst lehrreich und aufbauend, denn das vorgelegte philosophische Wissen ist enorm. Insofern ist das Buch freilich auch sehr anstrengend. Wer noch keinen Philosophen von Rang studiert hat, wird damit seine Schwierigkeit haben. Der wird aber auch Steiners philosophische Bücher nicht beurteilen, also auch nicht wirklich verstehen können, denn Steiner hat selber philosophischen Rang für sich beansprucht - tragischerweise, denn dieser wurde ihm seitens derer, die wirklich Rang besitzen, nicht zuerkannt.

Was Steiners höhere Erkenntnisse betrifft, so bleiben sie von der Kritik m.E. unberührt. Denn da handelt es sich um verschiedene Ebenen. Die eine Begabung verstärkt nicht die andere; sie kann, im Gegenteil, auch auf Kosten der anderen hervortreten.

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Zusatz (1): Das katholische / inquisitorische Erbe in Steiners Werk und Umfeld

Kosmogonie @, Donnerstag, 19. Mai 2016, 13:55 (vor 910 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Montag, 06. Juni 2016, 11:25

Um meine Provokation auf die Spitze zu treiben (was ich mir erlaube, da ich Steiner ernstnehme), erwähne ich noch die katholische Prägung, die Steiner in (früh-)kindlichen Alter erfahren hat, und mit der H.Traub sich in seinem Buch auf S. 793-803 ausführlich auseinandersetzt. Daraus will ich nur diesen Satz aus dem Resumee zitieren (Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

  • Dass sich bei Steiner gerade in seiner Abgrenzung gegenüber der Katholischen Kirche, so wie er sie erfahren hat, nicht nur deren Einfluss in der Gestalt der "feierlichen Gefühle und Ahnungen einer übersinnlichen Welt" erhalten, sondern sich auch Elemente ihres inquisitorischen Dogmatismus und Unfehlbarkeitsglaubens in seine eigene philosophische und spirituelle Weltanschauung hinüber gerettet haben, läßt sich aber kaum bestreiten.

Es ist jedenfalls frappierend, mit welcher Beharrlichkeit Steiner immer wieder behauptet, daß seine "Mitteilungen" aus höheren Welten von Jedermann eingesehen werden könnten, wenn sie nur genügend "unbefangen" und "vorurteilsfrei" aufgenommen würden.

Tatsächlich aber können sie ganz überwiegend nicht eingesehen werden, selbst mit größtem Wohlwollen nicht. Sie werden - von einer anthroposophischen "Fangemeinde" - lediglich geglaubt; ansonsten kann man sie als originelle und anregende Hypothesen schätzen und insoweit ernstnehmen; und daraus folgend kann man versuchen (so wie ich es tue), sie zu ordnen, in Beziehung zu setzen und versuchsweise weiterzudenken.

Was ist aber mit den Menschen, die Steiners Behauptungen nicht nur nicht einsehen, sondern darüber hinaus ablehnen, ja für Spinnerei erklären? Aus Steiners Sicht sind diese Menschen irgendwie krank. Der Kantianismus (dem Steiner übrigens innerlich viel näher stand, als er zugeben konnte) ist demnach eine "Wissenschaftskrankheit"; die Physiker Albert Einstein und seine Kollegen waren, zumindest unter wissenschaftlichem Aspekt, "Neurastheniker". Überhaupt operierte Steiner auffällig häufig mit den Begriffen "gesund" und "ungesund" außerhalb des medizinischen Bereiches.

Dies erinnert an die Inquisitionspraxis der Katholischen Kirche im - insoweit zurecht so genannten - "finsteren" Mittelalter. Man muß dieser Praxis übrigens zugestehen, daß sie in gewissem Sinne nicht ungerecht war: den Beschuldigten wurde viele Gelegenheiten gegeben, sich zu rechtfertigen und gegebenenfalls zu widerrufen. Auch wurde in Rechnung gestellt, daß sie möglicherweise (geistig) krank seien; zumindest in diesem Falle wurde von Folterung abgesehen.

Was Anthroposophen von den kirchlichen Inquisitoren wesentlich unterscheidet, ist der zeitlich bedingte Umstand, daß sie auf den Staat als Exekutive nicht zurückgreifen können, ja zeitweilig selber Opfer von Verfolgungen waren. Das hat sie gleichwohl nicht abgehalten, ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern, insbesondere den "Verrätern" innerhalb der eigenen Reihen (beispielsweise V.Tomberg), expressis verbis den Krieg zu erklären und tatsächlich soziale Vernichtungsfeldzüge auszuführen.

Bemerkenswert ist diesbezüglich eine Passage in Steiners Vortragswerk (GA 196-15, ich zitiere, Hervorhebung in Fettdruck durch mich):

  • Sie sehen gerade aus solch einem Dokument, daß es sich wahrlich nicht darum handeln kann, solchen Leuten Räson beizubringen. Man hat nur das andere Publikum darauf aufmerksam zu machen, was für schmähliche Menschen herumlaufen in der Welt und Artikel schreiben und verleumden. Denn es handelt sich gar nicht darum, diese Leute zu widerlegen, sondern lediglich sie unschädlich zu machen, denn daß diese Menschen existieren, das ist der Schaden.

Was soll es nun heißen, diese Leute unschädlich zu machen? Wenn, wie es im selben Satz heißt, schon in ihrer Existenz der Schaden besteht, dann kann "unschädlich machen" nur bedeuten, sie ihrer Existenz zu berauben. Dazu wird zwar nicht ausdrücklich aufgerufen, aber wenn Steiner sagt, "es handelt sich darum...", dann meint er es oft, und offenbar auch hier, im Sinne nicht einer Feststellung, sondern einer Aufgabenstellung. Zu diskutieren wäre dann nur noch über das "wie".

Man muß derartige Äußerungen - eigentlich: Entgleisungen - im Steinerwerk nicht allzu ernst nehmen, aber man kann und sollte sie werten als Indizien für eine Haltung, welche auf geistige Ursprünge der Anthroposophie zurückweist, und welche in großen Teilen von Steiners Anhängerschaft immer noch virulent ist.

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Zusatz (2): H.Traub über die Möglichkeit, daß Steiner doch noch Professor geworden wäre

Kosmogonie @, Donnerstag, 19. Mai 2016, 23:13 (vor 909 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Kosmogonie, Samstag, 21. Mai 2016, 00:07

Im Waldorfblog erschien am 22. Oktober 2013 ein Gedankenexperiment von Hartmut Traub unter dem Titel: Schwierigkeiten und Chancen einer Vermittlung von Philosophie und Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners.

Das fängt so an, ich zitiere:

Am 27. März 1895 erhält Rudolf Steiner einen Brief von Ernst Haeckel, in dem ihm der berühmte Biologieprofessor aus Jena folgendes mitteilt:

„Hochgeehrter Herr Doktor, bevor sich Magnifizenz der hiesigen Universität sowie der zuständige Minister unseres Landes mit einem formalen Schreiben an Sie wenden, ergreife ich vorab die Gelegenheit einer Mitteilung an Sie und komme ohne weiter Erklärung der näheren Umstände sogleich zum Kern der Sache. Das Kollegium der philosophischen Fakultät der Universität Jena erwägt nach dem Abgange des Kollegen Julius Lange nach Kiel die Vakanz seiner Professur durch Sie zu ersetzten. Ihre kürzlich erschienene Philosophie der Freiheit sowie Ihre zahlreichen anderen Schriften philosophischen Inhalts haben die Fakultät von der Originalität Ihrer Philosophie überzeugt und diese Arbeiten als formale Erfüllung der Berufungsvoraussetzungen anerkannt. Dass ich – nach unseren Gesprächen während meines sechzigsten Geburtstags, bei dem Sie die Güte hatten, anwesend zu sein – an der Entscheidungsfindung der Fakultät nicht ganz unbeteiligt war, können Sie sich denken. Darüber aber, lieber Steiner, Stillschweigen. Rechnen Sie also in Kürze mit Ihrer Berufung nach Jena.

Ich beglückwünsche Sie zur Erfüllung dieses, Ihres Herzenswunsches. Endlich ist es Ihnen vergönnt, – wie Sie einmal so schön sagten – ‚im heiteren Himmel der reinen philosophischen Lehrtätigkeit fliegen zu können‘. Ich freue mich auf die gemeinsame Arbeit an der Sache des Monismus, die uns beiden ja so am Herzen liegt.

Hochachtungsvoll, Ihr ergebener Ernst Haeckel.

Jena, 27. März 1895“

Im Wintersemester 1895/96 tritt Steiner dann die Professur für Moderne Philosophie und Weltanschauungsfragen in Jena an und liest dort über die Grundlagen der Erkenntnistheorie sowie über das Thema Pessimismus und Optimismus. Steiner hat endlich das Ziel seiner schriftstellerischen Bemühungen erreicht.

So hätte es kommen können. Und ganz unwahrscheinlich wäre es nicht gewesen, wenn es so gekommen wäre. Jedoch: Haeckels Brief gab es nicht, und auch Steiners Berufung nach Jena erfolgte – zu seiner Enttäuschung – leider nicht. Der Flug „in den heiteren Himmel philosophischer Lehrtätigkeit“ fiel aus. Ob zu Steiners Glück oder Unglück, das war damals noch nicht abzusehen.

Für mich ist nun eine der beiden Folgerungen interessant. Und zwar die erste, die Traub nur in einem Absatz abhandelt:

Was lehrt uns dieses Gedankenexperiment? Meines Erachtens Zweierlei.
Erstens: Die durchaus mögliche Wendung seines Lebensweges in die akademische Laufbahn hätte Steiners berufliches Interesse und späteres Engagement in der esoterischen Bewegung höchstwahrscheinlich in sehr engen Grenzen gehalten. Wahrscheinlich wäre es auch zu den Begegnungen mit Jakobowski, Blawatzky und Besant nicht gekommen. Ohne sie aber hätte Steiner seine eigene esoterische Theorie und Praxis nicht entwickelt.

Dagegen die zweite Folgerung, die Traub auf den verbleibenden 16 Seiten abhandelt, nämlich

die Tatsache, dass Steiners bis dahin verfasste Schriften auch ohne die esoterische Wende seines späteren Lebensweges vorlägen und ohne deren spätere anthroposophische Überarbeitung und Deutung verstanden werden müssten,

ist für mich zunächst uninteressant.

Also nochmal zurück zur ersten Folgerung: Steiners Engagement "in der esoterischen Bewegung" hätte sich "höchstwahrscheinlich in sehr engen Grenzen gehalten."

Ich bezweifle das. Zumindest wäre es ein Ergebnis, das ich für höchst bedauerlich hielte, denn in der Kosmologie, Hierarchienlehre und Christologie sehe ich Steiners eigentliche Leistung - auch wenn ich seine diesbezüglichen Aussagen für nicht bewiesen und - gegenwärtig - für nicht beweisbar halte. Meiner Vermutung nach hätte sich dieses Engagement in jedem Falle Bahn gebrochen, notfalls auch nach einer Beendigung der akademischen Laufbahn. Denn wer außer ihm wäre, sub specie aeternitatis, dazu berufen gewesen?

Nehmen wir nun also an, Steiner hätte sein esoterischen Engagement im akademischen Rahmen entfalten können, so wäre dies sicher auf höherem Niveau vonstatten gegangen, einfach weil er durch seinen Kollegenkreis viel mehr wissenschaftlich gefordert gewesen wäre. Vor Allem hätte er seine Kosmologie viel systematischer darstellen müssen. Unklarheiten und Inkonsequenzen wären seinen philosophischen Kollegen sofort aufgefallen und hätten sie zu Kritik herausgefordert.

Der Grund, daß Traub diesen Gedanken nicht weiter verfolgt, liegt anscheinend darin, daß er Steiner als "Geistesforscher" nicht ernstnimmt, wie übrigens viele moderne Steiner-Exegeten auch; siehe dazu einen anderen Artikel im Waldorfblog: Anthroposophische Reformation. Dogmen der liberalen Anthroposophie.

Diese "liberalen Anthroposophen" interessieren sich mehr für das philosophische Frühwerk Steiners. Für mich ist dieses, wie gesagt, ziemlich uninteressant. Steiner ist selbst kein originaler Philosoph. Man lernt durch seine philosophischen Schriften auch die originalen Philosophen nicht wirklich kennen, da Steiner sie, wie Traub es detailliert nachweist, im Grunde nur heranzieht, um sich selber abzugrenzen und zu profilieren. Dabei hat er sie, mit Ausnahme vielleicht der beiden Fichtes (Vater und Sohn) nicht einmal gründlich gelesen, und meistens völlig mißverstanden. (Am Beispiel Schopenhauers wird das besonders deutlich.) Auch seine umfangreiche Schrift "Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt" ist völlig ungeeignet, ein renommiertes Geschichtswerk der Philosophie zu ersetzen.

Wer die von Steiner oftmals empfohlene "Nebenübung des Denkens" praktizieren will, ist natürlich mit der Lektüre der "Philosophie der Freiheit" besser bedient als mit dem Räsonnement über einen Bleistift. Noch besser bedient ist er aber, wenn er zur Kontrolle die von Steiner zitierten Philosophen als Referenzen heranzieht, so wie Traub es getan hat. Und noch besser dürfte es sein, diese Autoren gleich im Original zu lesen. Man gewinnt dann Anschluß an die "philosophia perennis", die bleibende Philosophie, über die man sich weltweit verständigen kann - und eben nicht nur in Steinerianer-Kreisen.

Zusatz (2): H.Traub über die Möglichkeit, daß Steiner doch noch Professor geworden wäre

Bernhard, Samstag, 21. Mai 2016, 01:00 (vor 908 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Bernhard, Samstag, 21. Mai 2016, 01:09

Hallo, Thomas!

Hast Du Dir den "Traub" tatsächlich vorgenommen? - Alle Achtung! -

Bei den zahlreichen Kritikpunkten, die Du beispielhaft herausgreifst, weiß ich gar nicht so recht, wo ich mit meinem Kommentar anfangen soll...

Also, grundsätzlich dürfte es erfahrungsgemäß klar sein, dass ein Nicht-Anthroposoph und Nicht-Steiner-Anbeter Steiner negativ kritisiert. Traubs Kritik konzentriert sich offenbar ausschließlich oder primär auf den Philosophen Steiner - der er seiner Meinung nach nun ganz und gar nicht gewesen sein soll.

Nun, sicher war Steiner kein klassisch akademischer Philosoph; was aber nicht gleich heißt, dass er kein Philosoph im ursprünglichen Sinne war! Dass er wirklich(!) zutiefst nach Weisheit und Erkenntnis strebte und uns eine Fülle wahrer Weisheits- und Erkenntnisschätzen übermittelte, kann freilich nur von jemandem ermessen werden, der, selber nach wahrer Sinn-Erfüllung strebend, von seiner Lehre tiefinnig befriedigt, überreich befruchtet durch ihre keimhaften lebensvollen Anregungen zum eigenständigen Forschen und Lernen ermutigt wird.

Dass Steiner kein Halbgott war, sondern "nur" ein Mensch wie du und ich, hat er hinlänglich selber von sich selber bestätigt. Schließlich hatte er anlässlich einer "Krisensitzung" mit den Mitgliedern, deren eines von ihnen beteuerte, dass sie den "Herrn Doktor" doch so sehr "verehrten", zornig auf den Tisch geschlagen und geschrien: "Ich will nicht verehrt, sondern verstanden werden!" - Mithin scheint er ihm also bei seinem Streben nach seiner Professur sicher nicht um den "Ehrentitel" gegangen zu sein. -

Mag Steiner nun kein klassischer solider Wissenschaftler gewesen sein, sondern ein philanthropischer Haudegen gewesen, der in jeglicher Erkenntnis kein menschliches Besitztum sah, da er diese einzig ursächlich und universal dem göttlichen All-Geist zugestand: Mein Eindruck ist, dass es Traub allein darum geht, den potenziellen Rivalen Steiner aus dem "ehrwürdigen" Palais der akademischen Elite herauszudrängen bzw. herauszuhalten - zumal der materialistisch geprägte moderne Intellektuelle einen Geist, dem er selber niemals hinauffolgen kann, in der Tat fürchten muss. Freilich gelingt Traub dieser Hinaustrieb, da er gezielt auf Steiners (vermeintliche) Schwächen zielt.... -

Merkwürdig aber Dein Hinweis, dass Traub nicht den hellsichtigen Steiner ins Visier nehme! Dann nämlich frage ich mich, was die 1000-seitige Schlammschlacht und Spiegelfechterei gegen den miserablen klassischen Wissenschaftler Steiner bezwecken soll. Wahrscheinlich soll sie zu dem Schluss führen: Js, nun: Kann man denn einem, der nicht einmal fähig ist, ordentlich solide Intellektual-Arbeit zu beherrschen, überhaupt zugestehen, auf noch höherer geistiger Ebene zu authentischen Ergebnissen zu kommen? - Ich erinnere mich an ein älteres Interview mit dem berühmten Tiroler Berg-Abenteurer Reinhold Messner, in dem er einmal darüber sprach, wie schwierig es für ihn noch heute - nach über 30-jähriger Erfahrung als Bergführer - sei, die Tauglichkeit seiner Schützlinge richtig einzuschätzen. So erwiesen sich ihm, berichtete er, immer wieder einzelne bereits bei mittleren Schwierigkeitsgraden als "kritisch" und für den weiteren Aufstieg nicht geeignet, die aber dann durch Beharrlichkeit in den höchsten Lagen überraschend geschickt und ausdauernd waren und zuletzt freudentaumelnd den angestrebten Gipfelpunkt eroberten. -
Sollte solches nicht auch auf dem geistigen Gebiet möglich sein? - Könnte es nicht Geister geben, die auf niederer Schwelle größere "Nieten" sind als auf höherer? -

Wenn man einen Falken nötigt, seine akrobatischen Flugkünste in der Voliere darzubieten, gibt er einen ungeschickt taumelnden Flattermann ab; in der freien Atmosphäre aber, seinem eigentlichen Lebensraum, offenbart er sich als ein Meister der Lüfte. - Was kümmert uns daher der ins Käfigkorsett gezwängte Vogel? Wollen wir den wahren Flugkünstler sehen, ist uns sein Unvermögen in der Gefangenschaft gleichgültig...

Dies vorerst.


Lieben Nachtgruß!

Bernhard

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Steiners Geltungsanpruch als Philosoph im klassischen Sinne. Sein Beitrag zur Anthroposophie

Kosmogonie @, Samstag, 21. Mai 2016, 14:19 (vor 908 Tagen) @ Bernhard
bearbeitet von Kosmogonie, Mittwoch, 05. April 2017, 18:34

Hallo Bernhard,

danke für deine kritischen Überlegungen. Es scheint, daß ich mich in mancherlei Hinsicht zu sehr pointiert ausgedrückt habe. Aber der Reihe nach. Du schreibst:

Nun, sicher war Steiner kein klassisch akademischer Philosoph; was aber nicht gleich heißt, dass er kein Philosoph im ursprünglichen Sinne war!

Doch, zumindest wollte er - ganz klar - ein Philosoph im klassischen Sinne sein, und überdies auch im akademischen Sinne. Letzteres ergibt sich schon daraus, daß er für längere Zeit eine Professur, zumindest aber eine Dozentur an einer Universität angestrebt hat. Dafür hat er auch bemerkenswerte Zugeständnisse gemacht, indem er diejenigen Philosophen, von denen er sich Förderung erhoffte, emphatisch umworben hat. Haeckel zum Beispiel. Siehe auch etwa den Aufsatz "Johannes Volkelt. Ein deutscher Denker der Gegenwart" vom 20. Februar 1887 in der "Deutschen Presse", wiederum veröffentlicht in GA 30. Diesem heute fast völlig vergessenen Philosophen stilisiert er geradezu zum Helden des Deutschtums, eine Charakteristik, die damals immer gut ankam. (Traub erwähnt diesen Aufsatz nicht.)

Weiter schreibst du:

Dass er wirklich(!) zutiefst nach Weisheit und Erkenntnis strebte und uns eine Fülle wahrer Weisheits- und Erkenntnisschätzen übermittelte, kann freilich nur von jemandem ermessen werden, der, selber nach wahrer Sinn-Erfüllung strebend, von seiner Lehre tiefinnig befriedigt, überreich befruchtet durch ihre keimhaften lebensvollen Anregungen zum eigenständigen Forschen und Lernen ermutigt wird.

Darauf antworte ich mit einer Passage aus der Einleitung von "Philosophie und Anthroposophie". Der Autor stellt zunächst fest (Hervorhebungen in Fettdruck durch mich):

  • Steiners philosophische Schriften leben zu einem beträchtlichen Teil von ihrer Polemik. So besteht etwa die Hälfte der Philosophie der Freiheit aus polemisch-kritischen Auseinandersetzungen mit zentralen oder auch marginalen Gestalten und Positionen der Philosophie- und Geistesgeschichte. Besonderes Anliegen unserer Untersuchung ist es, diese Polemiken und Kritiken auf ihre Berechtigung und Sachhaltigkeit hin zu untersuchen. Das ist aus zweierlei Gründen erforderlich. Zum einen begründet Steiner seine eigenen Grundannahmen meist weniger durch den Nachweis ihrer inneren Stimmigkeit und Stichhaltigkeit, sondern aus der Entgegensetzung zu bekannten oder weniger bekannten Positionen der Philosophie- und Geistesgeschichte. Die Plausibilität des eigenen Denkansatzes wird so aus dem Nachweis der Fehlerhaftigkeit der kritisierten Gegner zu begründen versucht. Negatio est determinatio. [...] Das Problem dieser Argumentationsmethode besteht darin, dass Steiner in der Regel den Nachweis schuldig bleibt, dass die unterstellten Thesen überhaupt oder so, wie von ihm behauptet, vom jeweiligen Kontrahenten vertreten werden. [...]

Und nun das, worauf es mir ankommt:

  • Der zweite Grund für eine kritische Würdigung von Steiners Polemik besteht darin, dass die apologetische Steiner-Literatur ihr überwiegend blind folgt. Sie kennt die Problemgeschichte der Philosophie oder Theologie oft nur aus der Kritik, die Steiner an ihr übt.

Das ist der springende Punkt! Steiner wird deswegen oft so sehr überschätzt, weil man die Geistesgeschichte unterschätzt. Steiner-Apologeten sind regelmäßig bildungs-beschränkt. Sie haben die großen Philosophen nicht gelesen und wissen daher nicht, was ihnen damit entgangen ist. Wenn sie geistige Schätze bei Steiner kennenlernen, dann kommen ihnen diese originell und einmalig vor. Für große Teile der Kosmologie stimmt das auch - aber eben nur da.

Insofern betreibt Traub, wie er selbst schreibt,

  • "Entmythologisierung" von Steiners universalem philosophie- und geistesgeschichtlichen Geltungsanspruch.

Weiter schreibst du:

Mein Eindruck ist, dass es Traub allein darum geht, den potenziellen Rivalen Steiner aus dem "ehrwürdigen" Palais der akademischen Elite herauszudrängen bzw. herauszuhalten - zumal der materialistisch geprägte moderne Intellektuelle einen Geist, dem er selber niemals hinauffolgen kann, in der Tat fürchten muss.

Wieso Rivale? Steiner ist doch schon lange tot. Und selbst seine philosophischen Zeitgenossen werden ihn als potenziellen Rivalen kaum gefürchtet haben, zumal Steiner seinerseits fast auschließlich tote "Gegner" aufs Korn genommen hat. (Die Lebenden brauchte er ja, um überhaupt in den "ehrwürdigen Palais" aufgenommen zu werden.)

Merkwürdig aber Dein Hinweis, dass Traub nicht den hellsichtigen Steiner ins Visier nehme! Dann nämlich frage ich mich, was die 1000-seitige Schlammschlacht und Spiegelfechterei gegen den miserablen klassischen Wissenschaftler Steiner bezwecken soll.

Wie gesagt, die durch Hellsicht gewonnenen Erkenntnisse sind nicht Gegenstand von Traubs Kritik. Wie soll man sie denn auch kritisieren, da sie nicht nachprüfbar sind? Ich vermute, sie interessieren ihn auch nicht besonders. Für ihn ist Steiner interessant, weil er Wirkung ausgeübt hat und immer noch ausübt. Seine Untersuchung hat auch keineswegs den Charakter einer Schlammschlacht, und schon gar nicht den einer Spiegelfechterei; gerade letzteres trifft eher auf die philosophische Vorgehensweise Steiners zu, da dieser meistens Positionen bekämpft, die er selber konstruiert hat.

--------------

Nun aber sollten wir uns aber auch mit dem Positiven beschäftigen. Traub zufolge hat ja Steiner einen wirklichen, sehr beachtlichen Fortschritt bewirkt, indem er weiterentwickelt hat, was im Werk von Johann Gottlieb Fichte angelegt war und durch dessen Sohn Immanuel Hermann sowie durch Ignaz Paul Vital Troxler in einer bestimmten Weise ausgestaltet worden ist - allerdings nicht konsequent, weil letztere beiden von der "genetischen" Methode in die beschreibende Methode zurückgefallen sind. Hierüber gibt das Schlußkapitel (S. 1008-1018) eine ausführliche zusammenfassende Auskunft.

Von J.G. Fichte angeregt ist

  • dieser konstruierende, mathematische Geist, der den Konstruierenden selbst in den Prozess der Erzeugung, Durchmessung und Gestaltung des geistigen und seelischen Raumes mit einbezieht und auf diesen Weise zu "inneren Beweisen" gelangen läßt, den Steiner für sich reklamiert und den er gegen die bloß äußerliche Abschilderung anthroposophischer Phänomene bei den Pionieren der Anthroposophie [gemeint sind I.H.Fichte und Troxler] in Stellung bringt.

Wohlgemerkt, Steiner war nicht der erste Anthroposoph. Seine Vorgänger, von denen Steiner auch die Bezeichnung "Anthroposophie" übernommen hat, waren I.H.Fichte und Troxler.

  • Was aber auch den anthroposophischen Pionieren Troxler und I.H.Fichte nicht gelungen ist, das ist die wirkliche Erkundung und lebendige Erforschung des entdeckten "Kontinent des Geistes". Steiners originärer Beitrag zur Anthroposophie ist es demnach, die Methode und das Instrumentarium für eine wissenschaftliche Erschließung der Neuen Welt der Seele und des Geistes entwickelt und bereitgestellt zu haben. Zumindest hat Steiner sich so verstanden. Sieht man hier aber etwas genauer hin, so erweist sich die gegen die anthroposophischen Entdecker [I.H.Fichte, Troxler] gerichtete Kritik in ihrem methodologischen Grundsatz als eine posthume Kritik des genetischen Denkens der Vätergeneration des Deutschen Idealismus am deskriptiven Phänomenalismus der Söhne. Evidenz - das war die massive Kritik J.G. Fichtes an einer bloß darstellenden, in seinen Worten faktischen Philosophie - läßt sich nicht durch die Beschreibung von Denkoperationen oder geistigen Sachverhalten vermitteln. Ein solcher "äußerlicher Beweis" führt lediglich auf sogenannte "Tat-Sachen des Bewußtseins". Evidenz, Gewissheit, Wahrheit und Verständnis der Dinge entspringen, gemäß dem Postulat des genetischen Denkens, originär aus deren Konstruktion, das heißt nicht aus Tat-Sachen, sondern aus Tat-Handlungen.

Die "Philosophie der Freiheit" ist das Buch, auf welches Steiner seine "anthroposophische Forschungsmethode" begründet. Interessant ist dann aber das Folgende:

  • In dieser methodologisch bemerkenswerten Orientierung an der Philosophie der Freiheit kommt womöglich ein gewisses Unbehagen am dozierenden Lehrstil seiner eigenen anthroposophisch-theosophischen Schriften zum Ausdruck. Denn was diesen über weite Strecken fehlt, ist eben jene entscheidende Unmittelbarkeit, die das "wirkliche Darinnenstehen" genetischen Philosophierens ausmacht. Für die Charakterisierung der Anthroposophie kommt es Steiner gegen Ende seines eigenen Bildungsweges im Jahre 1922 nun genau auf diesen Unterschied zwischen dem wirklichen, empfindungsfundierten "Drinnenstehen" in der "seelischen Entwicklung" einerseits und der distanzierten, theoretischen Beschreibung oder Betrachtung der Stufen möglicher Erkenntnis an. Nur das erste, das authentische, persönliche Involviertsein in den Gang der Entwicklung seelischer und geistiger Vermögen kennzeichnet "das Elementar-Methodische" anthroposophischer Forschung (GA 82, 120, 143f.).

Fragen wir uns nun noch einmal: Was wäre, wenn Steiner doch noch die von ihm ersehnte Professur erhalten hätte? Ich vermute, es wäre nicht zu dem erwähnten "dozierenden Lehrstil" gekommen. Dazu nochmal Traub:

  • Jeder, der sich einmal etwas ausführlicher mit den theoretischen Schriften Johann Gottlieb Fichtes befasst hat, wird dabei eine eigentümliche Leseerfahrung gemacht haben. Fichtes berühmte und bereits zu seiner Jenaer Zeit bekannte genetische Methode des Philosophierens besteht darin, der Leser- oder Hörerschaft gedankliche Operationen nicht zu beschreiben oder vorzudenken, sondern sie im Geist der Leser und Hörer selber zu konstruieren oder nachkonstruieren zu lassen.

Das ist echte akademische Philosophie!

Ich hoffe, ich habe die Darstellung hiermit etwas vervollständigt.

Gruß
Thomas

Steiners Geltungsanpruch als Philosoph im klassischen Sinne. Sein Beitrag zur Anthroposophie

Bernhard, Sonntag, 22. Mai 2016, 11:15 (vor 907 Tagen) @ Kosmogonie
bearbeitet von Bernhard, Sonntag, 22. Mai 2016, 11:25

Hallo, Thomas!


Vielen Dank für Deine ausführliche differenzierende Darlegung. Der Vergleich Fichte - Steiner hat mir die unterschiedlichen Denkungsarten etwas klarer gemacht.

Es ist schon Jahre her, dass ich Fichte gelesen habe. Ich habe mir nur zwei oder drei seiner Werke - neben seinem Hauptwerk zur Wissenschaftslehre - von einem Freund geliehen, selber besitze ich keinen "Fichte".

Ich muss sagen, dass mir sein "seelenfreundlicher" Stil ausgesprochen gut gefallen hat. Seine Denkungsart ist im wahrsten Wortsinne be-geisternd und erfrischend anregend und hat mich dazumal zu eigenem Nach- und Weiterdenken, ja eigentlich zum Philosophieren überhaupt regelrecht euphorisiert. Mich hat auch erst die klare und griffige Aussage, wonach das Ich sowohl das Tätige als auch das durch es In-die-Tat-Umgesetzte mit-einander eines gemeinsamen Wesens sind (sofern ich dies recht verstanden habe), befriedigt - eine Definition, die ich in Steiners "Philosophie" beim besten Willen nicht fand... - Dies nur mal zum meinerseits vielfach vermissten Evidenz-Anspruch in Steiners "geisteswissenschaftlichem" Werk. -


Im Übrigen finde ich Fichtes krassen Anti-Semitismus - das ist jedenfalls mein Eindruck - schon recht bemerkenswert - nun nicht unbedingt im negativen Sinne: Denn es liegt sicher in der Natur der Sache, dass man, wenn man wirklich zum wahren Wesen des Ichs vorzudringen beginnt, man geist-gesetzes-notwendig die erschütternde Diskrepanz des kollektivistisch ausgerichteten niederen jüdischen Gruppen-Ichs gegenüber dem individuellen selbst-eigenen, freien und mithin selbst verantwortlichen Ich unangenehm zu spüren bekommt. Wahrscheinlich war Fichte dieser Zusammenhang nicht voll bewusst; die Sache macht aber deutlich, dass man, wie Fichte es tat, durch wissenschaftlich exakte(!) Geistes-Forschung von Erkenntnis zu Erkenntnis gelangen kann - und wenn nicht selber, so doch zuletzt durch helles, befruchtendes Be-geistern anderer Sinn- und Erkenntissucher... -

Ich habe vor Steiner als Geisteslehrer und authentischen Esoteriker/Okkultisten alle Hochachtung. Gleichzeitig bin ich intellektuell und spirituell autark und "egoistisch" genug, diesbezüglich ganz und gar nichts fraglos zu akzeptieren und passiv hinzunehmen, ohne es selber wirklich hinterfragt, ergründet und einsichtig verstanden zu haben. Gleichzeitig ist mir jene kindliche Geistes- und Gemütshaltung zueigen, die laut Christus unabdingbar vorauszusetzen ist, wenn man in die "Reiche der Himmel" vordringen will. Dank ihrer konnte ich schon als Kind und Jugendlicher manches erkunden und entdecken, was ich später vielfach in authentischen esoterischen und okkulten Werken - auch Steiners - bestätigt fand. -

Dies nur, um mich klar und ausdrücklich vom "Steinerianismus" zu distanzieren. Meine besten Erfolge und Fortschritte erziele ich weder durch Voreingenommenheit noch durch blinden Glauben, sondern durch maßvolle kritische Wachsamkeit und selbstlose Empathie. Zu ehrfürchtigem Staunen und inniger Demut habe ich mich - bzw. hat mich mein Schicksal - in früheren Leben erzogen. Wenn Steiner - wie die okkulten Schulen insgesamt - jene Fähigkeiten als fundamental für die okkulte Schülerschaft voraussetzen, so kann ich durch mich und an mir selber bestätigen, dass diese Forderung zumindest keine Überforderung darstellt. Insofern ehre ich Rudolf Steiner und blicke demütig zu ihm auf, als ich dasjenige, was er mir an esoterisch-okkulten Tatsachen offenbart, durch eigene Erkenntnisfindung selbstbewusst und sicher bejahen kann.


Lieben Gruß!

Bernhard

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I.H.Fichte

Kosmogonie @, Dienstag, 24. Mai 2016, 11:06 (vor 905 Tagen) @ Bernhard

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Guten Tag, Bernhard!

Offen gesagt, ich habe bisher noch gar nichts von J.G.Fichte (den Vater) gelesen, will das aber nachholen, sobald ich mit dem Wälzer von Hartmut Traub zuende bin. Wobei ich wiederum zugeben muß, daß ich wegen meiner fehlenden Fichte-Kenntnisse bei Weitem nicht allen Ausführungen von Traub folgen kann. Hier habe ich also echten Nachholbedarf. Du bist mir darin voraus, wie ich sehe.

Zwischenzeitlich habe ich ein weniger schwieriges Buch durchgelesen, nämlich: "Immanuel Hermann Fichte, ein Denker gegen seine Zeit" von Hermann Ehret, ein Buch, daß auch Traub erwähnt, wenn auch nur als bedingt hilfreich einstuft. Ich konnte ein Exemplar, so gut wie neu, antiquarisch für weniger als ein Euro erwerben (mit Versandkosten dann doch etwas mehr). Für Steiners Werdegang ist I.H.Fichte jedenfalls bedeutsam. Der scheint ein beneidenswert harmonischer Mensch gewesen zu sein, weniger "titanisch" als sein Vater, aber sehr schöpferisch und vielseitig.

Hermann Ehret erwähnt auch einige Geistesverwandte I.H.Fichtes, die er alle als "Spekulative Theisten" bezeichnet. Unter ihnen Troxler; ebenso Moriz Carrière (1817-1895), August Czieskowski (1814-1894) und Agustin Smetana (1814-1851). Über letzteren schreibt Ehret: "Seine Weltdarstellung erreicht sogar die drei planetarischen Vorzustände der Erde, ebenso wie zwei Nachstufen." Da dachte ich natürlich sogleich an Steiners Kosmologie. Tatsächlich habe ich ein online lesbares Buch von Smetana gefunden, das dieses Konzept zu beschreiben scheint: Der Geist, sein Entstehen und Vergehen. Allerdings ist mir beim ersten Lesen (eigentlich Überfliegen) nicht klar geworden, wieviel daran "ausgedacht" ist, und wieviel möglicherweise auf übersinnliche Erkenntnis zurückgeht.

Wie dem sei, ich werde ich mich mit dem Buch von Traub noch etwas beschäftigen. In zwei Wochen ist Rückgabetermin, die Zeit sollte ich nutzen.

Wenn du ein neues Thema hast, das in unserem Zusammenhang (Kosmogonie) interessant sein könnte, nur zu!

Gruß
Thomas

I.H.Fichte

Bernhard, Dienstag, 24. Mai 2016, 16:35 (vor 905 Tagen) @ Kosmogonie

Servus, Thomas!

Erst mal vielen Dank für die Buchempfehlung! Der Titel steht schon auf meiner Wunschliste... -

Den Namen Smetana kenne ich nur aus der klassischen Musik. Bedrich Smetana gefällt mir eher nur mittelmäßig, meine klassischen Lieblings-Komponisten gehen in eine ganz andere Richtung. - Den beiden seiner Namen nach war Augustin Smetana wohl auch Tscheche; vielleicht sind die beiden Smetanas sogar miteinander verwandt... -

Jedenfalls, ich habe vorhin in den Augustin Smetana hineingeschmökert. Großartig! Ein erfrischend belebender Frühlingsregen auf die verdorrte Wüste der intellektualistischen Theoretik. Die deutsche Schrift, Fraktur und verwandte machen mir keine Schwierigkeiten. - War Smetana ein Geheimschüler/Esoteriker? - Vielen Dank auch für den Link! Den Text werfe ich mir aus, sobald ich meinen neuen Drucker habe...

Leider kann ich Dir keine konkreten Titel von Fichte empfehlen; wie gesagt, selber habe ich keinen, und auch kann ich mich an keinen der drei, die ich vor langem gelesen habe, erinnern. Aber ich werde ihn mir wieder zulegen, zumal die von Dir empfohlene Biographie mich einmal mehr dazu neu anregt. -

Ein neues Thema - Nun ja, Themen, die ins Forum passen würden, hätte ich genug. Zur Zeit wollen meine jüngsten Neffen (fünf Jahre, Zwillinge) neben ihren Eltern auch von mir etwa wöchentlich ein Märchen vorgelesen bekommen. Grimm, Bechstein, Anderson und Afanasjew sind besonders beliebt - übrigens auch meinerseits! Ich liebe echte Märchen und die klassischen Sagen und Mythen, deren wohl an die drei Meter meiner Bücherregale ausfüllen. Rudolf Steiner hat ja zur Genüge den unschätzbaren pädagogischen Wert der Märchen und Mythen auseinandergesetzt. Durch sie kann man tief in die Vergangenheit der Menschheitsevolution zurückblicken und weit in deren Zukunft hinein, überhaupt die Mysterien des Lebens, des Universums und der Natur entschleiern - sofern man sie recht zu deuten versteht! Denn das Wunderbare an diesen authentischen(!) Erzählungen ist ja, dass man, je mehr man sie aus geistiger/spiritueller Sicht und Erkenntnis heraus betrachtet, ihren wahren Sinngehalt sowohl erkennen wie auch verstehen lernt. - Ich glaube schlichtweg, dass ich ohne die Anthroposophie und ohne die Schulung des reinen (sinnlichkeitsfreien) Denkens noch heute weder die großen gewaltigen Mythen und Sagen noch die echten Märchen durschauen könnte... -

Was sagst Du zu authentischen Märchen, Sagen, Mythen, z.B. zum klassischen griechischen Mythos, in dem sich die Kosmogonie übermenschlich-genial in gewaltigen Bilder-Dramen widerspiegelt? Oder zu den Märchen für kleine und große Kinder mit ihrem tief-sinnigen hoch-moralischen Ansatz? Kannst/könntest Du ein dir bekanntes oder unbekanntes Märchen im (echt) geisteswissenschaftlichen Kontext auslegen? -


Lieben Gruß!

Bernhard

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