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Rätsel im Wesen Luzifers. Ein Versuch ihrer Auflösung.

Kosmogonie @, Montag, 02. Januar 2017, 22:42 (vor 685 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Freitag, 06. Januar 2017, 16:57

Bittet man einen Anthroposophen um eine knappe Charakterisierung Luzifers, so wird man gewöhnlich eine Antwort wie die folgende erhalten: Luzifer steht für Erdflüchtigkeit.

Fragt man ihn sodann, wer denn den Sturz des Menschen in die allzu irdisch-materielle Verdichtung bewirkt habe, so wird man zur Antwort erhalten: Ja, das war Luzifer. - Aber wie paßt das zusammen? Wie kann derselbe Geist den Menschen einmal erdflüchtig und ein andermal erdsüchtig machen?

Auch mit der Hitze und der Kälte ist das so eine Sache. Meist wird nämlich dem Luzifer die heiße Sinnesbegierde und dem Ahriman die kalte Vernunft zugeschrieben, bisweilen aber auch umgekehrt: von Luzifer geht helles, aber kaltes Licht aus, und Ahriman führt zur Besessenheit durch höllisch heiße Trieb-Dämonen. Ich kenne keinen Anthroposophen, der, konfrontiert mit diesen Widersprüchen, mir aus dem Stegreif eine vernünftige Antwort geben konnte.

Zählen wir einmal die Eigenschaften auf, die Luzifer überhaupt zugesprochen werden. Es sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Selbstzufriedenheit
  • Lust an der Selbstbespiegelung
  • Hochmut, verächliches Herabblicken auf Andere
  • (nach dem Sturz:) Sehnsucht nach vergangener Größe und den Zuständen, in denen die eigene Größe noch gültig war
  • (falsches) Bewußtsein, Unrecht erlitten zu haben
  • resultierend: Entschluß zur Revolte
  • Aufwiegelung der - auf natürliche Weise - weniger entwickelten "Massen" zu einem "gerechten Kampf"
  • Indoktrination der Massen: Verbreitung von Unterdückungs- und Befreiungs-Ideologien.

Mir scheint aber, daß eine Synthese möglich ist, und zwar durch die genetische Betrachtung: Was war Luzifer anfangs, und wie wurde er, was er ist (aber nicht bleiben muß)?

Steiner zufolge ist oder war Luzifer der Bruder Christi, diesem ebenbürtig, ein Erzengel von strahlender Schönheit. Sein Ursprung liegt damit auf der Alten Sonne. Doch anders als Christus verschloß er sich dem Weltenwort und verharrte im Selbstgenuß. In der Folge stockte er in seiner Entwicklung; relativ gesehen fiel er also zurück. Daraus resultierend, nunmehr auf dem Alten Mond, schloß er sich - pauschaler ausgedrückt: schlossen sich die luziferischen Wesen - den Dynamis an, welche schon im vorangehenden Pralaya durch einen Beschluß der Trinität zur universalen Revolte abkommandiert worden waren. Alle diese revoltierenden und dynamisierenden Wesen - meist werden sie als luziferische Wesen zusammengefaßt - retardierten in ihrer Entwicklung dergestalt, daß sie zwar formell ihre jeweilige Ranghöhe beibehielten (zumindest die Engel blieben Engel), aber eine Untergruppe von geistig Zurückgebliebenen bildeten.

Dieses Auseinanderdriften setzte und setzt sich auf der Erde fort. Ab einer bestimmten Entwicklungsphase des Menschen (!) erhielten nun die luziferischen Engel eine Gelegenheit, ihre Entwicklung fortzusetzen. Dazu mußten sie nur den Menschen einbinden. Sie profitierten von der Möglichkeit des Menschen - oder erzeugten diese Möglichkeit sogar -, auf die Außenwelt einzuwirken. Die regulär entwickelten höheren Wesen hatten das schon auf dem Alten Mond gelernt; die luziferischen Engel hatten das damals verpaßt, und sie konnten es jetzt auch nicht ohne Beteiligung des Menschen nachholen. Der Mensch gab ihnen die Möglichkeit, die physische Welt von außen zu schauen.

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Vergleichen wir das zuletzt Gesagte jetzt einmal mit bestimmten Entwicklungen beim Menschen.

Der einfachste Fall: Wir kennen Menschen, die hochmütig sind, sich selbst genießen, und gar nicht wissen, daß sie sich von der Wirklichkeit weitgehend abgekoppelt haben. In der gegenwärtigen politischen Landschaft Deutschlands treffen wir sie zuhauf, ob wir wollen oder nicht. Die ganze Regierung scheint aus solchen Realitätsverweigern zu bestehen, die angesichts von verheerenden Terroranschlägen uns auffordern, uns nicht zu beunruhigen, selbst allerdings auf schußsichere Fahrzeuge umsteigen.

Ebenfalls kennen wir Menschen, die abgestürzt sind und sich die Augen reiben. Das muß nicht unbedingt nach einer zunächst erfolgreichen Karriere passiert sein; sie können eine derartige Erfahrung auch schon in einem früheren Leben gehabt haben und damit belastet in ihr jetziges Leben getreten sein. Sie machen dann die Erfahrung, nicht zu erreichen, was sie "eigentlich" (d.h. ohne den längst vergessenen Sturz) erreichen könnten. Und oft finden sie eine Erklärung: Es gibt Unterdrückung. Das kann zur Solidarität führen mit anderen Menschen, die tatsächlich oder vermeintlich ebenfalls unterdrückt werden.

Ich halte dies für den wahrscheinlichsten Hintergrund aller Unterdrückungs- und Befreiungs-Ideologien. Das kann zum Klassenkampf führen (Beispiel: Bolschewismus); zum Rassen- oder Völkerkampf (Beispiel: Nationalsozialismus); oder zum Geschlechterkampf (Beispiel: Feminismus). In jedem Fall wird zwischen einer (evtl. nur vermeintlich) machthabenden und einer machtlosen Klasse scharf polarisiert, und der machtlosen Klasse das Recht auf "Selbstbefreiung" zugestanden, wobei der Zweck die Mittel heiligt.

Daß hierbei auch Aufwiegelung und Indoktrination zum Einsatz kommen, habe ich in meiner Aufzählung (siehe Liste) schon erwähnt. Möglicherweise ist den Ideologen - aufgrund ihrer luziferischen Vergangenheit - gar nicht einmal der Unterschied zwischen vermeintlicher und tatsächlicher Unterdrückung bewußt.

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Es gibt jedoch auch die unkriegerische Ideologie vom "Edlen Wilden", die zu höchst individuellen Lebensläufen führen kann. Luziferisch beeinflußte, jedoch christlich teil-geläuterte Menschen, welche mit derartigen Ideen sympatisieren, suchen etwa Gegenden auf, in denen sie ein "natürliches Paradies" vermuten. Tatsächlich vermittelt ihnen der Aufenthalt zunächst einen Abglanz des Himmels, den sie sich erträumt und einst vielleicht erlebt haben. Fast immer aber kehren sie schwer enttäuscht zurück, nicht ohne jedoch um Erfahrungen bereichert zu sein, welche sie in die Lage versetzen, das Leben in Europa besser zu würdigen.

Wir wissen doch, daß eine zeitweilige Rückversetzung die Reife befördern kann (nicht muß). In der regulären Klasse fühlte man sich einsam und verachtet - "abgehängt" -; in der unteren Klasse wird man geachtet und umworben. So jedenfalls werden die luziferischen Engel gefühlt haben, welche in der Atlantis daran gingen, dem Menschen die Kultur zu bringen. Sie konnten nicht nur die Menschen entwickeln; sie konnten auch ihrerseits (auf dem Alten Mond) Versäumtes nachholen und somit nachreifen.

In einem solchen günstig verlaufenden Falle wird die "Sündenkrankheit", die ursprünglich wohl eine von Engeln ist, geheilt.

Aber haben diese luziferischen "Entwicklungshelfer" nicht ihrerseits den Menschen verführt und langfristig zu Fall gebracht? Ja natürlich, auch das. Ganz allgemein verbindet sich mit dem "Helfer-Syndrom" Fluch und Segen. Es gibt unter den menschlichen Entwicklungshelfern, die in fernen Ländern arbeiten, auch die "kaputten Typen", denen sehr viel daran gelegen ist, billig sexuelle Befriedigung zu erlangen und straflos Abhängige schikanieren zu können. (Wie es auch indigene Abzocker unter den Dorfkönigen gibt, und das ist ebenso übel.)

Einen anderen ungünstigen Aspekt stellen diejenigen "edlen Europäer" dar, welche die angebliche (viel seltener tatsächliche) Unterdrückung von Klassen, Völkern oder des weiblichen Geschlechts zur eigenen moralischen Aufrüstung und als moralische Waffe gegen ihre formell gleichgestellten Mitmenschen erheben. Auch Rudolf Steiner war zumindest in seiner Frühzeit dieser Versuchung erlegen. In jüngster Zeit haben wir das äußerst markant an der enthusiastischen Begrüßung von (Kultur-)Fremden erlebt, mit der vorhergesagten und nicht ausgebliebenen Folge von Terroranschlägen und einer extremen Verunsicherung der Bevölkerung.

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Fazit:

Man kann die Wirklichkeit, in der wir leben, regelmäßig besser verstehen, wenn man die Kosmogonie als Grundlage nimmt. Darauf weist auch Steiner in seiner "Geheimwissenschaft" an entsprechender Stelle ausdrücklich hin. Es scheint, daß sich die kosmischen Figuren wie Fraktale in kleinste Einzelheiten des Irdischen wiederfinden.

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