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Die nathanische Wesenheit: Verseelte sich Christus in Engel- oder Erzengelgestalt?

Kosmogonie @, Samstag, 19. November 2016, 02:01 (vor 726 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Samstag, 19. November 2016, 02:06

Steinerianer sind meist geneigt, selbst offensichtlich unvereinbare Aussagen des Meisters als gleichwertig gelten zu lassen. Es komme eben nur auf die Betrachtungsweise an, heißt es dann. Unter einem bestimmten Aspekt sei die eine Aussage richtig, unter einem anderem Aspekt die zweite. Steiner habe ja selbst gesagt, mit Logik könne man den geistigen Tatsachen nicht beikommen.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, daß Steiner seine Widersprüche selbst nicht unbedingt bemerkte. Seine Kritik an der Kritik fällt dann auf ihn selbst zurück. Ich habe dies in meinem Abdruck von GA 152-10 aufgezeigt. Siehe die dort eingefügten Anmerkungen mit grüner Untermalung.

Wenn ich mich nicht täusche, sprach Steiner erstmals am 30. Dezember 1913 von drei korrigierenden Einflußnahmen des Christus auf den Menschen noch vor dem Ereignis von Golgatha: jeweils zum Ende der Lemuris, zum Anfang der Atlantis und schließlich zum Ende der Atlantis. Hierzu habe der Christus sich in einem engelartigen Wesen "verseelt", das später als der nathanische Jesusknabe aufgetreten ist. Einen Tag später Steiner präzisiert Steiner dieses Wesen als Engel oder Angelos und bekräftigt das mit dem Hinweis auf das Bibelwort vom Engel, welcher dem Täufer Johannes voranschreitet.

Während der folgenden Monate schwankt Steiner in der Bezeichnung dieses Wesens zwischen Engel und Erzengel. Am 27. Mai 1914 hat er sich dann endgültig auf die Bezeichnung Erzengel festgelegt.

Am 1. Juni 1914 scheint er auf kritische Nachfragen reagiert zu haben, indem er, offenbar nicht eingedenk seines früheren Schwankens, seine Kritiker zurechtweist:

Ich gebe zu, daß es Ihnen sonderbar erscheinen wird, wenn ich sage: Dreimal hat sich diese Wesenheit in Erzengelgestalt verseelt und dann in Menschengestalt verleiblicht. Denn schematischer wäre es, zu sagen, zwischen der Verseelung in einer Erzengelgestalt und der Verleiblichung läge eine Verseelung in einer Engelgestalt, das heißt es würde sich der Christus auf einer der Stufen in einer Engelgestalt verseelt haben. So kommt es einem vor.

Aber wenn die Menschen einem auch unterstellen, daß die Dinge, die aus der Geisteswissenschaft kommen, erdichtet sind, wahrhaftig, es ist nicht so. Das können Sie ja auch aus andern Dingen entnehmen. Und wenn Sie mich fragen: Wie kommt es, daß der Christus nicht herunterstieg von Hierarchie zu Hierarchie und dann erst zum Menschen herunterstieg -, wenn Sie mich heute darum fragen, so muß ich Ihnen antworten: Das weiß ich nicht, weil ich überhaupt nicht kombiniere. Sondern die Tatsachenforschung ergibt, daß der Christus sich dreimal einer Erzengelgestalt - die Engelgestalt wurde ausgelassen - und dann einer Menschengestalt bediente. Ich überlasse es späterer Forschung, festzustellen, warum das so ist. Heute weiß ich es noch nicht, aber es ist so. Wenn man erdichten wollte, würde man es - das können Sie aus dem eben Gesagten entnehmen - ganz anders machen.

Diese Zurechtweisung kann ein wenig peinlich anmuten, wenn man durch Nachlesen zur Kenntnis nehmen muß, daß Steiner (zumindest) anfänglich selbst einen Tatbestand "erdichtet" hat. Seine demonstrative Selbstsicherheit scheint also auf dem Umstand zu beruhen, daß er sich an seine eigenen früheren Aussagen nicht mehr recht erinnert. Anderenfalls wäre zu erwarten, daß er sich etwa so geäußert hätte: "Ende vorigen Jahres hatte ich noch angenommen...Inzwischen aber bin ich mir sicher, daß die Sache sich wie folgt verhält..."

Wie dem sei, ich halte es für wissenschaftlich geboten, Steiners Aussagen kritisch zu betrachten und, wo geboten, auch einmal zu verwerfen. Irren ist menschlich, und Steiner war ein Mensch.

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