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Gedanken zu einer apologetischen Schrift von Joachim F. Reuter

Kosmogonie @, Freitag, 22. Juni 2018, 16:01 (vor 149 Tagen)
bearbeitet von Kosmogonie, Freitag, 31. August 2018, 23:42

Der studierte Volkswirtschaftler Joachim F. Reuter, ehemals CFO u.A. im Bereich Maschinenbau, hat 2010 ein bemerkenswertes Buch "Ethik - Verfall und Renaissance" veröffentlicht, das zu studieren ich mir vorgenommen habe. Gleichzeitig sind aber auch drei kleine Bände von ihm erschienen, in Dialogform verfaßt, die einen schnellen Überblick zur Sache ermöglichen. Zwei davon habe ich soeben durchgelesen.

Der erste ist betitelt "Quantenphysik und Glaube". Es geht um Entwicklungen innerhalb der Physik, welche Bereiche erschlossen hat, die sich dem logischen Denken entziehen und somit die vermeintliche Unvereinbarkeit wissenschaftlicher und religiöser Erfahrung obsolet erscheinen lassen. Dies ist nicht so sehr "mein" Thema. Allerdings kann ich meinerseits darauf hinweisen, daß die Erkenntnisse der Quantenphysik auch schon Gegenstand okkultistischer Erläuterungen geworden sind, so z.B. in den Atlantis-Bänden von Andreas Delor (siehe das Thema hier im Forum), vor Allem im 8. Atlantis-Band.

Der zweite Band der dreiteiligen Reihe von Reuter ist "Dawkins' Atheismus" gewidmet. Dazu möchte ich mich etwas ausführlicher äußern. Es geht um die Existenzfrage Gottes, genauer: des Schöpfergottes.

Hier setzt auch sogleich meine Kritik an. Der Schöpfergott - in anderer Bezeichnung: Vatergott - ist ein Element der für den Christen bedeutsamen Trinität oder Dreieinigkeit. Der christliche Gott hat sozusagen drei Aspekte. Wir können sie vielleicht so unterscheiden:

  • Der Vatergott wird gedacht in der Vergangenheit;
  • der Sohnesgott wird erfühlt in der Gegenwart;
  • der Heilende Gott (oder Geistgott) wird gewollt in der Zukunft.

Letzterer ist sozusagen die Projektion des Schöpfergottes in die Zukunft, und zwar vor dessen Schöpfungen der Widersachermächte (Luzifer, Ahriman, die Asuras, Sorat, etc.). Die vom Vater geschaffenen Widersacher sind also in ihm noch nicht enthalten, und darum vermag er zu heilen. Dazu braucht er aber einen Mittler, den menschgewordenen und erfühlbaren Gott, dem wir - anders als die beiden anderen Aspekte Gottes - auf Augenebene begegnen können und sollen.

Ich will in meiner Entgegnung darauf hinaus, daß wer sich auf die Existenzfrage des Schöpfer- oder Vatergottes konzentriert, sei es beweisend, sei es widerlegend, in jüdisch-muslimischer Religiosität bzw. Areligiosität befangen bleibt. Juden sind heute meistens ungläubig, Muslime hingegen sehr gläubig; beide aber verlangen nicht nach Gottesbeweisen. Und wir sehen gerade an den gläubigen Muslimen, daß der überzeugend gelebte Glaube an den Schöpfergott uns gesellschaftlich nicht weiter bringt.

Vielleicht hilft der Vergleich mit einer sehr häufigen Situation: Trennung des Kindes von seinem Vater. Es ist ja heute so, daß ein Scheidungs- und Sorgerechtsprozeß meist zugunsten der Mutter ausgeht. Der entsorgte Vater hat zwar ein Umgangsrecht, aber auch das wird ihm sehr oft durch die Mutter verweigert, ohne daß dies für sie Konsequenzen hätte. Wenn das Kind nach dem Vater fragt, wird ihm meist geantwortet: "Der interessiert sich nicht für dich. Daß du darunter leiden mußt, ist ihm auch egal." Oder, ganz konsequent: "Dein Vater ist abgehauen / ist tot." Gott ist tot.

Der Gottesbeweis entspricht dem Vaterschaftsnachweis. Davon profitiert die Mutter, also die Fürstin der kindlichen Welt, da sie jetzt den Schadensverursacher und Zahlungspflichtigen kennt. In der Bibel ist Satan der Ankläger. Ob das Kind vom Vaterbeweis profitiert, ist zunächst fraglich, denn es erfährt: Gott ist nicht allmächtig. Er muß sich beweisen lassen und dann, wenn er mir erscheint, sich demütigen lassen. Vielleicht verachtet es einen solchen Vater. Und, wie Tomberg schrieb, wollen viele Menschen einen Gott nicht, der seine Macht abgegeben hat und an uns / für uns leidet. Sie wollen lieber einen Tyrannen.

Gleichwohl, aus meiner Sicht kann es heute nicht darum gehen, auf religiöser Ebene den Vaterschaftsbeweis zu erbringen, sondern vielmehr darum, die Liebes- und Erlösungsfähigkeit, die Selbstaufopferung des Sohnes erlebbar zu machen. Mit dem Sohn meine ich nicht das Kind, sondern die Metamorphose Gottes vom Zeuger zum Heiler. Er hat die Gegenmächte zugelassen, um den Werdeprozeß ins Laufen zu bringen; jetzt muß er wieder eingreifen, um Schäden auszubessern, und dies tut er durch Hingabe von Teilen seiner Substanz, durch Opfer. Diese Metamorphose wird als Sohn bezeichnet.

Das Kind im obigen Beispiel kann sich sagen: ich brauche dieses Opfer nicht, mir geht es gut bei der Mutter, lat. mater, im Materialismus. Ich brauche keine väterliche Witzfigur. Irgendwann kann sich das ändern. Das Bewußtsein von der väterlichen Existenz kann aufdämmern; Beweisfragen treten auf; aber entscheidend ist doch die Frage des Gefühls: Ist das ein liebender Vater? Oder eine Figur, die in mir Angst und Schuldgefühle weckt? Im letzteren Falle wird die Existenz verneint, allen Beweisen zum Trotz.

Was Dawkins betrifft, so bewerte ich sein Argumentationssystem (soweit mir bekannt) lediglich als eine amüsante Denksportaufgabe: Finde den Fehler! (Oder: die Fehler.) Man sollte ihn jedenfalls, aus meiner Sicht, nicht so weit ernstnehmen, daß man großes Geschütz auffährt. Etwa mit den Worten:

In der Philosophie und Psychologie von C.G.Jung heißt das Inflationierung und Halluzination einer Idee.

Das klingt mir zu sehr nach Psychiatrisierung eines Andersdenkenden. Auch die Hervorhebung Albert Einsteins als eines gläubigen Menschen erscheint mir zu hoch gegriffen, zumal in der Wikipedia (unter "Einstellung zur Religion") zu lesen ist:

In einem anderen Brief schreibt er 1954:

„Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“

Nochmals, ich meine, daß heute nicht mehr die Schöpfung durch Gott, sondern die Heilung der Schöpfung durch den liebenden, leidenden, sich opfernden Gott vermittelt werden, und zudem auch eine Sicht auf den zukünftigen Gott erschlossen werden muß. Denn aus der Zukunft kommen unsere Willensimpulse, kommt die Hoffnung. Zwischen Denken (des Gewordenen) und Wollen (des Werdenden) entfaltet sich vermittelnd das Fühlen. - Entsprechend die drei großen christlichen Feste: Weihnachten (Vergangenheit); Kreuzigung und Auferstehung (immerwährende Gegenwart); Pfingsten (Gemeinschaft als zu schaffende Zukunft). Pfingsten ist am schwersten verständlich, eben weil wir erst darauf zugehen.

Noch eine Merkwürdigkeit: Ich las in einem der Väterforen von einem Vater, der irgendwann sein Trennungskind wiederfand. Das freute mich, aber zugleich irritierte mich, daß er Bücher schrieb, in welchen er über den Gottesglauben Witze machte, ja mich darum bat, für diese Bücher auf meinen Internetseiten zu werben. Dann fiel mir auf, daß alle diese Väter, mit denen ich als Forist korrespondierte, Atheisten waren, ja einen richtigen Haß auf Gläubige zum Ausdruck brachten. Könnte es sein, daß sie ihre Kinder verloren, weil sie sich selbst unserem gemeinsamen Vater entzogen?

Und, zuletzt: Wir haben damit zu rechnen, daß die Zahl der Menschen, die sich letztlich zu Christus bekennen, sehr klein sein wird. In der Apokalypse ist von 144.000 die Rede. Wie ich einer Mitteilung aus der "Mühle" (s. Flensburger Hefte, Sonderreihe) entnehme, ist diese Zahl auch nicht unbedingt symbolisch zu verstehen. Die Zahl der ersten ich-begabten Menschen war ja anfangs auch sehr klein. Das Beispiel der Muslime zeigt, daß die meisten Menschen einen allmächtigen und tyrannischen Gott viel sympathischer finden als einen solchen, der ihnen Freiheit schenkt, aber auch Verantwortung auferlegt. Auch darum, so vermute ich, wird die Zahl der bekennenden Christen in naher Zukunft eher kleiner werden; sie wird zusammenschrumpfen auf eine sehr kleine Zahl ernsthaft opferbereiter Menschen. Man denke auch an die zunehmend militanteren Christenverfolgungen. Da wird sich die Spreu vom Weizen trennen.

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